„1914. Die Avantgarden im Kampf“ Von der Staffelei in den Krieg

Hundert Jahre nach Beginn des Ersten Weltkrieges hat die mediale Rückbesinnung mit zahlreichen neuen Büchern, Ausstellungen und Veranstaltungen begonnen. Der Frage, inwieweit die „Urkatastrophe“ des 20. Jahrhunderts auch die Kunst radikal veränderte, geht eine umfangreiche Ausstellung in der Bundeskunsthalle in Bonn nach.

Anhand von 300 Gemälden, Skulpturen und Zeichnungen zeigt der Kurator und ehemalige Direktor der Hamburger Kunsthalle, Uwe M. Schneede, wie die Künstler der Avantgarde den Krieg vorausahnten, ihn herbeiwünschten oder sich vor ihm fürchteten. Wie sie ihn schließlich erlebten – an der Front, im Exil oder im Lazarett – und künstlerisch darauf reagierten.

Der Krieg – ein avantgardistisches Abenteuer?

Ludwig Meidner, „Die Abgebrannten (Heimatlose)“, 1912 Ludwig Meidner, „Die Abgebrannten (Heimatlose)“, 1912 | © Museum Folkwang Schon lange vor den Schüssen in Sarajevo im Sommer 1914 waren Krieg und Apokalypse in der Kunst gegenwärtig: Alfred Kubin schuf bereits um die Jahrhundertwende seine surrealen Kriegsphantasien, Ludwig Meidner ließ ab 1910 Großstadtpanoramen in Feuersbrünsten untergehen und Wassily Kandinsky malte zwei Jahre später sein Programmbild Sintflut I.

George Grosz, „Aufruhr“, 1917/18 George Grosz, „Aufruhr“, 1917/18 | © VG Bild Kunst Bonn 2014, Foto: Berlinische Galerie - Landesmuseum für Moderne Kunst, Fotografie und Architektur Das Gefühl, unmittelbar vor einer Epochenwende zu stehen, verband alle Künstler der expressionistischen Ära. Herbeigesehnt wurde das Ende des „allzu üppig wuchernden Materialismus“ (Max Liebermann) und ein neues „Reich des Geistigen“ (Wassily Kandinsky). Franz Marc erkannte wohl deshalb im Kriegsausbruch das Zeichen einer „großen Erschütterung“, „für die es sich lohnt zu leben und zu sterben“. Und auch Max Beckmann meinte zunächst „daß es für unsere heutige, ziemlich demoralisierte Kultur gar nicht schlecht wäre, wenn die Instinkte und Triebe alle mal wieder an ein Interesse gefesselt würden“. Er selbst wurde Sanitätshelfer und zeichnete während seiner Einsätze – zunächst in Ostpreußen, später in Flandern – das ganze Elend der Schlachtfelder: Zerfetzte Körper, Gasopfer, die nach Luft ringen, Verstörte. Schock und Inspiration lagen dabei für Beckmann gefährlich nah beieinander: „Meine Kunst kriegt hier zu fressen“, schrieb er im April 1915 an seine Frau Minna.

Internationale Kunstszene – nationalistische Kriegseuphorie

Max Slevogt, „Pegasus im Kriegsdienst“, Lithografie, aus der Mappe „Gesichte“, 1917 Max Slevogt, „Pegasus im Kriegsdienst“, Lithografie, aus der Mappe „Gesichte“, 1917 | © Landesmuseum Mainz, Graphische Sammlung / GDKE Rheinland-Pfalz Auch wenn heute klar ist, dass nicht alle Deutschen begeistert in den Krieg zogen, so waren wohl gerade die Intellektuellen und Künstler besonders anfällig für den „Geist von 1914“. Otto Dix, Ernst Ludwig Kirchner, Erich Heckel oder Franz Marc meldeten sich freiwillig zum Kriegsdienst. Ernst Barlach, Franz von Stuck oder Max Liebermann beteiligten sich gar an patriotischer Propaganda. In Russland und Frankreich entstanden nationalistische Druckgrafiken von Kasimir Malewitsch, Wladimir Majakowsi und Raoul Dufy und die italienischen Futuristen priesen den Krieg gar als „einzige Hygiene der Welt“. Aus international bestens vernetzten und vielfach eng befreundeten Künstlerkollegen wurden von einem Tag auf den anderen Feinde. Die Haltung zum Krieg ließ Freundschaften zerbrechen und stellte viele Künstler vor eine Zerreißprobe. Mit welchem Gefühl zogen Künstler wie August Macke oder Franz Marc wohl in den Krieg gegen Frankreich?

Leiden, Stürzen, Sterben

Albert Weisgerber. „David und Goliath“, 1914 Albert Weisgerber. „David und Goliath“, 1914 | © Stiftung Saarländischer Kulturbesitz, Saarlandmuseum, Saarbrücken Der oftmals – eher metaphorisch – herbeigesehnte Krieg erwies sich schnell als eine gnadenlose, industrialisierte Tötungsmaschinerie, die 17 Millionen Menschen das Leben nehmen sollte. Darunter auch einer Reihe junger Künstler: August Macke, Franz Marc, Albert Weisgerber, Waldemar Rösler, Hermann Stenner und viele andere kehrten nicht zurück.

Die Überlebenden hielten Zerstörung, Verwundung und Tod in berührenden Zeichnungen fest. Erich Heckel, Max Slevogt, Hans Richter oder Otto Dix dokumentierten, was sie sehen und erleben mussten. Aber: Lässt sich das Grauen der Schlachtfelder überhaupt verbildlichen? Felix Vallotton malte menschenleere Landschaften. George Grosz zeichnete böse Graffiti-Grotesken. Wilhelm Lehmbruck schrieb die Erfahrungen von Zusammenbruch und Ausweglosigkeit in die Anatomie seines großartigen Gestürzten ein. Und Ernst Ludwig Kirchner porträtierte sich in Uniform mit maskenhaft leerem Gesicht und blutendem Armstumpf: einen Maler, der angesichts der entfesselten Kriegsbarbarei nicht mehr malen kann. Kam die Kunst also angesichts des Krieges an ihr Ende?

Zurück im Atelier

Max Beckmann, „Selbstbildnis als Krankenpfleger“, 1915 Max Beckmann, „Selbstbildnis als Krankenpfleger“, 1915 | © VG Bild Kunst Bonn 2014, Foto: © Von der Heydt Museum Wuppertal  Die Traumatisierten oder vor dem Krieg ins Exil Geflohenen versuchten neu anzufangen. Max Beckmann zeigt sich 1915, noch in seiner Sanitäteruniform, schon wieder an der Staffelei. Vom Krieg gezeichnet blickt er aus dem Bildraum: Nichts ist noch so, wie es vorher war.

In Zürich entsteht Dada – eine Anti-Kunst, die als Bürgerschreck auftritt und alles persifliert und ironisiert, was einmal heilig war. Die Kunst wird vom Sockel geholt: Marcel Duchamp stellt Alltagsdinge ins Museum und erklärt sie zum Kunstwerk. Malewitsch malt sein Schwarzes Quadrat und definiert damit die Nulllinie der Malerei.

War der Weltkrieg für die Kunst also tatsächlich ein Katalysator? Inspirierte sein Vernichtungspotential die schöpferischen Kräfte? Diese Fragen sind wohl falsch gestellt, hatten die Avantgarden doch schon vor dem Krieg ihre „Schlachten in Farbe und Stein“ (Max Pechstein) geschlagen.
 

„1914. Die Avantgarden im Kampf“, Bundeskunsthalle Bonn, 8. November 2013 bis 23. Februar 2014.