Textile Kunst Der rote Faden der Hochkunst

Textilkunst ist Frauensache, Kunstgewerbe oder Folklore. Vorurteile über die ästhetische Arbeit mit Stoffen sind extrem reißfest, und zwar umso mehr, je näher man einer Vorstellung von Hochkultur kommt.

Chiharu Shiota „Love Letters“ Chiharu Shiota „Love Letters“ | Foto: Christoph Schmidt picture alliance © picture alliance / dpa Das Klischee des 19. Jahrhunderts, wonach das männliche Genie malt und meißelt, während weibliches Verschönerungstalent webt, strickt, häkelt und stickt, hält sich erstaunlich unausrottbar in der Rezeption großer Kunst. Aber dieses simple Bild zeigt zwei entscheidende Fehler: Der vielfältige Einsatz textiler Materialien in der Kunst kommt darin ebenso wenig zum Vorschein wie die große Rolle, die Techniken aus der Stoffgestaltung für die Abstrakte Kunst gespielt haben.

Diverse Ausstellungen haben zuletzt einen regelrechten Trend kreiert, mit dieser Geringschätzung aufzuräumen. In Turin, Mönchengladbach, Wien, Wolfsburg und Bielefeld bewerten Überblicksausstellungen den Konflikt zwischen Bedeutung und Anerkennung von Stoff in der Bildenden Kunst neu. Friedrich Meschede knüpft in Bielefeld mit der Ausstellung To Open Eyes – Kunst und Textil vom Bauhaus bis heute, an die Zeit der großen Reformbewegungen vor rund hundert Jahren an. In der Pinakothek der Moderne in München ging man dem Einfluss von Marokkanischen Teppichen auf die Avantgarde nach, das Pariser Museum für Moderne Kunst versammelt Künstlerteppiche von Pablo Picasso bis Albert Oehlen. Und in der Hamburger Kunsthalle folgte auf die Retrospektive eines männlichen Pioniers der Stoffkunst, Franz Erhard Walther, eine der weiblichen Konzept-Avantgardistinnen Eva Hesse.

Gemeinsam zeigten diese Ausstellungen, dass das Textile weniger ein Nebenaspekt der Hochkunst als eines ihrer Leitthemen ist. Bildteppiche gehörten schon zu den Grabbeigaben im alten Ägypten. Die detaillierte Beherrschung der Wiedergabe textiler Strukturen auf dem Stoff der Leinwand bestimmt seit der Renaissance maßgeblich das Ansehen eines Malers. Aber auch als Hilfsmittel standen Spinnprodukte an den Kehrtwenden der Kunstgeschichte, sei es als Fadenraster bei der Entwicklung der Perspektive oder als Wollfäden für Maler wie Van Gogh zum Farbabgleich.

Stoffliche Vorbilder Moderner Kunst

Dass die textile Kunst die „Urkunst“ schlechthin sei, aus der „alle anderen Künste ihre Typen und Symbole entlehnen“, wie es der Architekt Gottfried Semper 1860 kategorisch erklärte, hat sich nirgends deutlicher gezeigt als in der Modernen Kunst. Die Arts-and-Crafts-Bewegung und der Jugendstil gewannen ihre Prägnanz aus der Stilisierung von Mustern und Ornamenten, Henri Matisse und Pierre Bonnard beriefen sich bei ihren leuchtenden Abstraktionen auf Stoffe, und auch der Kubismus ist ohne den Inspirationsschatz der Vorbilder aus Stoff nicht denkbar. Schließlich geschah die Befreiung der ungegenständlichen Malerei in enger, teilweise persönlicher Verbindung von Malen und Weben.

Markus Brüderlin, der jüngst verstorbene Direktor des Kunstmuseums Wolfsburg kuratierte mit Kunst und Textil (Oktober 2013 bis März 2014) die umfassendste Ausstellung zu dem Thema. Er verortete „die Geburt der Abstraktion aus dem Geist des Textilen“ bei den Künstlerehepaaren Anni und Josef Albers, Sonia und Robert Delaunay sowie Hans Arp und Sophie Taeuber-Arp. Die geometrischen Stoffentwürfe, die die drei Frauen auf dem Raster der Webstühle entwickelten, habe es den Männer ermöglicht, Malerei „wieder in ihrer ursprünglichen Reinheit“ zu begreifen, wie Sophie Taeuber-Arp es beschrieb. Aber auch andere Rebellen der ästhetischen Abstraktion verknüpften die Genres. Oskar Schlemmers berühmtestes Werk sind die Kostüme seines Triadischen Balletts. Die russischen Konstruktivisten suchten die Annäherung zwischen bildlicher Abstraktion und neuer revolutionärer Garderobe. Und das Schwarze Quadrat von Kasimir Malewitsch erschien das erste Mal 1913 auf einem Bühnenvorhang für die Kunstoper Sieg über die Sonne.

Stoffsammlung

Was die mögliche Breite der textilen Kunst betrifft, so liefert die Wolfsburger Ausstellung einen ziemlich erschöpfenden Überblick. Von Tapeten der Wiener Werkstätten bis zu den knallfarbigen Tapisserien, die Gerhard Richter nach seinen Schlierenbildern herstellen lässt, von Jesus Schweißtuch bis zu den blasphemischen Porno-Nähbildern der Ägypterin Ghada Amer, von Joseph Beuys Filzkunst bis zu Louise Bourgeois malträtierten Stoffpuppen klingt nahezu jeder Aspekte der extrem vielfältigen Auseinandersetzung mit Stoff in der Kunst hier an. Komplexe Machtdiagramme von Burak Arikan zeigen, wie der textilen Fabrikation entlehnte Metaphern wie „Verknüpfen“, „Verketten“ oder „Vernetzen“ Teil der Kunstmethodik geworden sind. Lucio Fontana hat die Leinwand mit Messerschlitzen vom unbedachten Hintergrund ins Bewusstsein gerückt, in der Architektur sorgen Zeltstrukturen seit dem Münchner Olympiastadion für Leichtigkeit, und Sigmar Polkes Bilder auf billigen Musterstoffen entlocken dem Textil das Humoristische.

Der Stoff der Kunst

Gegen die umfangreiche Wolfsburger Ausstellung können die anderen Ausstellungen nicht wirklich mithalten, überschneiden sich aber in vielen Aspekten und verdichten andere. Textiles: Open Letters in Mönchengladbach etwa konzentrierte sich auf die Wechselwirkungen zwischen Textildesign und Freier Kunst, während Soft Pictures in der Fondazione Sandretto Re Rebaudengo in Turin vor allem aktuelle Künstler versammelt, die mit Textilien arbeiten. Aber sie alle zeigen, dass der Stoff der Kunst häufiger aus Stoff ist, als es dem einfach gestrickten Gemüt so vorschwebt.
 

„Textiles: Open Letters“ ist vom 19. September 2014 bis zum 1. Februar 2015 in der Generali Foundation Wien zu sehen.