Museumsbau
Vom White Cube zur Event-Location

Volker Staab
Volker Staab | Foto (Ausschnitt): Michael Brunner

Der Berliner Architekt Volker Staab gilt als der profilierteste deutsche Museumsarchitekt. Unter anderem in Nürnberg, Schweinfurt, Chemnitz, Dresden, Bayreuth, Ahrenshoop, Kassel, Hohenschwangau und zuletzt 2014 in Münster hat er Museen verschiedener Art neu gebaut, erweitert, neu konzipiert und umgebaut. Ein Gespräch über die aktuellen Tendenzen im Museumsbau.

Herr Staab, der Museumsboom der Siebzigerjahre hat sich, kaum abgeebbt, bis heute mit erstaunlicher Dynamik fortgesetzt. Noch immer werden allerorten neue spektakuläre Ausstellungshäuser eröffnet oder traditionsreiche Museen einem zum Teil umfassenden Relaunch unterworfen. Welche Tendenzen können Sie erkennen?

In den Neunzigerjahren stand die Ideologie des White Cube im Vordergrund, es ging vorrangig um die Frage nach dem angemessenen Raum für die Kunst. Da gab es das weit beachtete Buch von Remy Zaugg Das Kunstmuseum, das ich mir erträume oder der Ort des Werkes und des Menschen, ein beliebter Leitfaden, der vorführt, wie man Kunst präsentiert. Doch die Frage nach dem Kunstraum wird mittlerweile überlagert von der Frage, was bedeutet die Institution Museum heute? Inwieweit ist das Museum aktuell mehr als ein Ort, an dem nur Kunst ausgestellt wird? Denn die Museen werden heute auch nach ihren Besucherquoten beurteilt. Es gibt den Erwartungsdruck der Politik auf die Museumsleute, nachzuweisen, dass ihr Museum gesellschaftliche Relevanz hat, indem es hohe Besucherzahlen aufweist.

Zu welchen programmatischen Veränderungen hat das geführt?

Die Aktivitäten im Museum haben sich stark verändert. Museen sind offener für andere kulturelle Sparten geworden, natürlich auch, weil sich die Grenzen der künstlerischen Disziplinen verschieben. Räume werden für Events vermietet, natürlich auch, um zusätzliche Einnahmen zu generieren. Dieser Wandel der Institution hat bei vielen Kuratoren interessanterweise das Verhältnis zur Architektur verändert. Früher war der schlimmste Vorwurf der Museumsleute an die Architekten, sie würden sich selbst verwirklichen und spektakuläre statt taugliche Museen bauen. Sie erinnern sich vielleicht an die Diskussion um Hans Hollein und sein Museum für Moderne Kunst in Frankfurt in den frühen 1990er-Jahren.

Heute erlebe ich in Jurys, dass die Museumsleute nach der außergewöhnlichen, der spektakulären Architektur schielen. Heute sind es die Architekten, die darauf hinweisen: Architektur kann euch mit dem Bilbao-Effekt nur über die ersten zwei, drei Jahre helfen, aber danach müsst Ihr es mit den Inhalten schaffen. Und nicht überall ist Bilbao – weder was das städtische Umfeld noch was die Möglichkeiten der Institution betrifft.

Gibt es denn das typische zeitgenössische Museum des beginnenden 21. Jahrhunderts? Ist es Frank O. Gehrys Fondation Louis Vuitton in Paris, von dem ich noch nie ein Innenraumfoto gesehen habe, sondern immer nur die sensationelle Außenansicht? Sind es SANAAs gestapelte White Cubes in New York? Oder Chipperfields leiseres Museum Folkwang in Essen?

  • LWL-Museum für Kunst und Kultur Münster Foto: Elisabeth Deiters-Keul
    LWL-Museum für Kunst und Kultur Münster
  • LWL-Museum für Kunst und Kultur Münster Foto: Christian Richters
    LWL-Museum für Kunst und Kultur Münster
  • LWL-Museum für Kunst und Kultur Münster Foto: Christian Richters
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  • LWL-Museum für Kunst und Kultur Münster Foto: Hanna Neander
    LWL-Museum für Kunst und Kultur Münster
  • LWL-Museum für Kunst und Kultur Münster Foto: Elisabeth Deiters-Keul
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  • LWL-Museum für Kunst und Kultur Münster Foto: Elisabeth Deiters-Keul
    LWL-Museum für Kunst und Kultur Münster
  • LWL-Museum für Kunst und Kultur Münster Foto: Elisabeth Deiters-Keul
    LWL-Museum für Kunst und Kultur Münster
Museum ist nicht gleich Museum, die Differenzierung nimmt immer stärker zu. Es sollte auf den Ort und die inhaltliche Ausrichtung der Sammlung ankommen. Unser Museum in Münster zum Beispiel hat eine Sammlung mit einem riesigen zeitlichen und inhaltlichen Spektrum, vom Mittelalter bis in die Gegenwartskunst, von kunsthistorischen und landesgeschichtlich relevanten Werken. Was das für die Architektur bedeutet, ist für uns das Interessante. Da gibt es Schlüsselwerke, auch von der Dimension her, die zu Fixpunkten werden. Ein Anliegen war es, einen chronologischen Rundgang zu haben. Der allerdings überfordert die meisten Besucher, sodass sie entweder einen oberflächlichen Schnelldurchgang machen oder sich nur Teile der Sammlung vornehmen. Das hat natürlich Auswirkungen auf die Konzeption des Rundgangs. Das zweite Anliegen war, dass man über die Schlüsselwerkspositionen und mehrgeschossigen Räume hinaus immer wieder Einblicke in die anderen Abteilungen haben soll und das Spektrum des Hauses auch optisch erleben kann.

Was wollen Museumsleute heute für Räume haben?

Oft wollen sie die Inszenierung. Sie folgen einer Tendenz, dass die Dinge nicht für sich selbst sprechen, sondern in einer Kulisse oder einem Szenario erzählt werden wollen. Das ist ja bei Museen, die Geschichten erzählen, und nicht von der Aura des Kunstwerkes leben, verständlich – problematischer wird dies in Kunstmuseen.

Wenn man Räume für Inszenierungen schafft, legt man sich doch ziemlich fest? Oder erledigt man das mit Gipskartonwänden, die leicht revidierbar sind?

Wir machen gerne feste Räume, die eine gewisse räumliche Dramaturgie haben. Und die sind dann mit Licht und Technik so ausgestattet, dass man sie unterschiedlich bespielen kann, zum Beispiel als klassische Galerieräume, aber auch als Dunkelräume mit Spots oder künstlichen Innenwelten.

Wenn Sie ein Kunstmuseum in völliger Freiheit auf der grünen Wiese bauen sollten, wie würde das aussehen und funktionieren?

Es braucht die Randbedingungen. Ohne Randbedingungen kann ich kein Museum planen, da wüsste ich nicht, was ich machen soll. Das sich selbst genügende Objekt auf der grünen Wiese, das liegt mir nicht. Es ist die Suche nach dem Spezifischen an dem Ort, an der Sammlung, an der inhaltlichen Ausrichtung des Museums, welche den Entwurfsprozess spannend macht.

Wie kann man den von Betreibern oder Bauherren über die hochkulturelle Ausstellungsfunktion hinaus gewünschten gesellschaftlichen Mehrwert eines Museums erreichen?
 
Ein Thema ist die Schwelle, die Offenheit des Hauses gegenüber der Stadt. Macht man das Haus im Erdgeschoss so durchlässig wie möglich? Kann man durch das Haus gehen, ohne das eigentliche Museum zu betreten? Welche Räume muss ein Haus anbieten, um mehr zu sein als ein Ausstellungshaus – Foyer, Vortragssaal, Café, Shop, Bibliothek, mehrfach nutzbare Räume? Ein Haus, das ein öffentlicher Ort im Gewebe der Stadt wird und bis zehn Uhr abends geöffnet ist – das war zum Beispiel unser Ziel in Münster.

Droht die Sekundärnutzung nicht manchmal überhandzunehmen?

Das ist eine Gratwanderung und hängt alles mit diesem Quotendruck zusammen. Man hegt die Hoffnung, dass die Leute, wenn sie im Buchladen sind, auch noch ins Museum gehen. Da ist sicher etwas dran. Aber was ich fragwürdig finde, ist das Vermieten für rein kommerzielle Veranstaltungen, womit das Museum von seinem kulturellen Auftrag entkoppelt zur event location verkommt. Aber wenn es klappt, dass ein Museum mit seinem Angebot und seinem Veranstaltungsprogramm zum kulturellen Ort, zum Fixpunkt im öffentlichen Leben der Stadt wird und wenn das architektonische Konzept dies mit seinem räumlichen Angebot unterstützen kann, ist das sehr schön.