Interview
„Ein Netzwerk quer über den Atlantik“

Barcamp - Taylla de Paula
Filomena Carvalho bei der Konferenz „Echos des Südatlantiks” in Salvador da Bahia, © Taylla de Paula | © Goethe-Institut Angola

Die Zukunft der Beziehungen zwischen Europa, Südamerika und Afrika wurden im April auf der Konferenz „Echos des Südatlantiks“ in Salvador da Bahia diskutiert. Für Angola hat die Architektin Filomena do Espírito Santo Carvalho teilgenommen.

Die Konferenz ist Ausgangspunkt eines dreijährigen Projekts des Goethe-Instituts, das die Zukunft der transatlantischen Beziehungen im Süden in den Blick nehmen möchte: Wie geht es mit dem Dreieck Afrika-Südamerika-Europa im 21. Jahrhundert weiter? Welche Position kann Europa gegenüber Afrika und Südamerika einnehmen, nachdem es 500 Jahre lang - mal stärker, mal schwächer - die Rolle der kolonialen Hegemonialmacht gesielt hat? Wie lassen sich soziale, wirtschaftliche, politische und kulturelle Entwicklungen absichern? Welche gemeinsamen Geschichten und kulturelle Strategien können unser Leben substanziell und nachhaltig verbessern?

Fachleute, Künstlerinnen und Künstler, Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus drei Kontinenten gingen im offenen Austausch gemeinsam diesen und weiteren Fragen nach, um erste Ideen für vertiefte Beziehungen zwischen den Anrainern des Südatlantiks und Europa zu sammeln. Hier erklärt uns Filomena die Ergebnisse der Konferenz aus ihrer Sicht.


Goethe-Institut: Worum ging es bei der Konferenz?

Filomena Carvalho: Auf der Konferenz wurden gemeinsame Interessengebiete identifiziert sowie Handlungsweisen entwickelt, die in jedem der beteiligten Länder relevant sind und als Arbeitsgrundlage für das weitere Handeln dienen sollen. Es wurden auch Konzepte für zukünftige Kunst- und Wissenschaftsprojekte entwickelt, die vom Goethe-Institut und lokalen Partnern unterstützt werden könnten. Dabei soll gelten: Ausgangspunkt aller Überlegungen muss die Zielgruppe sein, also die konkreten Nutzer der Projekte selbst.

Ganz praktisch ging es natürlich auch einfach ums Kennenlernen: Jetzt haben wir zum ersten Mal ein Netzwerk von kreativen Denkern rund um und quer über den Südatlantik!


Welche Beiträge waren besonders inspirierend?

Zunächst einmal sollten alle Beiträge die verschiedenen Sichtweisen auf Geschichte und Zustand der interatlantischen Beziehungen vorstellen. Da gab es spannende Unterschiede in der Wahrnehmung und entsprechend ganz unterschiedliche Beiträge, sodass wir viel Stoff zum Debattieren hatten.

Bonaventura Ndikung zeigte in seinem Beitrag „It is Dark and Damp on Front – Treading the Sonic Path of Halim El-Dabh”, wie die Musik ein künstlerisches Mittel zur Kommunikation und Verbreitung von Identität sein kann, gerade indem sie die Unterschiede zwischen uns betont.

Die Perfomances von Carol Barreto und Anita Ekman waren als „Warnrufe" gemeint: Wie können wir dem steinigen Weg im Prozess der Identitätsbestätigung und -bejahung in dieser globalen Welt gerecht werden?


Wie positioniert sich Angola zu den Themen der Konferenz?

Das Leitthema „Interterritoriale Beziehungen im Südatlantikraum praktizieren und die Süd-Nord-Beziehungen neu denken" sind Themen, die für jeden angolanischen Bürger relevant sein sollten. Die Beiträge wurden ja innerhalb von Arbeitsgruppen vorgestellt und diskutiert. Die Fragestellungen dieser Gruppen knüpfen direkt an die Realitäten in Angola an. Unter den Stichwörtern „Interventionen in der Bildung“, „Identität im Südatlantikraum“ oder „gesellschaftliches Engagement“ etwa wurden Themen diskutiert, um die auch in Angola auf nationaler und lokaler Ebene intensiv gerungen wird.


Zum Schluss zwei Fragen an die Architektin: Steht die heutige Architektur in Angola unter dem Vorzeichen der Globalisierung oder können wir von einer angolanischen Architektur sprechen?

In Angola können wir sicherlich Architektur finden, an der man eine angolanische Formensprache ausmachen kann. Diese Architektur sucht Antworten auf bestimmte lokale Eigenheiten: die Topographie, das Klima oder gar die Kultur der Menschen. Im Idealfall spiegeln sich dann Elemente der angolanischen Identität wieder. Das war sicherlich beim Kinaxixe-Markt in Luanda der Fall. Es gibt auch Beispiele in den Bereichen Wohnen, Bildung, Gesundheit. Trotzdem folgt das Gros der zuletzt in Angola verwirklichten Bauprojekte nach wie vor dem globalen Trend.


Was halten Sie von der Stadt Salvador?

Durch den engen Zeitplan der Konferenz war leider kein wirklicher Besuch der Stadt möglich. Auf dem Weg vom und zum Flughafen sind mir vor allem die vielen Favelas aufgefallen; Spaziergänge in der Nähe des Goethe-Instituts und der Besuch in Pelourinho gaben einen Einblick in die bedeutender kulturelle Vielfalt und den bemerkenswerten Reichtum an Kultur, Geschichte, Kunst und Architektur. Mir schien es, als seien die Bewohner von Salvador da Bahia auf der Suche nach sozialer Gerechtigkeit – eine stärkere territoriale Integration könnte hier helfen.

 

Filomena do Espírito Santo Carvalho schloss 1985 ihr Architekturstudium in Luanda ab. In England, Deutschland und Portugal nahm sie an mehreren Graduierten- und Postgraduierten-Programmen teil und ist momentan Doktorandin am Instituto Superio Técnico in Lissabon. Sie arbeitet seit langem für die Ingenieurswissenschaftliche Fakultät der Universidade Augustinho Neto sowie für das Büro FIESA Architecture.