Heuschreckenschwärme
Chemische Pestizide - ökologische Alternativen

Heuschreckenschwarm
Ausbruch der Wüstenheuschrecke (Schistocerca gregaria) im Südwesten Marokkos im November 2004 | Foto: Magnus Ullman, Wikimedia Commons

Das massenhafte Auftreten afrikanischer Wanderheuschrecken bedroht die Nahrungsmittelsicherheit und den Lebensunterhalt von Millionen von Menschen in Botswana, Namibia, Sambia und Simbabwe. Deswegen hat die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) jetzt einen Notfallplan zur Kontrolle der Schwärme präsentiert.

Von António Quilala

Indem sie sich vom Wind tragen lassen, können etwa Wüstenheuschrecken schnell weite Strecken zurücklegen - manchmal mehr als 145 Kilometer an einem einzigen Tag. Auch in Angola wurden diese und andere afrikanische Wanderheuschrecken bereits nachgewiesen.

Nach Angaben der FOA vom 26.10.2020 sind 2,3 Millionen Menschen in Angola, Namibia, Botswana, Sambia und Simbabwe, die bereits mit den wirtschaftlichen Folgen der COVID-19-Pandemie kämpfen, von einer weiteren Verschlechterung der Ernährungssicherheit durch die afrikanische Wanderheuschrecke bedroht.

Der Kampf gegen Wüstenheuschrecken ist nicht ohne Risiken

Der Einsatz chemischer Pestizide ist immer noch die wichtigste Methode bei der Bekämpfung von Wüstenheuschrecken. Sie können aber nachteilige Auswirkungen auf Mensch und Umwelt haben. Breitband-Pestizide sind zudem nicht sehr effektiv bei der Bekämpfung von Heuschrecken, zudem töten sie Bienen und andere Insekten, kontaminieren Wassersysteme und können auch für den Menschen gesundheitsschädlich sein.

In einem gut dokumentierten Fall aus der Samburu-Region in Kenia versprühte ein Bodenkontrollteam das 34-fache der empfohlenen Pestiziddosis und tötete Bienen und Käfer, als es das Pestizid auf die Nutzpflanzen aufbrachte. "Die Bekämpfung von Heuschreckenschwärmen ist immer ein Notfall. Es geht darum, die Chemikalien so schnell wie möglich zu verabreichen, um die Ernährungssicherheit der Menschen zu gewährleisten." so die FAO.

Genau eine solche Ausnahmesituation kann aber, wie das Beispiel aus Kenia zeigt, die negativen Auswirkungen noch verstärken, da Menschen mit wenig Erfahrung schnell geschult werden müssen, was den richtigen Umgang mit den Mitteln gefährden kann.

Pestizide sind stumpfe Waffen

Natürlich sollen und müssen Pestizide per Definition giftig sein, doch ist ihre Wirkung auf die unerwünschten insekten oft schwach. Drei der vier von der FAO empfohlenen und von den Regierungen der betroffenen Region zugelassenen Chemikalien, Chlorpyrifos, Fenitrothion und Malathion, sind Breitband-Organophosphate. Das sind weit verbreitete Pestizide, die wegen ihrer Verwandtschaft mit dem tödlichen Gas Sarin manchmal auch als "Nervengift Light" bezeichnet werden.

Fenitrothion etwa ist ein nicht-selektives Insektizid, das wegen seiner Wirkung auf die menschlichen Fortpflanzungsorgane sowie seiner Eingriffe in den Hormonhaushalt umstritten ist. Seine Toxizität erstreckt sich auch auf Wasserlebewesen und Bienen, die für die Nahrungsmittelproduktion unerlässlich sind.

Chlorpyrifos wiederum beeinträchtigt, insbesondere bei Kindern, die neurale Entwicklung, die Fortpflanzung und das Nervensystem. Auch Chlorpyrifos hat eine hohe Toxizität für Wasserlebewesen, Bienen, terrestrische Insekten und darüber hinaus auch auf Vögel. Aus diesem Grund wird es als hochgefährlich eingestuft.

Pestizide töten nicht nur Heuschrecken, sondern auch andere Arten

Unter den Mitteln, die zur Heuschreckenbekämpfung eingesetzt werden, ist Fipronil das Insektizid mit der längsten Wirkung (einmal freigesetzt, wird es extrem langsam abgebaut) und verursacht dauerhaft Schäden, besonders bei Fischen und Bienen. In Madagaskar wurde Fipronil zwischen 1996 und 1999 zur Bekämpfung von afrikanischen Wanderheuschrecken eingesetzt, was zum Aussterben mehrerer Vogelarten und Säugetiere führte, so dass sein Einsatz gegen Heuschreckenschwärme inzwischen verboten wurde.

Deltamethrin schließlich ist ein synthetisches Pyrethroid, das besonders giftig für Bienen und Fische ist, aber immerhin weit weniger für Säugetiere.

Es bleibt die Frage: Was passiert in den Gebieten, in denen chemische Pestizide eingesetzt werden, mit Bienen, Wasserquellen und Bauernhöfen, die ja schließlich Lebensmittel produzierenn? Klar ist, dass die betroffenen Areale noch Tage und Wochen nach dem Einsatz der giftigen Wirkung der Pestizide ausgesetzt sind. Die Risiken von Heuschreckenschwärmen müssen daher immer neu gegen die Risiken des Pestizideinsatzes abgewogen werden.

Ungiftige Alternativen

Ungiftige biologische Alternativen, die Heuschrecken töten, aber keine weiteren Schäden verursachen, sind seit Jahrzehnten verfügbar. Chemische Pestizide sind jedoch nach wie vor das Mittel der Wahl: 90 % der Einsätze zur Schädlingsbekämpfung in Ostafrika setzen auf herkömmliche Insektizide.

Der Pilz Metarhizium wird seit 1998 eingesetzt und jetzt von der FAO als "am besten geeignete Bekämpfungsmöglichkeit" für Heuschrecken empfohlen. Weil er aber langsam wirkt und einen niedrigen "Knockdown Score" besitzt - das heißt, es tötet eher über Tage als über Stunden-, kommt er wenig zum Einsatz. Außerdem ist Metarhizium teuer in der Herstellung und kompliziert in der Anwendung. Der Pilz ist am effektivsten gegen unreife "Springer", nicht so sehr gegen ausgewachsene Schwärme, die die größte Gefahr darstellen.

Ausgerechnet seine beste Eigenschaft - er tötet wirklich nur Heuschrecken - macht Mtarhizium zu einem weniger profitablen Produkt. Unternehmen haben somit wenig Anreiz, Metarhizium herzustellen.

Schäden durch Heuschrecken werden von der Industrie noch immer nicht als vordringliches Problem erkannt und die Hersteller sind nicht daran interessiert, etwas zu produzieren, das wegen der eingeschränkten Verwendungsmöglichkeit nicht genügend gekauft werden könnte. So greifen Regierungen weiterhin zu den Chemikalien mit breitem Wirkungsspektrum, denn sie werden von großen Agrar- und Chemiekonzernen in Massenproduktion hergestellt und sind entsprechend günstig.

Neue Wege gehen

Es gibt auch andere Ansätze. Enten zum Besipiel könnten zur Bekämpfung von Heuschrecken eingesetzt werden. Man geht davon aus, dass eine einzige Ente über 200 Heuschrecken pro Tag fressen kann. Eine spezielle "Entenstaffel" könnte also wirksamer sein als der Einsatz von Pestiziden. Darüber hinaus wurden in verschiedenen Regionen Indiens erfolgreich akustische Geräte getestet. Sie emitieren hochfrequenten Schall, der große Schwärme von Wüstenheuschrecken abschrecken soll.

Wohin die Entwicklung auch geht, es ist unerlässlich, Menschen, Umwelt und die Artenvielfalt zu schützen. Mit einem gut ausgebildeten Einsatzteam und einer über die Risiken der chemischen Pestizide informierten Bevölkerung ist es auch jetzt schon möglich, die Auswirkungen der Heuschreckenbekämpfung so gering wie möglich zu halten.