Kissanji und Spiritualität
Der Klang, der uns vereint

"Wenda ni muzumbu, kajimbidilê."
(Sprichwort der Avimbundu)


"Wer mit dem Mund geht, verirrt sich nicht." Diese (nur näherungsweise übersetzbare) Weisheit zeigt uns einen Weg auf, wie die Beziehung der heutigen Afrikaner*innen zu ihren Wurzeln - dem kulturellen Erbe, das unsere Vorfahren hinterlassen haben - sein sollte.

von Toty Sa'Med

Dieses Video entstand im Rahmen unserer Zusammenarbeit mit den ethnologischen Museen in Luanda und Berlin im Jahr 2019. Video: Carlos da Silva Pinto, Roberto Manhães Reis © Goethe-Institut Angola

Dieses Erbe wurde durch die afrikanische mündliche Tradition bewahrt, die von Generation zu Generation über die Stimmen der Griots oder "Kotas", der Geschichtenerzähler, weitergegeben wurde, während sie um das Feuer in den unzähligen Ondjangos, diesen Monumenten unseres kulturellen Gedächtnisses, beieinander saßen.

Diese Versammlungen (Rodas) sind in der traditionellen afrikanischen Gesellschaft wie kleine Universitäten des Lebens, sie lehren, warnen, unterhalten und leiten anhand der Stimmen der Gegenwart und jener der Vergangenheit. Diese bleibt in den historischen Erzählungen - "Malunda" auf Kimbundu, der Sprache der Avimbundu - lebendig.

Sie müssen unbedingt mit großer Genauigkeit vorgetragen werden, um sich nicht in den Pointen des Erzählers, den Sprichwörtern (Jisabhu), den Märchen und Fabeln (Misoso), den Rätseln (Jinongonongo), den Anekdoten (Maka) und der Musik und Poesie (Miyimbu) zu verlieren, denn auch die Stimmen der Zukunft müssen ausgebildet werden, um zu unterhalten und erneut davon zu erzählen.

Der Klang, der uns Vereint

All das würde nicht funktionieren, wenn es nicht eine Spur gäbe, die unseren Geist mit dem unserer Vorfahren verbindet, ein Rinnsal kleiner perkussiver Melodien, die uns sofort mit denen in Verbindung bringen, die den Boden vor uns betreten haben. Die Melodien der Kisanji sind wie ein High-Speed-Internet, das uns Heutige mit jenem göttlichen afrikanischen Stammvater - unseren Vorfahren - verbindet.

Die Kisanji, Tyitanzi, Nkelembe oder Mbwetete (wenn sie aus Bambuslatten gefertigt ist) hat in Afrika viele andere Namen und Formate, aber der Zweck ist stets derselbe: uns mit unserer Spiritualität zu verbinden. Ob in der Gruppe oder als Ausdruck tiefer Wünsche und intensiver Sehnsucht, die Kissanji ist mehr als ein Werkzeug zum Musizieren: Sie Kissanji ist ein Begleiter fürs Leben.

Die Kisanji als ein einfaches Musikinstrument zu betrachten, ist vielleicht zu westlich (oder eurozentrisch) gedacht, denn in unserer Kultur stellt sie einen wichtigen Teil unserer Verbindung zur spirituellen Seite dar. Ein kleines Beispiel: Im Grenzgebiet zwischen Simbabwe und Mosambik gibt es ein fast identisches Instrument, dass entweder Mbira oder Nyare genannt wird. "Nyare" ist gleichzeitg die Bezeichnung für Telefon oder Handy - was die Rolle dieses Instruments als unabdingbares Kommunikationsmittel mit einer heiligen Dimension unterstreicht.

Dekolonisierung

Es gibt also keinen Zweifel am wahren Nutzen unserer Kisanji. Unklar aber bleibt, ob ihr noch die gebührende Achtung und Bedeutung zuteil wird. Vielleicht sind es wir, die Städter, die sich wieder verbinden müssen, um aus der kulturellen Trägheit zu erwachen, die uns die Kolonialisierung als Erbe hinterlassen hat.

Es ist eine Tür, durch die wir Kinder der Erde selbst schreiten müssen. Der Schlüssel dazu kann die Kisanji, aber auch unsere Sprachen oder unsere Rhythmen sein... oder alles gleichzeitig. Die Tür ist in unserer Reichweite, wir müssen nur den Schlüssel finden, um sie öffnen.

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