Bibliotheken zwischen Tradition und Fortschritt Bewahren und bewegen

Die Zukunft der Bibliothek
Die Zukunft der Bibliothek | © raumlaborberlin im Auftrag von Kulturprojekte Berlin

Seit jeher bieten Bibliotheken ihren Nutzern Teilhabe am kulturellen Gedächtnis sowie am Wissen der Zeit. Daran ändert auch die Digitalisierung nichts. An der Art der Wissensvermittlung indes schon.

Weil sie immer auch die Gesellschaften spiegelten, der sie dienten, hat sich das Erscheinungsbild von Bibliotheken im Laufe ihrer Geschichte erheblich gewandelt. Doch ob in der Opulenz historischer Lesesäle oder in der Zweckarchitektur bundesrepublikanischer Stadtbibliotheken – im Mittelpunkt standen stets das Medium Buch und die Kulturtechnik des Lesens. Dem bibliothekarischen Fachpersonal oblag es, bestimmte Informationen für den Bibliotheksbestand auszuwählen und an die Nutzerinnen und Nutzer weiterzugeben. Das Internet jedoch macht die Bibliothek in ihrer Funktion als „Tor zum Wissen der Welt“ zusehends überflüssig.

Lotsen im digitalen Datenmeer

Statt als „Ausleihstation“ ist sie vielmehr als Lotse gefragt. Sie navigiert durch eine digitale Welt, in der Algorithmen als Schleusenwärter unserer Welterfahrung fungieren. Transparenz, Teilhabe und digitale Selbstbestimmung sind daher alles andere als Automatismen – im Gegenteil. So häufen sich die Hinweise, dass digitale Ungleichheit soziale Ungleichheit nicht nur reproduziert, sondern auch verstärkt, argumentiert beispielsweise Nico Koenig vom Grassroots-Projekt P2PU (Peer to Peer University), das sich intensiv mit neuen Formen der Wissensvermittlung beschäftigt. „Wenn Sie die Motivation, Unterstützung, Zugang und digitale Kompetenz haben, hat die Digitalisierung tatsächlich eine ganze Bibliothek in Ihre Fingerspitzen verlegt”, so Koenig. „Aber wenn Sie diese Fähigkeiten oder Unterstützungen nicht haben, werden Sie nicht von der Digitalisierung profitieren. In einigen Fällen entfernt sich das Wissen sogar noch weiter von Ihnen.“ Genau hier kommen die Bibliotheken ins Spiel –.als Mittler jener Kompetenzen, die es braucht, um angesichts der tagtäglichen Datenmassen den Überblick zu behalten.
 
Für Jane Kunze, die sich im dänischen Aarhus um die Vermittlung von Datenkompetenz kümmert, waren Daten und deren Auswahl, Speicherung und Weitergabe immer schon das Kerngeschäft aller Bibliotheken. Heute, unter digitalen Vorzeichen, sei ein anderer Aspekt wichtig: Es ginge darum, zu verstehen, wie Informationen erzeugt und verbreitet werden, welche Quellen und Motive dahinter stehen. Dabei handle es sich um eine wesentliche Voraussetzung für soziale und berufliche Teilhabechancen – „sei es um eine neue Geschäftsmöglichkeit zu entdecken, besser in der Schule abzuschneiden, das Bewusstsein für ein lokales Problem zu erhöhen und so weiter“.

Wissensvermittlung auf anderen Wegen

Wohl kaum eine Bibliothek trägt veränderten technologischen Realitäten und gesellschaftlichen Erwartungen stärker Rechnung, als Jane Kunzes Arbeitsplatz, das Dokk1 in der dänischen Hafenstadt Aarhus. 2015 eröffnet, galt es international rasch als Vorreiter für ein neues bibliothekarisches Selbstverständnis. Dabei ist die größte öffentliche Bibliothek Skandinaviens viel mehr als das, denn sie lässt sich als eine Kombination aus Kultur-, Bürger- und Wissenszentrum nutzen. Und der futuristisch-funktionalistische Bau aus Beton, Glas und Holz bricht nicht nur ästhetisch radikal mit klassischen Konventionen.
 
Ein zentrales Ziel besteht darin, Jung und Alt im Umgang mit einer sich permanent wandelnden Medienlandschaft zu befähigen. Jane Kunze beispielsweise entwickelt Lernformate, die es Menschen ermöglichen, Daten zu analysieren, zu gestalten und Geschichten damit zu erzählen. Im alltäglichen Medienkonsum vieler Menschen gingen Daten in eine „Blackbox“, so Kunze, und kämen „als ‚Informationen’ wieder heraus – als Newsfeed bei Facebook, als Google-Suchergebnis oder als Datenvisualisierung.“ Aufgabe von Bibliotheken sei es, diese Blackbox zu öffnen. Am Ende dieses Prozesses sollten Menschen verstehen können, wie sich aus Algorithmen und Künstlicher Intelligenz Informationen generieren lassen.
 
Analoge Bücher sind im Dokk1 folglich nur noch ein Angebot unter vielen. So findet sich unter dem Dach des direkt am Hafenbecken stehenden Gebäudes viel Platz für Begegnungen, Spiele und Veranstaltungen jeglicher Art. Praktische Fähigkeiten können in sogenannten „Makerspaces“ erlernt werden; das sind Räume für kreatives Arbeiten, die mittlerweile auch in vielen deutschen Bibliotheken zum Angebot zählen. Von Handwerk bis Hightech: hier werden gemeinschaftlich Projekte gebastelt, ausprobiert und so jenes Knowhow gestärkt, das für eine zusehends digitalisierte Arbeits- und Lebenswelt immer wichtiger wird.

Die soziale Funktion des Lernens

Der Fokus auf kollaborativen Lehr– und Lernformen in Bibliotheken erklärt sich für Nico Koenig von P2PU damit, dass „Lernen im besten Fall eine soziale Aktivität“ ist. Schließlich würden wir große Teile unseres Wissens in sozialen Situationen erwerben oder für die Anwendung in solchen. Wichtiger denn je sei es daher, die Bibliothek als Ort zu verstehen, an dem „soziale Beziehungen aufgebaut werden können“.
 
Dokk1 gilt international als Vorreiter und Vorbild, hat aber auch Kritiker auf den Plan gerufen. Der Vorwurf der „Eventisierung“ steht im Raum. Und die Sorge, dass bei all dem auch etwas verloren geht. Doch Offenheit für Neues und das Bewusstsein für traditionelle Werte müssen einander nicht ausschließen. „Natürlich“, so räumt Jane Kunze ein, „sind die Bedürfnisse der Bürger sehr unterschiedlich.“ Nicht jeder müsse zum „Datenanalytiker“ werden. „Aber das war schon immer der Weg der öffentlichen Bücherei: freien, demokratischen und gleichberechtigten Zugang zu ermöglichen, nicht zu erzwingen.“
 
Als Schablone für die Neugestaltung von Bibliotheken eignet sich Dokk1 schon deswegen nicht, weil es exakt auf die spezifischen Bedürfnisse seiner heutigen Nutzerinnen und Nutzer abgestimmt ist. Letztere waren von Anfang in die Konzeptentwicklung miteinbezogen und konnten ihre Ideen, Erwartungen und Expertise in die Planung einfließen lassen. Dieser Prozess allerdings macht Dokk1 dann wieder zum Musterbeispiel: für ein zeitgemäßes Selbstverständnis von Bibliotheken, die den Menschen und nicht das Medium in den Mittelpunkt all ihres Tuns stellen.