Ausstellung Abwesenheit des Subjekts

Bilder von August Sander und Michael Somoroff

Die Serie Abwesenheit des Subjekts des US-amerikanischen Fotografen Michael Somoroff ist eine bewegende Hommage an das monumentale Werk Menschen des 20. Jahrhunderts des legendären deutschen Fotografen August Sander. Mit Hilfe digitaler Techniken entfernt Somoroff gerade das aus dem Bild, was wir immer für ein wesentliches Element des Porträts hielten: das Subjekt. Die von Diana Edkins und Julian Sander kuratierte und von der Agentur Admira (Mailand) in Zusammenarbeit mit FEROZ Galerie (Bonn) und dem Goethe-Institut organisierte Ausstellung steht unter der Schirmherrschaft der Deutschen Botschaft und wird auf dem Festival de la Luz (“Festival des Lichts”) zu sehen sein. 

Die Serie Abwesenheit des Subjekts des US-amerikanischen Fotografen Michael Somoroff ist eine bewegende Hommage an das monumentale Werk Menschen des 20. Jahrhunderts des legendären deutschen Fotografen August Sander (1876 – 1964), das Somoroff 2003 im New Yorker MoMA kennengelernt hatte. Sanders Originalwerk, von dem Teile in dieser Ausstellung zu sehen sein werden, besteht aus einer umfangreichen Serie mit äußerster Sorgfalt zusammengestellter Porträts, die Auskunft über die hierarchische Struktur der deutschen Gesellschaft geben. Dabei treten die Porträtierten nicht vorrangig als Individuen in Erscheinung, sie sind vielmehr Repräsentanten einer visuellen Typologie, die alle Beschäftigungen, Berufe und Klassen einschließt.
Abwesenheit des Subjekts eröffnet eine neue Sicht auf Sanders Werk: Die Serie erkundet die Mehrdeutigkeit der Begriffe Realität und Wahrheit in der Fotografie. Mit Hilfe digitaler Bildbearbeitungstechniken hat Somoroff in jedem einzelnen der von ihm ausgewählten 40 Fotos die abgelichteten Personen gelöscht, so dass einzig der Bildhintergrund erhalten blieb. Er nimmt dem Foto also gerade das, was wir für ein wesentliches Element des Porträts zu halten gewohnt waren: das Subjekt. So wird der Bildhintergrund zum Hauptmotiv.
Die von Somoroff geschaffenen neuen Bilder lassen die Überzeugungskraft und die ästhetischen Qualitäten hervortreten, welche Sanders Werk selbst dann noch auszeichnen, wenn jenes durch das Subjekt gegebene Hauptelement fehlt. Es ist eine Art Fotografie, an die wir nicht gewöhnt sind, in der Zufall und Akzeptanz zusammenfließen. Es sind Arbeiten, die den Betrachter in eine Poetik des Schweigens eintauchen und dazu anregen, über sich selbst als Subjekt nachzudenken.

August Sander gilt als der bedeutendste deutsche Porträtfotograf der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Sein erstes Buch, Antlitz der Zeit, war eine umstrittene Publikation zum kollektiven Porträt der deutschen Gesellschaft. Der Band erschien 1929 und wurde später durch die Arbeit Menschen des 20. Jahrhunderts erweitert, welcher der Fotograf sein ganzes Leben widmete. Antlitz der Zeit enthielt eine Auswahl von 60 Porträts, die einen repräsentativen Querschnitt durch die Gesellschaft der Weimarer Republik zeigen wollte. Sanders Ziel war ein fotografischer Essay, der alle Beschäftigungen, Berufe und Klassen einschließen sollte, welche die Gesellschaftsstruktur des Landes in den Jahren nach dem ersten Weltkrieg bildeten. Es gelang ihm, einen typologischen Katalog zusammenzustellen, in denen auf über 600 Fotografien “Typen” von Deutschen erfasst wurden. Alle Abgelichteten erscheinen in formalen Körperhaltungen, als Identifikationsmerkmal dienten Bildunterschriften mit knappen Angaben zum sozialen Status. Sander wollte ein universales Porträt der menschlichen Gattung schaffen, eine monumentale Dokumentation von Personen-“Typen”, die ein besseres Verständnis der Veränderungen in Aspekten wie Klasse, Rasse, Beruf, ethnischer Zugehörigkeit und anderen Identitätskonstruktionen ermöglichen sollte.

Michael Somoroff, Sohn des bekannten Fotografen Ben Somoroff, wurde 1957 in New York geboren. Er studierte Kunst und Fotografie in der New School for Social Research und lernte auch dadurch, dass er seinem Vater im Studio, bei Außenaufnahmen und in der Dunkelkammer half. 1978, im Alter von 21 Jahren, eröffnete er sein eigenes Studio und begann für angesehene Zeitschriften in den USA und Europa zu arbeiten. Im Oktober 1979 fand im New Yorker International Center for Photography die erste Ausstellung des Künstlers statt, persönlich betreut durch Cornell Capa, der die Karriere des jungen Somoroff förderte. 1980 ging er nach Europa, wo er in London, Paris, Mailand und Hamburg arbeitete. Unter seinen wichtigsten Mentoren waren die Fotografen Gyula Halász (bekannter unter seinem Pseudonym Brassaï), Andreas Feininger, Louis Faurer und Andre Kertész. Seit seiner Rückkehr nach New York Ende der achtziger Jahre widmet sich Michael Somoroff ganz den Recherchen zu seinen Projekten und seiner künstlerischen Produktion. Außerdem hält er Vorträge und beteiligt sich in Zusammenarbeit mit kulturellen Institutionen an der Schaffung vom Programmen, die sich der Kunst als eines Instruments bedienen sollen, das dazu beiträgt, die Verständigung zwischen den Menschen und den Gemeinschaften, in denen sie leben, zu verbessern. Somoroff ist in vielen bedeutenden Kunstsammlungen vertreten, unter anderem im Museum of Modern Art (New York), im Museum of Fine Arts (Houston/Texas) und in der Smithsonian Institution (Washington, D.C.).

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