Film Von Caligari zu Hitler: Die geheime Geschichte des Weimarer Kinos

15.04. bis 25.04.2015

Buenos Aires

Präsentiert vom Goethe-Institut beim [17] BAFICI Internationales Festival des Unabhängigen Films Buenos Aires.

Vollständiges Programm, Kinos, Uhrzeiten und Kartenverkauf nur über das Festival:

Vom 15. bis zum 25. April 2015 findet die 17. Ausgabe des Filmfestivals BAFICI statt, das jedes Jahr die neuesten unabhängigen Filme aus aller Welt vorstellt. 2015 präsentiert das Goethe-Institut in diesem Rahmen den Fokus Die geheime Geschichte des Weimarer Kinos. Der Filmemacher Rüdiger Suchsland stellt die Reihe persönlich vor und zeigt zum Thema seinen neuen Film Von Caligari zu Hitler
 
Des Weiteren laufen in verschiedenen Wettbewerben die deutschen Filme Victoria von Sebastian Schipper (Vanguardia y Género),  Cinema: A public affair von Tatiana Brandrup (Derechos Humanos) und Une jeunesse allemande, de Jean Gabriel Périot (Internacional).
 
In anderen Sektionen sind Filme von Harun Farocki (Sauerbruch Hutton Architekten), Christoph Hochhäusler (Die Lügen der Sieger), Marcel Ophüls (The Memory of Justice), Fatih Akin (The Cut), Jan Soldat (Der Besuch, Der Unfertige, Die sechste Jahreszeit) y Arne Birkenstock (Beltracchi – Die Kunst der Fälschung) zu sehen.
 
 
Die geheime Geschichte des Weimarer Kinos
 

Die Weimarer Republik (1918-1933) war der freieste Staat, der je auf deutschem Boden existierte; eine von Brüchen, Krisen und kultureller Blütezeit charakterisierte Ära. Sie war auch die wichtigste Epoche des deutschen Films, eine Zeit voller Wunder und Entdeckungen, in der die ästhetischen Grundlagen für die „siebte Kunst“ entstanden.
 
Aber der Film in der Weimarer Republik war noch viel mehr als eine Handvoll Filme und anerkannte Filmemacher wie Murnau, Lang, Lubitsch, Pabst oder Ruttmann.
 
Ich möchte zumindest einen kleinen Teil dieser geheimen Geschichte aufdecken und der Vielfalt und Schönheit der frühen deutschen Filmproduktion nachgehen: das Weimarer Kino ist, mehr denn je, ein zu entdeckender Kontinent. Viel mehr als Expressionismus war er auch Neue Sachlichkeit, Spektakel, Emotion und Vergnügen – und steht als konkretes Beispiel für eine liberale Gesellschaft in permanentem Tanz auf dem Vulkan, zwischen Wollust und Hedonismus und der ständigen Angst vor der Zerstörung – eine explosive Mischung. Die Filme dieser Reihe sind auch dem deutschen Publikum praktisch unbekannt.
 
Rüdiger Suchsland
 
Von Caligari zu Hitler
Rüdiger Suchsland, 2014, 118 Min.


Jugend, Freiheit, Ironie, Neugier: Die Weimarer Republik war Moderne in ihrer reinsten, besten Form, und sie war “die” große Zeit des deutschen Kinos – bei weitem die qualitativ beste und reichhaltigste Epoche deutschen Filmemachens. Das Kino spiegelt hierin die in jeder Hinsicht turbulente Ära der Zwanziger Jahre. Diese Filme hatten einfach alles!
Aber mehr oder weniger alles davon ist heute vergessen, zusammengeschrumpft auf zwei, drei Fußnoten. Ich wollte mich mit dem Publikum auf eine ebenso spannende wie abenteuerliche Suche nach dieser verlorenen Zeit begeben, eine Suche, die unterhält, bewegt, überrascht und die uns alle an diese nach wie vor offene Wunde unserer eigenen Vergangenheit erinnert.
Siegfried Kracauer, auch wie manch einer der Filmemacher ein vergessenes Genie der Kulturkritik, ist der perfekt Reisebegleiter für diese Epoche, die ebenso faszinierend ist, wie widersprüchlich. Diese Faszination und, selbstverständlich: Meine Liebe für diese Zeit und ihr Kino, hoffe ich durch diesen Film mit dem Publikum zu teilen.  (Rüdiger Suchsland)
Freitag 17 a las 20:20 h Village Recoleta - Sala 1
Sonntag 19 - 13:$5 h - Village Recoleta - Sala 1

 
Ein blonder Traum
Paul Martin, Drehbuch: Walter Reisch, Billy Wilder, 1932, 95 Min.


Ein blonder Traum ist neuartiges Unterhaltungskino, von der UFA in drei verschiedenen Sprachfassungen für das europäische Publikum produziert; ein Riesenerfolg gedreht mit internationalen Stars der Epoche, eins der ersten Drehbücher Billy Wilders. Und auch ein Beispiel für die ersten Tonfilm-Musicals; Filme, die bald von den Nazis verboten wurden wegen ihres „jüdischen“ Geistes, wegen ihrer Skepsis und Ironie, mit der sie Träume und Wünsche der kleinen Leute manipulieren. Ein blonder Traum ist auch eine Reflektion über das Kino als „Traumfabrik“, in dem ein Mädchen wie du und ich nach Hollywood gehen möchte.
Freitag 17.4. - 21:45 h Teatro San Martín  -  Sala Lugones
Freitag 24.4. - 21:00 h Malba Cine

 
Fräulein Else
Paul Czinner, 1928, 90 Min.


Nur vier Jahre nach ihrem Erscheinen wurde die als ein innerer Monolog erzählte Novelle des österreichischen Schriftstellers Arthur Schnitzler verfilmt. Die Geschichte kombiniert Börsenhysterie mit einem Melodrama: ein Mädchen muss seinen Körper verkaufen, um das Vermögen des Vaters zu retten. Der Film wurde während der ersten Winterolympiade gefilmt und enthüllt mit Präzision den Lebensstil des Jet Sets der Weimarer Republik. Das Faszinierendste des Films aber ist seine moderne Ästhetik: mit langen Einstellungen, einer der ersten Kamarabewegungen und großartigen Schauspielern scheint dieses Frauenporträit ein Film Antonionis vor Antonioni. Eine der besten Arbeiten des Kamaramanns von Metropolis, Karl Freund, der schon mit Murnau und Ruttmann gearbeitet hatte.
Samstag 18.4. - 19:30 h - Teatro San Martín  -  Sala Lugones
Freitag 24.4. - 19:30 h - Teatro San Martín  -  Sala Lugones


Ins Blaue hinein
Eugen Schüfftan, 1929, 35 Min.


Der Film scheint ein kleiner Cousin des berühmten Menschen am Sonntag zu sein, bei dem Regisseur Eugen Schüfftan Kamaramann war. Es ist nicht nur seine einzige Regisseurarbeit, es ist auch einer der ersten deutschen Tonfilme. Im Spätsommer 1929 gefilmt ist er gleichzeitig eine Momentaufnahme von Deutschland, das sich zu diesem Zeitpunkt noch über den wirtschaftlichen Zusammenbruch lustig macht. Die Krise als Gelegenheit. Drei Kollegen unterschiedlicher sozialer Herkunft, die gezwungen sind ihre Geschäfte zu schließen, machen eine letzte Spritztour mit dem Auto. Sie nehmen ein Mädchen mit und entschließen, gemeinsam ein neues Geschäft anzufangen. Eine ironische, menschliche Komödie gespickt mit Alltagsutopien.

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Lohnbuchhalter Kremke
Marie Harder, 1930, 56 Min.


Dieser Film ist der unbekannteste Schatz des Weimarer Kinos: Marie Harder war die einzige Frau, die vor 1933 (und vor der Naziheldin Leni Riefenstahl) die Rolle der Regisseurin einnahm. Sie war Mitglied der Sozialdemokratischen Partei und arbeitete in der Filmerziehung. Dies ist ihr einziger Film als Regisseurin: sie starb im mexikanischen Exil, während der Recherchearbeit für ein neues Projekt. Wir wissen nicht viel über sie, nicht mehr, als das, was hier zu sehen ist. Buchhalter Kremke steht den berühmten Filmen des Proletarischen Films der Epoche wie Kuhle Wampe von Bertolt Brecht oder Mutter Krauses Fahrt ins Glück in nichts nach, weder in der Darstellung der unteren Schichten, des Stadtlebens noch der Arbeitsbedingungen. Aber sein Stil ist unter dem Einfluss von Ruttmann wesentlich moderner. Die Geschichte dreht sich um Automatisierung und die politischen Konflikte innerhalb einer Familie.
Sonntag 19.4. - 18 h - Malba Cine
Mittwoch 22.4. - 21:30 h - Sala Lugones


Mabuse der Spieler
Fritz Lang, 1922, 255 Min.


Mabuse ist der düstere Held des Weimarer Kinos. Mit starkem Charisma, boshaftem Scharm und abstoßenden Ideen ist er das böse Genie des Verbrechens. Ein deutscher Phantom. Mabuse hat die Karriere von Fritz Lang sein ganzes Leben lang beeinflusst (bis hin zu seinem letzten, 1960 gedrehten Film). Andere Filmemacher erreichten trotz ihrer Anstrengungen nie das großartige Talent und die pathologische Tiefe von Lang.
Der zweiteilige Spielfilm ist schnell, hypnotisch und prophetisch: ein Kriminalthriller, ein Film mit futuristischer Handlung und einem Verbrecher als Helden. Mabuse benutzt Dutzende von Masken, manipuliert die Börse mit Angst und schmutzigen Tricks: Jede Ähnlichkeit mit realen Begebenheiten oder Menschen ist „reiner Zufall und Ergebnis einer fiebernden Phantasie“.
Montag 20.4. - 13:15 h - El Cultural San Martín Sala 1
Donnerstag 23.4. - 19:25 h - El Cultural San Martín Sala 1

 
Varieté
Ewald André Dupont , 1925, 95 Min.


Zirkus vermischt mit Eifersucht ist das Rezept eines der größten Publikumserfolge von 1925. Drei Leben am Rande des Abgrunds ihrer Gefühle, ein Melodrama voll Liebe, Leidenschaft, Hass und Todestrieb. Hier gibt sich der Weimarer Kino sehr amerikanisch: die Hauptfigur Emil Jannings war der erste und letzte Deutsche, der einen Oskar als bester Schauspieler  gewann. Die weibliche Hauptfigur, Lya de Putti ging nach Hollywood und scheiterte. Spannung und Gefühle verbinden sich in einer künstlichen Welt: der Schauplatz eine Art magischer, verträumter Ort im Deutschland der Weimarer Republik; sowohl Alltagsmuße als auch Flucht vor der Politik. Der Film faszinierte die Filmwelt und stand Pate für unzählige Filme mit Theater- und Vaudevilleeinlagen. Varieté blieb viele Jahre verschollen und wurde für die diesjährige Berlinale restauriert.
Montag 20 - 14:15 h - Village Recoleta - Sala 10
Mittwoch 22 - 13:10 h - Village Recoleta Sala 10

 
Razzia in St. Pauli
Werner Hochbaum, 1932, 62 Min.


Wie Nerven ist dies einer der wenigen Filme, die nicht in Berlin spielen. Doch das Hamburger Nachtleben erinnert an Der Blaue Engel. Im Stil des modernen Realismus der Neuen Sachlichkeit gefilmt, ist der Film mit rasantem Schnitt und Überblendungen ein Blick in die Unterwelt der Prosituierten, Gangster und Zuhälter. Der Regisseur, ein Sozialist, der sich später den Nazis anpasste, sympathisierte mit anarchischen Werten und der allgemeinen Geringschätzung gegenüber dem Gesetz und der Justiz. Ein wirklich unabhängiger Film der Weimarer Zeit; die Schauspieler waren Berufsschauspieler, aber keine Stars. Ein Lied stammt von dem berühmten Arbeiterdichter Ernst Busch.
Montag 20 - 16:45 h – Teatro San Martín Sala Lugones
Samstag 25 - 16:00 h – Malba Cine


Nerven
Robert Reinert, 1919, 110 Min.  


Beispiel eines ganz anderen Expressionismus, in dem es weder schiefe Wände wie in Caligari, übertriebene theatralische Gestik, exzentrische  Schminke noch einen Expressionismus der Seele gibt. Die Geschichte präsentiert eine Bürgerfamilie in Dekadenz; die Nachkriegskrise überschneidet sich mit der Revolution: ein Regisseur filmt während des tatsächlichen kommunistischen Aufstands mit realen Szenen von Massenhysterie. Die Bildsprache benutzt feurigeFarben, doppelte Belichtung, große Bühnenbilder und ein naturalistischer Bild auf das alte München. Nerven ist schlichthin einer der besten Filme seiner Zeit: ein Beispiel der Invasion des Unbewussten auf den deutschen Leinwänden.
Dienstag 21 - 16:30 h - El Cultural San Martín Sala 1
Freitag 24 - 16:10 h - El Cultural San Martín Sala 1

 
 
Schloss Vogelöd

Einer der unbekanntesten Filme Murnaus: eine Männerwelt, in deren Zentrum wie so oft eine Femme Fatale steht. Ein Melodrama aus Schuld und Verrat, das sich in Rückblicken erschließt. Alles ist Atmosphäre: wie in einer gotischen Erzählung spiegelt das stürmische Klima den Gefühlszustand der Figuren; die klaustrophobischen Zimmer entsprechen dem Zustand der Seelen; die nächtliche Dunkelheit entspricht der schwarzen Romantik, die die Psyche beherrscht. Angesiedelt in einem aristokratischen Schloss geht es im Film um sexuelle Macht als Werkzeug der Angst. Murnau zeigt sich als Psychologe und als der klassischste, fast wagnerische Regisseurs Weimars.
Donnerstag 23 - 18:00 h - Village Recoleta Sala 10
Samstag 25 - 22:00 h - Village Recoleta Sala 10



 
KONFERENZ RÜDIGER SUCHSLAND

Sonntag 19.4. 14.30 Uhr
Centro Cultural Recoleta
- Junín 1930
Saal El Aleph
Eintritt frei
 
BAFICI und Talent Campus präsentieren in Zusammenarbeit mit Filmmuseum Pablo D. Hicken und  Goethe-Institut Buenos Aires

 
IST DIE GESCHICHTE EIN THEMA DER VERGANGENHEIT?
Rüdiger Suchsland und Paula Félix Didier
 

Der deutsche Kritiker, Journalist und Filmemacher wird gemeinsam mit der Leiterin des Filmmuseums den Zusammenhang zwischen Film und Geschichte erkunden. Ausgangspunkt des Gesprächs ist Suchslands Dokumentarfilm Von Caligari zu Hitler. Die zentralen Themen: der Umgang mit historischen Bildern, die Möglichkeiten und die Recherchen, die diese Art von Filmen mit sich bringen.
 

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