Film Juliane Henrich: Wenn Orte sprechen

From the west Foto: Juliane Henrich

25.10. bis 27.10.2016

El Cultural San Martín

Sarmiento 1551
Buenos Aires

Juliane Henrich zu Gast beim DOC Buenos Aires.

Auf Einladung des Goethe-Instituts, DOC Buenos Aires und German Films präsentiert Juliane Henrich, eine der derzeit interessantesten deutschen Autoren des Dokumentaressays, ihren jüngsten Film Aus westlichen Richtungen und eine Reihe von Kurzfilmen. Die Filme legen ihren Fokus auf Orte – seien es öffentliche, private, offene, geschlossene, konkrete oder metaphorische – und stellen anhand von vielschichtigen Reflektionen  einen Zusammenhang mit den unzähligen Ebenen und Facetten ihrer eigenen Geschichte(n) her.
 
Als Schülerin von Cineasten wie Heinz Emigholz, Thomas Arslan und Avi Mograbi, die ihren Bekanntheitsgrad in Buenos Aires dem DOCBuenosAires, BAFICI und dem Goethe-Institut verdanken, macht sich Juliane Henrich derzeit einen Namen auf Filmfestivals und in der Kunstszene. Ihre Filmessays bezaubern durch die Schönheit und Präzision ihrer Einstellungen, die Poesie ihrer Texte und ihr Vermögen Bedeutungen herauszuarbeiten und die Wahrnehmung zu schärfen.
Für ihre Filme wählt Juliane Henrich so unterschiedliche Sujets wie ihre Großmutter, ein vollständig umgesiedeltes Dorf oder sie beschäftigt sich mit historischen Konzepten wie „Wende“ oder „Westen“. Was ihre Arbeiten miteinander verknüpft, ist die Art und Weise mit der sie sich ihren Motiven annähert. Juliane Henrich hat es mit diesen Worten beschrieben: „Meine Filme sprechen von Orten die sich verändern, umstrukturiert oder überschrieben werden.“ Diese Orte sind gleichzeitig die Essenz, der Ausgangspunkt und das Ziel ihrer Filme. Bilder von Orten und ihrer Architektur werden verflochten mit Kommentaren aus dem Off und legen so die unzähligen Schichten frei, durch die eine Weltanschauung gebildet wird. Sie zeigt uns, dass die Ideologien und mit ihnen die Geschichte Konstruktionen sind, deren Komponenten sich ständig neu zusammensetzen.
 
Vergeblich warten wir darauf, die Träume, Errungenschaften und Niederlagen aus dem Leben von Henrichs Großmutter in Sämtliche Wunder (2009) kennenzulernen. Durch die Fokussierung auf kaum noch benutzte Räume und Objekte im weitläufigen Haus der älteren Dame taucht der Zuschauer schnell in die Atmosphäre und Natur des Alters ein, die unauflöslich mit diesem Ort verbunden sind.
 
Der Film Schleifen (2013) besteht aus langsamen, unkommentierten Kamerafahrten durch die Straßen eines Geisterdorfes. Diese Leere wirft eine beunruhigende Frage auf, die ihre Antwort in einer unheimlichen und überraschenden  Realität findet
 
Aus westlichen Richtungen (2016), der neueste Film von Henrich, spürt mit Meisterhaftigkeit der Frage nach, wie der Begriff des „Westens“ sich von seiner ursprünglichen Bedeutung loslösen und zur Bezeichnung eines Gesellschaftsmodells werden konnte, um schließlich in jede Spalte der  westdeutschen Geschichte zu dringen. Aus westlichen Richtungen ist ein Road Movie, das uns durch nicht verortbare deutsche Städte führt und zeitweise mit Bildern z.B. einer Wohnungsauflösung zur Ruhe kommt. Die abstrakte Musik und die Stimme der Sprecherin ergänzen sich und öffnen die Wahrnehmung für persönliche Erinnerungen der Filmemacherin, Kommentare über die Nachkriegsarchitektur und -wirtschaftspolitik, die das Einfamilienhaus als Modell und Garantie eines  angeblich ewigen Wohlstands bewarben. Mit dem Generationswechsel und aus einer historischen Perspektive gesehen scheint die BRD, ebenso wie die DDR, immer mehr ein prekäres und in sich selbst gefangenes Konstrukt, das aus der Notwendigkeit zur Differenzierung erwachsen und zum Erfolg verurteilt war. Sie ist das Relikt einer Epoche, die in persönlichen Erinnerungen überlebt, bis das kollektive Erzählen sie überschrieben haben wird. Mit seiner poetischen Schönheit lädt uns Aus westlichen Richtungen ein, die wechselnden historischen Verknüpfungen und Bedeutungen zu entdecken, die in einer bestimmten Topografie eingeschrieben sind.
 
PROGRAMM I - Aus westlichen Richtungen
Vorführungen: Dienstag 25.10. 21:00 Uhr und Donnerstag 27.10. 19:00 Uhr
Gespräch zwischen Juliane Henrich und Inge Stache nach der Vorführung des Films am 25.10.

 
From the west2 Foto: Juliane Henrich Aus westlichen Richtungen, 2016, 61 min
Aus westlichen Richtungen geht der Frage nach, wie sich die Bezeichnung einer Himmelsrichtung in eine Ideologie verwandeln konnte, die als Gesellschaftsmodell die Geschichte und Beschaffenheit der Bundesrepublik Deutschland seit ihren Anfängen prägte. Nicht verortbare urbane Räume und die Inneneinrichtung eines Wohnhauses im Prozess der Auflösung sind die Szenarien, in denen Gedankengänge zwischen den Kindheitserinnerungen der Regisseurin und einer  auf Privateigentum und Einfamilienhäusern ausgerichteten Wirtschaftspolitik hin und herpendeln,  und eine Normalität und Sicherheit ins Gedächtnis zu rufen, die einer anderen Epoche angehören und seit langem schon verschwunden sind.
 
PROGRAMM II - Kurzfilme
Vorführungen: Mittwoch 26.10. 19:00 Uhr und Donnerstag 27.10. 19:00 Uhr
Gespräch zwischen Juliane Henrich und Eduardo Russo nach der Vorführung der Filme am 26.10.

 
Mit dem Wort Wende2 Foto: Juliane Henrich Mit dem Wort Wende, 2009, 3 min
Auf der größten Demonstration der Opposition der DDR-Geschichte, nur wenige Tage vor dem Mauerfall, stellt die Schriftstellerin und Oppositionelle Christa Wolf den Begriff der „Wende“ in Frage. Das erste Mal vom SED-Generalsekretär Egon Krenz bei seinem Amtsantritt im Oktober 1989 verwendet, assoziiert Wolf das Wort mit einem Segelschiff, das seine Richtung ändert, sobald der Wind sich dreht.
 
Schleifen2 Foto: Juliane Henrich Schleifen, 2013, 6 min, s/c
Was lässt einen Ort zu einem Dorf werden? Das alte Dorf wird abgeschliffen, abgerissen wegen des Vorrückens eines Tagebaus. Es wird an anderer Stelle wieder aufgebaut und die Bewohner umgesiedelt. Die neuen Häuser sehen nicht wie die vorherigen aus, dem neuen Ort fehlt es an historischen Bezügen. Mit langsamen Kamerafahrten durch die alte und die neue Siedlung lässt der Film Ansichten dessen miteinander verweben, was „Heimat“ bedeuten könnte.
 
Sämtliche Wunder2 Foto: Juliane Henrich Sämtliche Wunder, 2009, 27 min
An irgendeinem Ort in Westdeutschland: ein Haus, das unbewohnt wirkt – voll mit Familienfotos, staubigen Büchern, Postkarten, Unmengen an Möbeln und vor allem – Uhren. Die alternde Herrin des Hauses interessiert all dies nicht mehr. Fast erscheint es, als ob die Vergangenheit schon nicht mehr Teil ihres tagtäglichen Lebens sei. Alles ist auf das Hier und Jetzt zentriert: Wo gehen wir essen, was kommt in den Nachrichten und vor allem, wie spät ist es? Durch die Atmosphäre des Ortes wird das Wesen der Protagonistin eingefangen, die Eins mit dem Ort zu sein scheint.
 
 
 

Zurück