Start-ups Mehr Chancen für Gründer

Pflanzenzüchter in der Großstadt: das Infarm-Team in Berlin;
Pflanzenzüchter in der Großstadt: das Infarm-Team in Berlin; | Foto (Ausschnitt): © Infarm

Die Stimmung in der deutschen Start-up-Szene ist gut. Die Rahmenbedingungen für Gründer könnten trotzdem noch besser sein.

Von der Sprachbarriere hat sich Guy Galonska nicht abhalten lassen, von der oft  beklagten deutschen Bürokratie auch nicht. Der junge Israeli, Jahrgang 1989, zog mit seinem Team nach Berlin und gründete dort im Februar 2014 sein Unternehmen Infarm – der Name steht für „Indoor Farming“. In einer ehemaligen Fabrikhalle in einem Kreuzberger Hinterhof züchten Galonska und seine Mitarbeiter Pflanzen ohne Erde und ohne Sonnenlicht und wollen dazu beitragen, die urbane Lebensmittelversorgung zu revolutionieren.

Galonska hat sich bewusst für Berlin entschieden, obwohl auch Tel Aviv eine Start-up-Metropole ist. „Wir hatten das Gefühl, dass der europäische Markt viel empfänglicher für unser Konzept ist“, sagt er. „Indoor Farming ist vor allem dort relevant, wo es kalte Winter gibt.“ Und Berlin biete die beste Lebensqualität. „Es ist preiswert, weltoffen und hat eine starke alternative Kulturszene – all das braucht man für ein Indoor-Farming-Start-up.“ Ohnehin ist Berlin die „Gründerhauptstadt“ in Deutschland, weitere Start-up-Hotspots sind – so die unter anderen vom Bundesverbands Deutsche Startups herausgegebene Studie Deutscher Startup Monitor – mit großem Abstand zu Berlin die Städte München, Hamburg und die Metropolregion Rhein-Ruhr.

Risikokapital gesucht

Die Stimmung in der Start-up-Szene sei nach wie vor gut, bestätigt Florian Nöll, Vorsitzender des Bundesverbands Deutsche Startups. Zwar gehe die Zahl der Gründungen in Deutschland insgesamt zurück. „Gründungen aus dem Bereich der New Economy nehmen aber immer noch zu“, sagt Nöll. Vergleicht man die Bedingungen für Start-ups in Deutschland mit denen in anderen Ländern, fehlt es vor allem an einem: am Geld. „Wer heute in Deutschland gründen will, der findet leicht Kapital, um zu starten“, sagt Nöll. „Aber in den späteren Finanzierungsrunden, wenn es um Beträge jenseits von zwei bis fünf Millionen Euro geht, dann wird es sehr eng.“ So rechnete etwa der Bundesverband Deutscher Kapitalbeteiligungsgesellschaften aus, dass von 2011 bis 2013 in Deutschland zwar rund zwei Milliarden Euro Risikokapital in junge Unternehmen investiert wurde. In den USA sei im gleichen Zeitraum jedoch mit umgerechnet 64 Milliarden Euro mehr als das 30-fache zur Verfügung gestellt worden.

Das hat verschiedene Gründe: So hat Deutschland zu wenige Investoren im eigenen Land. Während etwa die großen Pensions- und Versicherungsfonds in den USA einen Teil ihrer Anlagesumme auch in hochriskante Geschäfte wie die Finanzierung von Start-ups stecken dürfen, ist dies Banken und Versicherungen in Deutschland untersagt. „Das ist für uns ein großer Nachteil, denn wenn es auch nur um einen kleinen Teil der Anlagesumme geht, so geht es doch um viel Geld, das uns in Deutschland nicht zur Verfügung steht“, sagt Nöll. Sein Verband hofft, dass das von der Bundesregierung geplante neue Venture-Capital-Gesetz hier Abhilfe schafft. Nachteilig sei auch, dass es in Deutschland kein Börsensegment für junge Hightech-Aktien gebe. Daher gingen viele Firmen im Ausland an die Börse. Im Juni 2015 startet die Deutsche Börse jedoch eine neue Plattform zur Finanzierung von Wachstumsfirmen: das „Deutsche Börse Venture Network”. Das sei immerhin ein Anfang, meint Nöll.

Anreize für Investoren gesucht

Auf Kritik stoßen auch die steuerlichen Rahmenbedingungen in Deutschland. So schreibt das Fraunhofer-Institut für System- und Innovationsforschung in seiner 2012 vorgelegten Studie Venture Capital und weitere Rahmenbedingungen für eine Gründungskultur, dass die fehlende steuerliche Förderung von Gründungen oder Forschungs- und Entwicklungstätigkeiten zu einer sehr schlechten Bewertung der steuerlichen Rahmenbedingungen für Beteiligungsnehmer in Deutschland im Vergleich zu anderen europäischen Ländern führe. Jedoch schreiben die Forscher auch, dass bei dieser isolierten Betrachtung das breite Förderangebot über Zuschüsse, Darlehen und Beteiligungskapital in Deutschland fehle.

Der Bundesverband Deutsche Startups hat eine etwas andere Sichtweise darauf: „Das hat auch einen psychologischen Aspekt“, sagt Nöll. „Steuervorteile sind ein direkter Anreiz für Investoren. Förderprogramme dagegen sind meist kompliziert, aufwendig und haben in der Praxis oft Nachteile, die sich schwer vorhersehen lassen.“ Das französische Modell, wonach jeder Bürger im Jahr 1.000 Euro in junge Unternehmen investieren und direkt von der Steuer absetzen kann, findet Nöll attraktiver.

Mehr Werbung erwünscht

Schließlich gibt es auch bürokratische Hemmnisse. So sei es etwa viel einfacher und schneller, in den USA oder Großbritannien eine Firma zu gründen als eine GmbH in Deutschland. „Das hält natürlich niemanden davon ab, hier zu gründen, aber es könnte eben wesentlich effizienter sein“, kritisiert Nöll. Ähnliches gelte beim Thema Arbeitserlaubnisse für ausländische Fachkräfte. „Das wäre ein Feld, wo wir einfach besser sein könnten als die USA“, meint der Start-up-Verbandschef. Und er findet, dass Deutschland mehr Werbung für sich selbst als attraktiver Lebens- und Arbeitsort machen sollte.

Guy Galonska und sein Team haben den Schritt gewagt. Tatsächlich seien die Finanzierungsbedingungen in Deutschland nicht ideal, meint er. Andererseits sei Berlin aber so preiswert, dass das Geld länger reiche. Er jedenfalls würde es wieder tun, sagt Galonska, und rät anderen Gründern: „Wenn ihr ein gutes Produkt habt, dann kommt nach Berlin“.