Stadtklangkunst Akustische Wende – Wem gehört der Klang der Stadt?

Leipzig St. Trinitatis
Leipzig St. Trinitatis | Foto: Frank Kaltenbach

Nachdem jahrzehntelang das Visuelle unsere Wahrnehmung dominiert hat, scheint sich eine Wende abzuzeichnen. Eine junge Generation von Künstlern und Wissenschaftlern empfindet die Geräusche der Stadt nicht mehr als Lärm, sondern erkennt darin Klangbilder, die es ästhetisch zu entdecken und zu transformieren gilt. Denn je lautloser und gleichzeitig dichter die elektromobilisierte Stadt der Zukunft werden wird, umso wichtiger erscheint die artifizielle Gestaltung ihres Klangs.

Ob eine Stadt wie eine Violine klingt, wie ein Cello oder ein Kontrabass, entscheidet die Qualität ihrer Oberflächen und die Geometrie ihrer Räume. Diese Meinung vertritt die studentische Initiative noises e.V. der Universität Koblenz, die im Juli 2015 mit ihrem Workshop „Klanglandschaften Koblenz – Altstadtrauschen“ den Qualitäten der Geräusche ihrer Stadt auf den Grund ging.

Stadtklänge in Bonn

In Bonn ist diese akustische Spurensuche bereits institutionalisiert. Der Kurator Carsten Seiffarth konnte 2010 die Beethovenstiftung für Kunst und Kultur von der Idee überzeugen, „Stadtklangkünstler“ einzuladen, die sich – analog zu den bereits eingeführten Stadtschreibern – als Artist in Residence ein ganzes Jahr mit den Geräuschen der Stadt auseinandersetzen sollten. Seit 1996 hat Seiffarth sich unter anderem durch die Sound Art Gallery Singuhr und das tuned city festival einen Namen gemacht.

Sein Programm bonn hoeren, das sich den Themen Stadtplanung, Öffentlichkeit, Architektur und Landschaft des Rheinufers widmete, war zunächst bis 2014 zeitlich begrenzt. Die begeisterten Bürger und Kooperationspartner drängten ihn aber zum Weitermachen. Manche Installationen, wie die Hörorte des ersten „Stadtklangkünstlers“ Sam Auingers, sind noch heute in Betrieb. Bei diesen soundscapes, soundwalks oder listening walks geht es keineswegs um eine pauschale Beschallung, sondern um dosierte situative Klangerlebnisse.
 

„Um das Format für neue Impulse zu öffnen, laden wir seit 2015 nicht mehr ausschließlich deutschsprachige Künstler ein“, erklärt Seiffarth. „Enge Kontakte zu künstlerischen Forschungszentren in London, mit dem CRISAP, oder mit Einrichtungen in Hongkong oder Osaka können uns nur bereichern. Momentan erforscht der niederländische Stadtklangkünstler Edwin van der Heide die Bonner Universität akustisch.“ Seit 2015 wird erstmalig der Studentenwettbewerb sonotopia ausgeschrieben. Die norwegische Preisträgerin Helen Førde zeigt, dass auch hier die Szene international besetzt ist.

Internationale Klanglandschaften

2018 will Bonn noch einen Schritt weitergehen: mit Kooperationspartnern aus Kanada, den USA und Lateinamerika. Kein Wunder, war es doch der kanadische Pionier der „akustischen Ökologie“ Raymond Murray Schafer, der 1971 das World Soundcape Project ins Leben rief, um weltweit Klanglandschaften zu dokumentieren. Professorin Nathalie Singer vermittelt in ihren Seminaren an der Bauhaus Universität Weimar auch die gegenseitige Beeinflussung zwischen Deutschland und den USA: Pionierfilme der 1920er- und 1930er-Jahre wie Walter Ruttmanns Berlin – Symphonie der Großstadt oder Oskar Fischingers Tonfilmexperiment Klingende Ornamente, haben nicht zuletzt John Cage inspiriert.

Die Brüder Abel, Carlo und Max Korinsky fasziniert die Tatsache, dass das menschliche Gehör bevorzugt horizontale Klangwahrnehmungen im Raum lokalisieren kann. Um die unbekannten Dimensionen von Tönen zu erforschen, die von oben kommen, setzen sie ihre eigens entwickelte Software Vertical Sound Lab ein. In den großen Raumvolumen des Berliner Doms oder des Gasometers in Berlin-Schöneberg kamen die akustischen Illusionen besonders beeindruckend zur Geltung.
 

Die Umsetzung klangkünstlerischer Interventionen im öffentlichen Raum ist nicht immer einfach. Laut EU-Richtlinie geben Lärmkarten den einzuhaltenden Schallschutz vor, zeitlich begrenzte Ausnahmeregelungen der Stadt sind das einzige Gegenmittel gegen Beschwerden einzelner Bürger, die jedes Projekt zu Fall bringen können.

Architektur und Klang

Köln, Kolumba Museum Köln, Kolumba Museum | Foto: Frank Kaltenbach Auch gibt es noch viel zu wenige Architekten, die sich um die akustischen Auswirkungen ihrer Gebäude kümmern. Ausnahmen bilden die gelochte schallabsorbierende Ziegelfassade des Kolumba Museums in Köln von Peter Zumthor, die perforierte Metallfassade unter den bunten Keramikstäbchen des Museum Brandhorst in München von Sauerbruch Hutton oder der Wasservorhang, der den visuell offenen Kirchhof der neuen katholischen Probsteikirche St. Trinitatis in Leipzig von Schulz und Schulz mit seinem Plätschern schmückt und dabei den Straßenlärm des Martin-Luther-Rings in den Hintergrund drängt.

München, Museum Brandhorst München, Museum Brandhorst | Foto: Frank Kaltenbach 2014 gewann der amerikanische Künstler Sven Anderson mit seinem Handbuch für akustische Stadtplanung und urbane Klanggestaltung in Zusammenarbeit mit dem Dublin City Council den European Soundscape Award 2014. Sein Plädoyer: „Klangkünstler sollten als gleichwertiger Partner der Stadtplaner und Architekten in die Verwaltungsstruktur integriert sein.“ Nachdem also zunächst die Sprache in den Mittelpunkt philosophischer Betrachtungen gerückt war (Linguistic Turn), kam es zu einer Ablösung durch die Macht des Bildes (Iconic Turn). Die Autorin Petra Maria Meyer präsentierte schließlich in ihrem 2010 erschienen Buch Acoustic Turn die theoretische Aufarbeitung der akustische Wende, die mittlerweile von Künstlern längst vollzogen ist.