Literatur und Markt Das Ringen um den richtigen Titel

Literatur und Markt: Das Ringen um den richtigen Titel“;
Literatur und Markt: Das Ringen um den richtigen Titel“; | Foto (Ausschnitt): © Frankfurter Buchmesse

Buchtitel sind eine heikle Angelegenheit, über die neben Autoren auch Verlage bestimmen. Künstlerische Freiheit und die Erwartungen des Handels liegen dabei häufig über Kreuz.

Jeder freie Journalist kennt das: Da hat man sein ganzes Herzblut und lange Überlegungen in die Überschrift für einen Artikel gesteckt – und stellt nach der Veröffentlichung fest, dass die Redaktion sie einfach geändert hat. Für die Redaktion ist das ein alltäglicher Vorgang, und oft gibt es gute Gründe, Überschriften zu ändern. Manchmal aber auch nicht.

Bei Schriftstellern besteht das gleiche Problem, nur geht es hier um noch mehr – im schlimmsten Fall um ein Lebenswerk, das aus Sicht des Autors dann für die Ewigkeit den falschen Titel trägt. Autoren schlagen Titel meist nur vor, Verlage legen sie fest.

Das Zauberwort heißt „Marktgängigkeit“, und daher hat im Verlag nicht nur das Lektorat, sondern auch der Vertrieb ein Wörtchen mitzureden. Nicht selten kommt es zum Streit. So schrieb der Suhrkamp-Verleger Siegfried Unseld 1966 an seinen Autor Thomas Bernhard, über den von ihm geplanten Romantitel Verstörung sei er „reichlich unglücklich, und noch unglücklicher bin ich über Ihre Intransigenz im Anhören unserer anderen Titelvorschläge. Machen Sie dem Verlag nie einen Vorwurf, wenn das Buch nicht den Erfolg hat, den es von seinem Text her verdient. Es ist ein vorzüglicher Text (…), aber es ist äußerst bedauerlich, dass Ihr Buch einen Titel hat, der die Käufer abschrecken wird.“

Der Autor blieb intransigent, also zu keinem Kompromiss bereit, das Buch erschien als Verstörung, allerdings nicht zur Freude des Verlegers, der 1968 nochmals schrieb: „Es war uns sonnenklar, dass ein solcher Titel zunächst vom Sortiment abgelehnt würde und dann von den Leuten (es sind 90 Prozent aller Buchkäufer), die Bücher zu Geschenkzwecken kaufen.“

„Verblendung“ und „Verdammnis“ schreckten nicht ab

Dass sich bei solchen Meinungsverschiedenheiten der Autor durchsetzt, scheint auf dem heutigen Buchmarkt um einiges unwahrscheinlicher. Bei der Belletristik hat man das Gefühl, dass die seichteren, oft nichtssagenden Titel stark zunehmen, manchmal wirken sie sogar unfreiwillig komisch. Auch ins Deutsche übersetzte Titel scheinen ein besonderes Problem zu sein, wie bei The Year of the Rat, einem 2014 erschienenen Roman von Clare Furniss. Die Kenntnis chinesischer Tierkreiszeichen traute man deutschen Lesern offenbar nicht zu, also heißt das Buch auf Deutsch Das Jahr, nachdem die Welt stehenblieb.

Mit Blick auf ein weiteres Segment – die Kriminalromane – wirkt Thomas Bernhards Titel Verstörung heute übrigens geradezu avantgardistisch. Stieg Larssons „Millennium“-Trilogie mit Verblendung (2005), Verdammnis (2006) und Vergebung (2007) hat auch Geschenkbuchkäufer kaum abgeschreckt, sondern eher ermutigt: Weltweit wurden mehr als 60 Millionen Bücher verkauft.

Wenn es nicht gerade um einen Schwedenkrimi geht, ist der Bezug zum Tod in Titeln allerdings heikel. „Krankheit, Tod oder Unflätiges versuchen wir zu vermeiden“, sagt Wilhelm Trapp, Programmleiter für Belletristik beim Verlag Rowohlt Berlin. Doch es kann auch anders kommen, so wie im Fall des Autors Thomas Pletzinger: Bestattung eines Hundes war jahrelang der Arbeitstitel für sein Debüt von 2008 gewesen. Der Tod im Titel, dazu noch der eines Tieres, das schien bedenklich. Also dachten sein Lektor und er sich Dutzende Alternativen aus, eine Longlist mit 80 Titeln, dann zehn für die engere Auswahl, darunter Langsame Landung, Luas letztes Bier und Heimwehtouristen. In der entscheidenden Konferenz habe der Vertriebschef sich die Liste angesehen und in Sekundenschnelle entschieden: „Bestattung eines Hundes, ganz klar. Das kaufen die Leute.“

Mancher setzt bewusst auf Kuriosität

Längst wurde auch in Deutschland ein Preis für den „kuriosesten Buchtitel des Jahres“ ausgelobt. Und während Bücher wie Die Moldau im Schrank (2011) von Nina Maria Marewski ungewollt um ihn zu konkurrieren scheinen, gibt es auch solche, die gezielt auf Kuriosität setzten, zum Beispiel durch barocke Länge wie bei Antonia Baums Roman Ich wuchs auf einem Schrottplatz auf, wo ich lernte, mich von Radkappen und Stoßstangen zu ernähren (2015).

Titel sind eine eigene Textsorte, sie „öffnen Türen in noch nicht betretene Räume, aber nur einen Spaltbreit“ – das wissen besonders die Hüter der Bibliothek der ungeschriebenen Bücher. In dieser im Piper-Verlag erschienenen Anthologie erfährt man von mehr als 70 Gegenwartsautoren, wie amüsant, aber auch wie unerfreulich das Ringen um den richtigen Titel sein kann, also warum etwa Martin Gülichs Roman Die Paarung der Feuerwanzen 2005 schließlich doch als Die Umarmung erschien, wie die Parteispendenaffäre der CDU dazu führte, dass Annett Gröschners im Verlagsprospekt bereits als Eingefrorene Guthaben angekündigtes Debüt in Moskauer Eis (2000) umbenannt wurde, oder warum Monika Rincks wunderbare Titelvorschläge für ihren ersten Lyrikband – Würfeln mit Cowboys, Goodbye, Heuschrecke, Elektroholunder oder Regen, dechiffriert – allesamt gegenüber dem Titel Verzückte Distanzen (2004) den Kürzeren zogen. Bibliothekaren und Lesern bleibt die Gewissheit, dass sich hinter jedem gedruckten Titel unzählige ungedruckte, verworfene verbergen.