35 Jahre Spex Magazin Pop zum Nachdenken

Ein kleines, aber agiles Team - die Spex Redaktion 2015 mit Patrick Klose, Daniel Gerhardt, Torsten Groß, Jennifer Beck, Arno Raffeiner, Annika Reith, Christoph Gabriel (v.l.n.r.).
Ein kleines, aber agiles Team - die Spex Redaktion 2015 mit Patrick Klose, Daniel Gerhardt, Torsten Groß, Jennifer Beck, Arno Raffeiner, Annika Reith, Christoph Gabriel (v.l.n.r.). | Foto: Claudia Rorarius

2015 wird die Musikzeitschrift „Spex“ 35 Jahre alt. Diese Zeitspanne umfasst nicht nur Umbrüche in der Geschichte des Blattes, sondern auch in der deutschen Popkultur-Geschichte. Ein Prozess, der nicht immer schmerzfrei ablief.

Im Jahr 1980 zunächst als Fanzine gegründet, wird die Spex von ihrer Gründergeneration als New-Wave-Magazin verstanden. Im Gegensatz zur bereits seit den 1960er-Jahren bestehenden Zeitschrift Sounds, der damals relevanten Plattform für die deutschsprachige Musikjournalismus-Avantgarde, ist die Spex ein Produkt der Post-Punk-Ära mit entsprechend revolutionärem Selbstverständnis. Eine neuer Schreibstil für neue Musik sollte her, für die „Musik zur Zeit“, wie es in der ursprünglichen Unterzeile des Magazins hieß.

Relevante Popkultur in Deutschland war 1980 gleichbedeutend mit Subkultur, eine Reflexion der in Deutschland sogenannten U-Musik („Unterhaltungs“-Musik, populäre und kommerzielle Stile) war weder im bürgerlichen Feuilleton noch in akademischer Form etabliert. Wenn sie in den Mainstream-Medien behandelt wurde, dann als Phänomen der Teenager-Kultur oder leichte Muse, die in öffentlich-rechtlichen Slapstick-Fernseh-Formaten wie der „Plattenküche“, „Bananas“ oder als Hit-Plattform wie in der Sendung „Disco“ vorkam.

Deutungslücken im Popdiskurs

Die daraus entstehenden Deutungslücken öffneten den Raum, in dem die Spex zu einem einflussreichen Organ des deutschen Popgeschehens werden konnte. Diese Entwicklung konnte das ursprüngliche Herausgeberkollektiv um Gerald Hündgen, Clara Drechsler, Dirk Scheuring, Wilfried Rütten und Peter Bömmels so nicht vorhersehen. Denn Pop durchlief in den 1980er-Jahren eine Bedeutungssteigerung. Der gesellschaftliche Wandel im Nachkriegseuropa brachte Konsumgesellschaften hervor, die in der Popkultur ihren Ausdruck fanden. Die Jugendkultur wird zur Avantgarde einer von Werbung durchdrungenen Mainstream-Ästhetik. In der Spex fanden die zugehörigen Diskurse ihr Podium.

Marxistische Analyse, französische Theorie, Postmoderne und Dekonstruktion treffen auf Fan-Kultur und teilnehmende Beobachtungen an den Orten des Geschehens. Es gruppierte sich eine Fangemeinschaft um die Kölner Redaktion, die über die bloße Musiksphäre hinausragt. Die publizistische Alleinstellung als glaubwürdiges Organ der Musikkritik und das ständig wachsende Interesse an subkulturellen lnhalten ermöglichen der nicht kaufmännisch-verlegerisch orientierten Spex eine wirtschaftliche Existenz. Tabakindustrie und florierende Tonträgerumsätze garantieren Anzeigenerlöse.

Wendejahre der Kritik

Mit dem Übergang von Post-Punk zu Rave als dominanter Pop-Strömung und der zeitgleichen Wiedervereinigung Deutschlands Ende der 1980er-Jahre beginnt eine neue Ära für die Pop-Betrachtung in Deutschland und für die Spex. Chefredakteur Diedrich Diederichsen verlässt nach fünf Jahren 1990 seinen Posten, schreibt aber weiter für das Magazin. So stellt er dort zwei Jahre später in seinem Artikel The Kids Are Not Alright fest, dass Pop sein revolutionäres und emanzipatorisches Potenzial eingebüßt habe. Symbole jugendkulturellen Widerstands wie Kapuzenshirt und Basecaps sind nun auch bei fremdenfeindlichen Demonstranten zu sehen, die vermutlich teilweise auch die gleiche Musik wie ihre antifaschistischen Gegenüber hören.

Mit diesen Entwicklungen endet die Phase eines Kulturverständnisses, in der Pop für ein von den Besatzungsmächten importiertes Neues stand, das das Alte und Deutsche zu dominieren versuchte. Er wird vom Zeichen des Widerstands zum Symbol des Konsums, zum Produkt. Die Spex-Redaktion arbeitet sich in den 1990er-Jahren zunächst unter Chefredakteur Christoph Gurk (1993-1998) und dann unter Dietmar Dath (1998-2000) an der neuen Pop-Welt und ihren Zeichensprachen ab. Nicht-musikalische Themen wie Kunst, Literatur oder Film verlangen mehr Raum. An anglo-amerikanische interdisziplinäre „Cultural Studies“ angelehnte Diskurse um Genderpolitik oder Rassismus stehen neben klassisch musikjournalistischen Ansätzen. Gleichzeitig erreicht die Popkultur das etablierte Feuilleton. Nicht zuletzt ehemalige Spex-Autoren schreiben nun auch in den Tages- und Wochenzeitungen des Landes über Pop.

Ende der 1990er-Jahre gerät das ökonomische Gerüst des Selbstverlags der Spex ins Wanken. Der Münchner Verleger Alexander Lacher übernimmt mit dem Piranha-Verlag die Zeitschrift und wird Herausgeber. Es kommt zu einem personellen und programmatischen Einschnitt. Unter Chefredakteur Uwe Viehmann wird die Spex neu aufgestellt, es gibt nun eine Modestrecke und beigelegte CDs. Ende 2006 wird die Redaktion nach Berlin verlegt, es folgen mehrere Wechseln an der Redaktionsspitze, bevor im April 2012 Torsten Groß seine Arbeit als Chefredakteur beginnt.

Kommerz und Debatte

Im 35. Jahr des Bestehens der Spex zeigt das Oktober-Cover 2015 zur Headline „Deutschland, mach Platz!“ einen Schäferhund: Illustration einer Debatte um die aktuelle Flüchtlingsdiskussion. Daneben die Aufzählung diverser Acts, Themen aus der Welt der TV-Serien, der Games, der Mode und der Trends des digitalen Raums. Im Vergleich zu den Kölner Anfängen ist die Berliner Spex ein verlegerisch-kaufmännisch ausgerichteter Titel, der sich allerdings durch die eigene Geschichte und damit einhergehenden ausgeweiteten Themenbezüge immer noch redaktionelle Freiheiten herausnehmen kann.

Im Aufmerksamkeits-Wettbewerb der zeitgenössischen Popkultur muss sich die Spex 2015 in den aktuellen Debatten immer wieder aufs Neue als Podium relevanter Abhandlungen und als reizvolles, markttaugliches Medienformat bewähren. Das ist keine leichte Aufgabe, aber ohne eine Tendenz zur Opposition in der Berichterstattung und Kulturanalyse, zur permanenten Revolution zumindest im Symbolischen, verkäme sie sonst zur kommentierten Katalogübersicht der Kulturindustrie. In dieser Herausforderung, die eigene Relevanz immer wieder neu zu beweisen, gleicht die Spex ihrem Thema, der Popkultur.