70 Jahre Wochenzeitung „Die Zeit“ Im digitalen Frühling

„Die Zeit“ im Helmut-Schmidt-Haus in Hamburg
„Die Zeit“ im Helmut-Schmidt-Haus in Hamburg | © Sina Görtz

Ausführliche Artikel und vielfältige Meinungen bilden seit 1946 den Markenkern der liberalen Wochenzeitung „Die Zeit“. Damit hat sie im 70. Jahr ihres Bestehens auch den Übergang in die digitale Medienwelt geschafft.

Als „alte Tante“ wurde Die Zeit früher gerne von der Konkurrenz bespöttelt – wegen des gepflegten Stils und oft etwas belehrenden Untertons ihrer Autorinnen und Autoren, aber auch weil sich die Wochenzeitung nach Jahrzehnten gestalterisch wie in ihrer Gründungszeit 1946 präsentierte. 70 Jahre später hat sich Die Zeit nicht nur äußerlich verjüngt, sie hat auch den Anschluss an die digitale Medienwelt geschafft und erlebt ihre wirtschaftlich erfolgreichste Phase. Gegen den Branchentrend konnte Die Zeit ihre Gesamtauflage im 4. Quartal 2015 auf über 511.000 Exemplare steigern. Zeit Online gehört zu den wichtigsten deutschsprachigen Internet-Nachrichtenportalen, und die Marke Die Zeit verfügt über zahlreiche publizistische Ableger (Zeit Wissen, Zeit Geschichte und andere) sowie eine Bildungsakademie und eine Veranstaltungsreihe. Möglich ist diese Erfolgsgeschichte allerdings nur, weil sich die „alte Tante“ im Kern treu geblieben ist: Unverändert setzt sie auf ausführliche Artikel, geschliffene Sprache und eine liberale Haltung, wie sie schon im Editorial der ersten Ausgabe anklingt: „Aber auch eine uns fremde Ansicht mag die Gewissheit haben, dass sie von uns geachtet wird.“

Eine historische Chance

Im Februar 1946 erhielten die Gründer der Zeit in Hamburg die Presselizenz von den in Norddeutschland nach dem Zweiten Weltkrieg stationierten britischen Behörden, am 21. Februar 1946 erschien die erste Ausgabe. Die vier Herausgeber, darunter der Rechtsanwalt Gerd Bucerius, wollten den moralischen Neuaufbau ihrer im Zweiten Weltkrieg weitgehend zerstörten Heimat mitgestalten und sahen die Stunde Null als historische Chance an. Ernst Samhaber, der erste Chefredakteur der Zeit, scheute sich deswegen nicht, die Politik der Alliierten, die Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg verwalteten, offen anzuprangern. In den folgenden Jahren entwickelte sich die Zeit zur entschiedenen Verfechterin einer selbstbestimmten Demokratisierung Deutschlands und begründete damit ihren publizistischen Ruf.

Kultur und Bildung

Zeit-Verleger Gerd Bucerius erkannte früh die Bedeutung der Kulturberichterstattung für seine an das gebildete Bürgertum gerichtete Zeitung. Zur vollen Blüte kam das Feuilleton allerdings erst nach 1957, als der Journalist und Autor Rudolf Walter Leonhardt die Ressortleitung übernahm. Auf 16 großformatigen Seiten, davon die Hälfte für die Literatur reserviert, bildete die Zeit das kulturelle Leben der Bundesrepublik Deutschland ab und wirkte maßgeblich daran mit, die Gruppe 47, zu deren Autoren Günter Grass, Heinrich Böll und Hans Magnus Enzensberger gehörten, als wichtige literarische Stimme zu etablieren. Ein besonderes Augenmerk der Redaktion liegt seit den 1960er-Jahren auf der Hochschul- und Bildungspolitik, eine Tradition, die heute im Magazinableger Zeit Campus und dem Zeit Studienführer fortlebt; mit den Online-Plattformen academics und e-fellows bedient der Zeit-Verlag zudem den akademischen Stellenmarkt und die universitäre Karriereförderung. Eher selten stößt die Kulturredaktion Kontroversen an. Eine wichtige Ausnahme war der um die Bewertung des Nationalsozialismus kreisende Historikerstreit von 1986/87, der durch einen Zeit-Aufsatz des Philosophen Jürgen Habermas die entscheidende Zuspitzung erfuhr.

Die Gegenwart

In finanzieller Hinsicht war Die Zeit keinesfalls durchgängig erfolgreich. Im Frühjahr 1951 stand sie vor dem Konkurs und auch Anfang der 1970er-Jahre schrieb sie rote Zahlen. Heute versucht die Konkurrenz vom anhaltenden Erfolg der Zeit zu lernen, wie man von den durch das Internet veränderten Lesegewohnheiten profitiert. Während die Tageszeitungen am Morgen schon veraltet erscheinen, bietet Die Zeit Themen und Analysen, die über den Tag hinausweisen. Darüber hinaus bietet Zeit Online aktuelle Nachrichten und von der Print-Ausgabe unabhängige Berichte. In dieser Hinsicht ähnelt sie dem ebenfalls wöchentlich erscheinenden Nachrichtenmagazin Der Spiegel, dessen publizistischer Gegenpol sie bis heute ist. Während Der Spiegel für enthüllende Recherche, einen von Autoren unabhängigen Schreibstil und zugespitzte Meinungsbeiträge steht, wird in der Zeit Analyse, die Handschrift einzelner Autoren und der Ausgleich zwischen den politischen Lagern gepflegt.

Unter dem seit 2004 amtierenden Chefredakteur Giovanni di Lorenzo wurde die bis dahin eher zaghafte Modernisierung der Zeit mit Nachdruck vorangetrieben. Das Layout bekam mehr Bilder und mehr Farbe, die zwischenzeitlich eingestellte Hochglanz-Beilage Zeit-Magazin wurde 2007 wieder eingeführt. Auf der Titelseite erscheinen nun häufiger Themen von allgemeinem Interesse, etwa aus den Bereichen Gesellschaft, Psychologie und Biologie. Zudem entstanden Regionalausgaben für Hamburg, Sachsen, die Schweiz und Österreich. Zeit Online hat das Angebot ebenfalls stark ausgebaut und verzeichnet monatlich über 50 Millionen Besuche auf der Website (12/2015), davon rund 19 Millionen über mobile Geräte. Im Jahr 2015 hat der Verlag die auf die junge Zielgruppe und allgemein auf die Nutzer sozialer Medien zugeschnittene Internetseite Ze.tt gegründet. Geht das Kalkül auf, zieht sich die „alte Tante“ hier junge Nichten und Neffen heran.
 
In der Jubiläums-Beilage der Zeit zum 70-jährigen Bestehen erschien auch ein Beitrag über einen regelmäßigen Besucher der Bibliothek im Goethe-Institut Sri Lanka. Als treuer Zeit-Leser möchte er keine Ausgabe der Wochenzeitung verpassen:

Weit weg, ganz nah | Jede Woche in Sri Lanka: Herr Welgama liest sich zurück nach Deutschland (zeit.de)