Wissenschaftskommunikation Forschung mit Followern

Bürger schaffen Wissen – Plattform für Citizen Science
Bürger schaffen Wissen – Plattform für Citizen Science | Foto: © Screenshot

Die zunehmende Kommunikation über Internet und Soziale Medien eröffnet der Forschung völlig neue Wege, mit vielen Menschen über ihre Ergebnisse zu sprechen. Selbst bei Wissenschaftslaien wächst das Interesse an einem Dialog.

Die Wissenschaft hat bei der deutschen Bevölkerung kein schlechtes Image. Aber das Verhältnis beider zueinander könnte besser sein. So überraschte das „Wissenschaftsbarometer“ 2015 mit dem Befund, dass nur 23 Prozent der Bundesbürger der Ansicht sind, die Öffentlichkeit werde genügend in die Entscheidungen über Wissenschaft und Forschung einbezogen. Ein sehr viel größerer Anteil – 42 Prozent – empfand dagegen einen Mangel an Integration. Das „Wissenschaftsbarometer“ wird regelmäßig von der Kommunikationsinitiative der deutschen Forschungsorganisationen „Wissenschaft im Dialog“ in Auftrag gegeben.

Gegründet wurde „Wissenschaft im Dialog“ 1999 von den deutschen Wissenschaftseinrichtungen, um zunächst über Presse und Rundfunk, später dann mit eigenen Veranstaltungen die Bevölkerung über die Wissenschaft und ihre Ergebnisse zu informieren. Dies geschieht in den Sommermonaten unter anderem mit einem Forschungsschiff. Es gastiert regelmäßig mit einer Ausstellung zu einem bestimmten Jahresthema in Städten entlang der deutschen Flussläufe. Ausstellungsthemen sind beispielsweise die alternde Gesellschaft, Digitalisierung oder die Zukunft der Städte. Neu sind Bürgerforen zu strittigen Forschungsthemen, aber auch ein Video-Wettbewerb, der originelle Internet-Clips aus der Wissenschaft prämiert.
 

Das Internet ist die wichtigste Informationsquelle

Nach den Ergebnissen der repräsentativen Befragung bezieht die deutsche Bevölkerung die zentrale Wissensinformation über die Medien. 52 Prozent lesen Artikel über Wissenschaft in der Zeitung. Noch mehr, nämlich 66 Prozent, schauen Wissenschaftssendungen im Fernsehen. Das Internet – vor allem Websites und Mediatheken von Nachrichtenanbietern – ist für 43 Prozent häufige Informationsquelle. Wissenschaftliche Informationen auf Videoplattformen wie YouTube oder in sozialen Netzwerken wie Facebook und Twitter erreichen knapp die Hälfte beziehungsweise ein Drittel derjenigen, die sich generell im Internet über Wissenschaft informieren. In der Summe empfinden sich aber nur 29 Prozent der Befragten bei Wissenschaftsthemen „auf dem Laufenden“; in den Bereichen Politik (48 Prozent) und Sport (44 Prozent) ist der gefühlte Informationsgrad deutlich höher. Können hier digitale Medien für eine bessere Wissenschaftskommunikation sorgen?

Für Markus Weißkopf, den Geschäftsführer von Wissenschaft im Dialog, ist von Bedeutung, „dass der Wunsch nach mehr Einbezug der Bürger stabil geblieben ist“. Dies zeige, dass die Wissenschaftskommunikation „hier eine Aufgabe hat, den Dialog auch über kontroverse Themen der Wissenschaft und gleichfalls die Beteiligung an Wissenschaft, etwa über „Citizen Science“, zu intensivieren“.

In einer Anhörung des Bundestagsforschungsausschusses zum Thema Wissenschaftskommunikation machte der Wissenschaftsjournalist Jan-Martin Wiarda im Oktober 2015 auf zwei gegenläufige Trends aufmerksam: Während sich die von Hochschulen und Forschungsinstituten betriebene Wissenschaftskommunikation weiterhin im Aufschwung befinde, sei in den Zeitungen die Krise des Wissenschaftsjournalismus unübersehbar. Beiden Trends liegen dieselben Ursachen zugrunde, „die Digitalisierung und der Boom der Social Media“. Wiarda sagt: „ Sie zerstören das Sender-Empfänger-Muster traditioneller Massenmedien und machen jeden Laien wie jeden Wissenschaftler gleichermaßen zum potenziellen Sender und Empfänger“. Zugleich werde es den Wissenschaftseinrichtungen möglich, „viel einfacher als zuvor ihre Botschaften direkt in die Öffentlichkeit hineinzuspielen“. Hier verändert sich zurzeit sehr viel. Ein „gelungenes Miteinander beider Sphären“ wird es für den Journalisten Wiarda, der zuletzt als Kommunikationschef der Helmholtz-Gemeinschaft amtierte, „nur über die Etablierung professioneller Standards auf beiden Seiten“ geben.
 

Der Einfluss ist kaum abschätzbar

Auch für Julia Wandt von der Universität Konstanz, die als Vorsitzende des Bundesverbands Hochschulkommunikation ebenfalls an der Bundestagsanhörung teilnahm, sind „die digitale Explosion in der Medienwelt und ihre enormen Folgen“ ein zentrales Thema. „Ich bin der Meinung, dass wir das Ausmaß der Digitalisierung und ihren Einfluss auf die Kommunikation noch gar nicht abschätzen können“, bemerkte die Uni-Pressesprecherin unter Verweis auf Kampagnen in den sozialen Netzwerken und das Lancieren von Meinungen und Debatten.

Ein neuer Trend der Bürgerbeteiligung in der Wissenschaft hat in Deutschland unter dem Fachbegriff „Citizen Science“ an Fahrt gewonnen. Unter dieser „Bürgerforschung“ wird die Partizipation von Laien an wissenschaftlichen Projekten verstanden, etwa durch die Zählung von Vögeln und Schmetterlingen wie auch durch die Beobachtung von astronomischen Vorgängen am Nachthimmel. Dies liefert den Fachwissenschaftlern wichtige empirische Daten, an die sie sonst nur mit deutlich größerem Aufwand gelangen würden. Derzeit wird von Seiten des deutschen Forschungsministeriums an einer „nationalen Citizen Science-Strategie“ gearbeitet, um auch andere Fächer, etwa in den Geistes- und Sozialwissenschaften, für interessierte Hobby-Forscher zu öffnen.
 

Die Politik reagiert

Die Parlamentsanhörung im Oktober 2015 signalisierte, dass das Thema in der Politik angekommen ist. Bereits in der Koalitionsvereinbarung für die neue Bundesregierung von Union und SPD im Jahr 2013 findet sich der vielversprechende Satz: „Wir wollen neue Formen der Bürgerbeteiligung und der Wissenschaftskommunikation entwickeln und in einem Gesamtkonzept zusammenführen“. Auf den neuen politischen Akteur in der Arena blicken sowohl die Kommunikatoren aus der Wissenschaft als auch die Journalisten im medialen Wissenschaftsressort mit großem Interesse. Dass es ohne digitale Beteiligung nicht geht, kam bereits darin zum Ausdruck, dass die meisten Ausschuss-Zuhörer über den Internet-Kanal des Bundestags-TV zugeschaltet waren.