Schlingensief Bruchstücke des Unmöglichen

Dr. Anna Teresa Scheer
Dr. Anna Teresa Scheer in Carriageworks, einem der Ausstellungsorte während der zwanzisten Biennale of Sydney | © Sabine Scholz-Hinton

Christoph Schlingensief war Künstler, Film- und Theaterregisseur und Autor. Dr. Anna Teresa Scheer ist Dozentin an der Künstlerischen Fakultät der University of New England in Armidale und hat Schlingensiefs Werke eingehend studiert. Als Teil der Biennale of Sydney wird nun erstmals Schlingensiefs Multimedia Installation „The African Twintowers" (2005) in Australien gezeigt. In diesem Interview spricht Anna Scheer offen über ihre persönlichen Gründe, Schlingensief zu studieren, und darüber wie sie die Reaktionen des australischen Publikums auf seine Installation einschätzt.

Du bist von der zwanzigsten Biennale of Sydney eingeladen worden einen Vortrag über den deutschen Künstler Christoph Schlingensief zu halten. Kannst du uns etwas über seine Werke erzählen, besonders über die Installation, die gerade als Teil der Biennale in der Art Gallery of New South Wales (AGNSW) ausgestellt wird?

Das Tolle an der Sache ist, dass dies das erste Mal ist, dass Schlingensief in New South Wales ausgestellt wird. Tatsächlich ist es das erste Mal, dass eines seiner Werke in Australien gezeigt wird - auch wenn die Queensland Art Gallery 2011 seine Filme vorgeführt hat.

EMBASSY OF SPIRITS

Gerade dass Christoph Schlingensief im Zuge von etwas gezeigt wird, was den Titel Embassy of Spirits trägt, ist besonders passend. Denn seine späteren Werke setzten sich mit Spiritualität auseinander, vor allem nach seiner Krebsdiagnose im Jahr 2008. Seine Gedanken wandten sich, wenig überraschend, seinem eigenen Tod zu und dem was man hinterlässt. Dem, was es bedeutet, nur eine begrenzte Zeit zur Verfügung zu haben. Sein innerer Kampf mit seiner eigenen Religiosität als jemand, der in einer sehr katholischen Familie aufgewachsen war, wurde zum Fokus. Aber unabhängig von Religion, dem Katholizismus gibt es eben auch Spiritualität. Und Religion und Spiritualität können zwei ganz unterschiedliche Dinge sein. 

Diese Installation, The African Twintowers, entstand im Jahr 2005 und der Titel selbst ist besonders überraschend. Er bezieht sich auf den Anschlag auf die Zwillingstürme vom 11. September, und zwar in einer sehr herausfordernden – ja sogar kontroversen Art und Weise. Für Schlingensief ging es um das, was vor sich ging. Die Anzahl der Toten in Afrika, die täglich um die 35.000 liegen konnte - vollkommen glossiert und ignoriert im Angesicht einer großen westlichen Katastrophe, die erheblich weniger Leben gekostet hatte, unabhängig davon, wie wichtig diese Leben waren. Der Titel des Werks soll hervorheben, dass es so etwas wie die Zwillingstürme jeden Tag gibt.
 
DER PLAN DER INS WASSER FIEL

Das war seine spezielle Perspektive als ein deutscher Künstler. Der Ansatzpunkt des Films war es, dass [Schlingensief] wieder eine Verbindung zu seiner Auseinandersetzung mit Afrika aufbauen wollte, die er viele Jahre lang gehabt hatte. Und diesmal ging er dorthin, um seinen ersten Film in acht Jahren zu drehen. Das war der Plan – aber dieser Plan fiel in Wasser. Nach zwei Tagen Dreh fiel das Projekt in sich zusammen. Seine Ideen für das Drehbuch – [seine Drehbücher waren] normalerweise etwas verrückt, lustig, humorvoll, düster, politisch, satirisch – funktionierten nicht in Bezug auf seine Wahrnehmung von Kolonialismus. […] Er hat aber dennoch für 27 Tage weiter gedreht.

Christoph Schlingensief’s multimedia installation Christoph Schlingensief The African Twintowers, 2005–07, multimedia installation, 18 flatscreen monitors, 18 videos, no sound 165 x 421 cm (overall) Installation view of the 20th Biennale of Sydney (2016) at the Art Gallery of New South Wales Courtesy the Estate of Christoph Schlingensief and Hauser & Wirth, London and Zurich © Leïla Joy

Was wir in der AGNSW sehen können, sind die Bruchstücke von etwas, das unmöglich geworden war. 18 Bildschirme, auf jedem unterschiedliche Bilder.
Besonders interessant ist an diesem Werk, dass dem Betrachter nicht gesagt wird, wo er hinschauen soll. Man findet keinen Handlungsstrang. Man findet keinen zentralen Punkt auf diesen 18 Monitoren – fang hier an und hör da auf – der Zufall entscheidet, wo der Blick hinfällt.

Diese Installation hat keinen Ton. Ich finde diesen Aspekt interessant und herausfordernd. Würdest du also sagen, dass „The African Twintowers" eine ausschließlich visuelle Installation ist?

Es ist eine visuelle Installation, aber diese Arbeit existiert auch in Form eines Films mit Ton. Ich habe diesen erst kürzlich in Deutschland gesehen. Aber auch hier handelt es sich nicht um einen Film mit einer klaren Handlung. Es gibt zahlreiche Bilder, die sich wiederholen - aber es gibt Ton. Man kann hören, was die Schauspieler sagen, man kann hören, was Schlingensief sagt. Es ist also eine Art Film - in einer Sequenz gedreht und auf einem Monitor vorgeführt.

Es handelt sich also um das gleiche Material, nur in unterschiedlichen Formaten aufgearbeitet?

Ich denke, es könnte sich tatsächlich um unterschiedliches Material handeln. Da der Dreh 27 Tage gedauert hat, ist sicherlich das eine oder andere in der Filmsequenz gelandet, und einige der Bilder hier sind sicherlich ganz andere.

VOM BIZARREN BIS ZUM BANALEN

Aber sie reichen vom Bizarren, Banalen und Politischen über Bilder, die den deutschen Kolonialismus aufgreifen, bis hin zum Surrealen, Grotesken und Humorvollen. Zu versuchen, nach der ultimativen Bedeutung zu suchen, wird nicht funktionieren. Aber das Werk sollte herausfordernd sein, einnehmend - und ich denke, es wird dem australischen Publikum einen guten Ansatz für die Auseinandersetzung mit Schlingensiefs Arbeit geben. Ich glaube auch, dass er sich bei der Embassy of Spirits in großartiger künstlerischer Gesellschaft befinden wird.

Wie sah deine erste Auseinandersetzung mit Schlingensief aus? Was war dein Ansatz, und wie passt diese Auseinandersetzung heute in dein Leben?

Also ich habe für 14 Jahre in Berlin gelebt, in Prenzlauer Berg, was heute ein sehr trendiger, mondäner Stadtteil ist. Aber der Grund, warum ich dort war, war eben nicht, weil es trendig war, sondern weil ich an der Volksbühne gearbeitet habe, dem großen Theater im ehemaligen Osten am Rosa-Luxemburg-Platz. Schlingensief hat ab 1993 dort gearbeitet - also zur gleichen Zeit wie ich. Er hat auch um die Ecke von mir gewohnt. Ich habe also nicht nur sein Schaffen an der Volksbühne miterlebt, sondern er war auch ein bekanntes Gesicht in meiner Nachbarschaft - im Biergarten, in den wir alle gingen oder in dem Laden, in dem wir unsere Fotos entwickeln ließen.

Du bist also nicht nur jemand, der sein Schaffen studiert hat, sondern auch jemand, der ihn persönlich kannte.

Ja, zu der Zeit habe ich gar nicht studiert. Ich habe im Theater gearbeitet. Erst Jahre später, als ich 2007 wieder nach Australien zurückkam. Die Frage nach dem, was ich studieren würde, war glasklar; dass der einzige Künstler auf den ich mich wirklich fokussieren wollte, Schlingensief war. Aus dem Grund, dass mich seine Arbeit stark bewegt hat.

Als jemand, der Deutsch als Zweitsprache spricht, war mir die politische Ausrichtung seines Schaffens deutlich bewusst. Ebenso wie die Tatsache, dass Australien, mein Heimatland, nichts Vergleichbares vorzuweisen hatte. Es gab hier keinen Künstler, der sich derartig radikal und herausfordernd mit der Politik auseinandergesetzt hätte. Es hat mich verwundert, dass er in Australien relativ unbekannt, was sage ich, vollkommen unbekannt war. Ich habe dann meine erste Arbeit über ihn geschrieben und 2010 habe ich an der ersten englischen Publikation über sein Schaffen mitgewirkt. Dann habe ich meine Doktorarbeit über Schlingensief geschrieben und 2017 kommt eine Monographie von mir über sein Theaterschaffen heraus. Er beschäftigt mich immer weiter.

EINE INTERNATIONALE AUSEINANDERSETZUNG

Nach seinem viel zu frühen Tod im Jahr 2010 wurde ziemlich schnell deutlich, dass es einen ganzen Berg von Material gibt, der betrachtet werden müsste. Wissenschaftler stehen hier wirklich noch ganz am Anfang. Deutschland ist da schon ein ganzes Stück weiter. Aber sein Schaffen nur in einem deutschen Kontext zu betrachten, würde Schlingensief meiner Meinung nach nicht gerecht werden. Vor allem wenn man bedenkt, was er für die Kunstwelt geleistet hat. Ich denke, sein Schaffen verdient eine internationale Auseinandersetzung und abgesehen von Retrospektiven und Katalogen wissen wir eigentlich noch recht wenig.

Möchtest du eine Prognose darüber treffen, wie das australische Publikum auf seine Installation während der Biennale reagieren könnte?

Mit totaler Verblüffung! Ich denke, die Installation wird mit Schmunzeln, Neugierde und einem gewissen Wiedererkennungswert aufgenommen werden. Wenn es zum Beispiel um Kolonialbilder geht, wenn man die alten Helme sieht, die sie damals getragen haben. Oder die Afrikaner und ihr Amüsement gegenüber dieser verrückten Filmcrew. Ich denke, wir Australier werden teilweise einen Ansatzpunkt durch unsere eigene Kolonialgeschichte finden, eine zaghafte Auseinandersetzung, die viele nicht-indigene Australier mit diesem Teil unserer Geschichte haben. Ich denke, es wird definitiv Spekulationen darüber geben, was [die Installation] alles bedeuten könnte.

Vielen Dank für das Gespräch Anna.