Eurovision Über-Fans Down Under

Dami Im vertritt Australien beim Eurovision Song Contest 2016
Dami Im vertritt Australien beim Eurovision Song Contest 2016 | © Giles Park

Der Eurovision Song Contest (ESC) ist seit Jahrzehnten eine der beliebtesten Unterhaltungsshows in Australien. Zum zweiten Mal darf 2016 ein australischer Kandidat teilnehmen. Da fragt sich mancher, wieso nicht-europäische Länder bei diesem europäischen Spektakel zugelassen sind. Und woher kommt eigentlich die Begeisterung für den Wettbewerb am anderen Ende der Welt?

Eine große Leinwand, ein Beamer und literweise Kaffee stehen ganz oben auf der Liste der Dinge, die Sharleen Wright besorgen muss. Die 38-Jährige ist Präsidentin des australischen Eurovision Songcontest-Fanclubs; zusammen mit 50 anderen Fans will sie das Finale von Sydney aus live verfolgen. Die Show läuft zur europäischen Primetime, in Australien ist es dann fünf Uhr morgens. „Wir sind Über-Fans“, sagt Sharleen Wright. „Wir wollen zeitgleich dabei sein, und wir wollen für die Kandidaten abstimmen.“

Der ESC ist eine der populärsten Unterhaltungsshows im australischen Fernsehen. Rund sechs Millionen Australier sahen das Finale im Jahr 2015; eine gigantische Einschaltquote bei gerade mal 23 Millionen Einwohnern. Zeitgleich dabei sind zwar nur die eingefleischtesten Fans wie Sharleen Wright. Doch schon seit rund vierzig Jahren zeigt der Sender SBS den Wettbewerb am nächsten Abend; seit 2009 kommentieren die landesweit bekannten Moderatoren Julia Zemiro und Sam Pang dabei Auftritte und Punktevergabe.

Sharleen Wright mit der Funk Band InCulto, die 2010 für Litauen an den Start ging. Sharleen Wright mit der Funk Band InCulto, die 2010 für Litauen an den Start ging.

In großen Städten wie Sydney, Melbourne und Perth treffen die Australier sich zum Public Viewing in Kinos, auf öffentlichen Plätzen oder privaten Partys. Viele Australier verkleiden sich in ihren Landesfarben oder denen ihres favorisierten Künstlers und feiern das ganze Wochenende lang. Woher kommt diese Begeisterung für den Wettbewerb eines anderen Kontinents, in mehreren tausend Kilometern Entfernung?

AUSTRALIER LIEBEN WETTBEWERBE

Ein Grund: Australien ist ein Einwanderungsland. Die Gesellschaft ist multikulturell; bis heute haben viele Australier Verwandte in Europa. Den ESC aktiv zu verfolgen bedeutet für sie, ein Stück Heimat aufleben zu lassen.

Die deutsche SBS-Journalistin Trudi Latour, die den Hype um den ESC in Australien seit Jahren verfolgt, weiß außerdem: „Die Australier lieben Wettbewerbe. Rugby, Tennis und andere Turniere haben hier einen ganz hohen Stellenwert, und der ESC ist eine weitere Gelegenheit, ein Team anzufeuern.“

Dami Im vertritt Australien beim Eurovision Song Contest 2016 Dami Im vertritt Australien beim Eurovision Song Contest 2016 | © Peter Brew-Bevan Als Sensation sehen sie es deshalb, dass sie 2016 zum zweiten Mal in Folge ihren eigenen Kandidaten ins Rennen schicken dürfen. Dami Im, Siegerin der fünften australischen Staffel der Castingshow The X Factor, wird in diesem Jahr mit dem Song Sound of Silence antreten. Ein Jahr zuvor nahm Guy Sebastian als erster australischer Kandidat teil und belegte den fünften Platz.

WELTOFFENHEIT DEMONSTRIEREN

Dass nicht-europäische Länder sich grundsätzlich am Wettbewerb beteiligen können, ist nicht neu. So nahmen in den vergangenen Jahren bereits Israel, Aserbaidschan und Marokko teil. „Entscheidend ist nicht die geographische Lage, sondern die Mitgliedschaft in der Europäischen Rundfunk-Union“, sagt ESC-Sprecher Paul Jordan. Da der australische Sender SBS assoziiertes Mitglied ist, war diese formale Teilnahmebedingung erfüllt. Von Jahr zu Jahr wird neu entschieden, ob die Länder zugelassen werden.

Zum 60. Geburtstag des ESC im Jahr 2015 wollten die Veranstalter demonstrieren, dass es sich um ein globales, weltoffenes Ereignis handelt – und das ging besonders gut mit der Zulassung eines geographisch so weit entfernten Teilnehmers. ESC-Sprecher Paul Jordan, der seine Doktorarbeit über den Wettbewerb geschrieben hat und seit vielen Jahren privat als Dr. Eurovision bloggt, erklärt: „Das Motto lautete ‚Brücken bauen‘. Es sollte noch einmal betonen, welches Ziel der Wettbewerb ursprünglich verfolgte - nämlich Europa nach dem Zweiten Weltkrieg zu vereinen. Diesen Gedanken möchten wir weiterführen und Menschen weltweit zusammenbringen.“

FREUNDE IN GANZ EUROPA

Genau das ist es auch, was Fanclub-Präsidentin Sharleen Wright so an diesem Wettbewerb fasziniert: „Man sieht beim ESC so viele verschiedene Nationalitäten. Seitdem ich die Show zum ersten Mal gesehen habe, hat es mich gereizt, die verschiedenen Kulturen kennenzulernen.“ Mehr als 20 Mal ist sie mittlerweile nach Europa gereist; in Düsseldorf, Oslo, Baku, Malmö und Moskau hat sie die Finalshows live in der Arena gesehen. „Ich habe mittlerweile Freunde in ganz Europa.“

Lettlands Vertreter für den ESC 2016: Justs Lettlands Vertreter für den ESC 2016: Justs

Ob Australien gewinnt, ist für sie zweitrangig. „Natürlich wäre es schön, wenn Dami den Sieg holt. Dann wären wir im nächsten Jahr wieder gesetzt und könnten als Co-Ausrichter den Wettbewerb in einem europäischen Land veranstalten“, sagt die 38-Jährige. Viel wichtiger ist ihr aber, dass sich die beste musikalische Leistung durchsetzt: „Ich habe jedes Mal einen neuen Favoriten, ganz unabhängig von der Nationalität.“

In diesem Jahr hält Sharleen Wright für Lettland. Sie hat sich bereits eine riesige lettische Flagge besorgt, die sie sich beim Finale als Mantel umhängen wird. Und egal ob Lettland gewinnt oder nicht: Abends wird sie sich im lettischen Look erneut vor den Fernseher setzen und die Show noch einmal in voller Länge mit australischen Kommentaren schauen. Ein echter Über-Fan eben.