50 Jahre Murnau Stiftung Hüter des deutschen Filmschatzes

Deutsches Filmhaus der Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung in der Murnaustraße 6
Deutsches Filmhaus der Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung in der Murnaustraße 6 | Foto (Ausschnitt) © Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung

Seit 1966 betreut die Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung das deutsche Filmerbe – und noch immer gibt es viel zu tun, sagt Vorstand Ernst Szebedits.

Herr Szebedits, seit 2011 leiten Sie die Murnau-Stiftung. In einem Artikel habe ich gelesen, Sie seien der „Hüter des deutschen Filmschatzes“. Wie sieht denn dieser Schatz aus?

(lacht) Den hüte ich natürlich nicht alleine! Wir hüten einen speziellen Bereich des deutschen Filmschatzes. Die Murnau-Stiftung ist kein sammelndes Archiv, sondern sie wurde gegründet, um einen bestimmten Filmstock in Deutschland zu halten, ihn zu bewahren und der Allgemeinheit zugänglich zu machen. Es handelt sich dabei um etwa 3.000 deutsche Filme, die zwischen 1900 und Ende der 1950er-Jahre entstanden sind. Zu unserem Schatz gehören berühmte Meisterwerke des Stummfilms wie Fritz Langs Metropolis (1927) oder die deutschen Filme von Friedrich Wilhelm Murnau, unserem Namensgeber, aber auch bekannte Produktionen aus der Zeit des Nationalsozialismus und aus den Nachkriegsjahren.

Ihre Stiftung wurde 1966 gegründet, in einer Zeit als das deutsche Kino gerade eine stilistische und inhaltliche Erneuerung erlebte. Warum?

Ernst Szebedits, Vorstand der Murnau Stiftung Ernst Szebedits, Vorstand der Murnau-Stiftung | Foto (Ausschnitt) © Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung Der Filmstock befand sich vor unserer Gründung im Besitz des Unternehmens Bertelsmann und unterlag noch der alliierten Gesetzgebung der Nachkriegszeit. Diese sah vor, dass die Filme nicht mehr in die Hände einer deutschen Regierung fallen sollten –eine Reaktion auf die unrühmliche Rolle, die das Kino als Propaganda-Instrument der Nazis gespielt hatte. Als nun Pläne bekannt wurden, den Filmstock, also auch die Originalmaterialien und die Rechte an diesen Klassikern des deutschen Films, ins Ausland zu verkaufen, herrschte in Regierung und Filmwirtschaft schnell Konsens, dass dies verhindert werden muss. Unsere Gründung als private gemeinnützige Stiftung ging daraufhin sehr schnell über die Bühne. Die Verantwortlichen haben damals Film tatsächlich als wichtiges Kulturgut erkannt – das ist in Deutschland nicht selbstverständlich.

Heute genießt die Murnau-Stiftung international ein großes Renommee, gerade auch im Zusammenhang mit der Restaurierung und Wiederaufführung deutscher Stummfilmklassiker. Wie hat sich die Stiftung nach der Gründung entwickelt?

Die nötigen Kompetenzen und Kapazitäten für die Filmrestaurierung mussten natürlich erst aufgebaut werden. Das hat viele Jahre in Anspruch genommen. Nach der Gründung bestand die Hauptarbeit zunächst darin, den Bestand zusammen zu tragen. Ab Ende der 1960er-Jahre bis in die 1980er-Jahre hinein hat die Stiftung zumindest in finanzieller Hinsicht bereits eine Hochzeit erlebt: Das war die Ära, als unsere Filme in Deutschland, aber auch im Ausland extrem häufig auf den Bildschirmen und Leinwänden zu sehen waren. Heute zeigt das öffentlich-rechtliche Fernsehen in Deutschland nur noch selten Schwarzweiß- und Stummfilme. Ich finde das mit Blick auf die Vermittlung unseres Filmerbes sehr bedauerlich. Für uns ist es aber auch finanziell ein Problem. Denn die Murnau-Stiftung finanziert sich durch die Auswertung der Filmrechte – und nicht etwa durch Fördermittel der öffentlichen Hand.

Detektivarbeit für die Mitarbeiter

Eine Sternstunde erlebte die Murnau Stiftung mit der spektakulären Wiederaufführung von „Metropolis“ auf der Berlinale 2010.

Dazu muss man wissen, dass die wenigsten Stummfilme heute in ihrem Ursprungszustand erhalten sind. Oft sind sie schwer beschädigt, häufig fehlen wichtige Sequenzen oder sie wurden sinnentstellend ummontiert. Das war auch bei Metropolis so: Obwohl der Film schon lange ein Herzstück der deutschen Filmgeschichte ist, war er tatsächlich nur ein einziges Mal in der von Fritz Lang konzipierten Fassung zu sehen – 1927 bei seiner Uraufführung. Diese Ursprungsfassung galt als verloren, bis 2008 in einem Archiv in Buenos Aires eine fast vollständige Kopie aufgetaucht ist! Die Restaurierung und Rekonstruktion erwiesen sich dann als regelrechte Detektivarbeit für unsere Mitarbeiter.

„Metropolis“ ist der prominenteste von vielen Filmen, die von der Murnau-Stiftung sorgfältig restauriert und wieder zugänglich gemacht wurden. Wie realisieren Sie diese aufwändigen Projekte?

Seit 2012 erhalten wir als eine von vier deutschen Filminstitutionen Projektmittel von der Bundesbeauftragten für Kultur und Medien (BKM) für die Digitalisierung unserer Filme. Darüber hinaus unterstützen uns Partner wie die Fernsehsender ZDF und Arte oder auch Bertelsmann – also der frühere Besitzer des Filmstocks, der uns zuletzt die Restaurierung von Robert Wienes Das Cabinet des Dr. Caligari (1920) und Fritz Langs Der müde Tod (1921) ermöglicht hat. Solche Highlights sind für uns natürlich auch deshalb attraktiv, weil die Filme prominent im Fernsehen oder als Kinoevent mit Live-Musikbegleitung aufgeführt werden. So erreichen wir eine besonders breite Öffentlichkeit. Alles in allem restaurieren wir jährlich 15 bis 20 Filme.

Aufklärungsarbeit betreiben

Zu den Aufgaben der Stiftung gehört auch die Betreuung der Filme aus der NS-Zeit. Wie geht Ihr Haus mit diesem Erbe, speziell mit den sogenannten Vorbehaltsfilmen um, also volksverhetzenden oder rassistischen Propagandafilmen?

Es gibt heute etwa vierzig Vorbehaltsfilme, die größtenteils zu unserem Filmstock gehören. Diese gehen auf eine ursprünglich deutlich umfangreichere Liste mit NS-Filmen zurück, die von den Alliierten nach dem Krieg als besonders gefährlich eingestuft und zunächst verboten wurden. Das waren in der Regel unverhohlene Propagandafilme. Die Unterhaltungsfilme der Nazis, die weitaus zahlreicher sind, und ihre Botschaften oft viel wirksamer – weil viel subtiler – verbreiteten, blieben zumeist frei zugänglich. Zu den Vorbehaltsfilmen zählt unter anderem Jud Süß (1940). Den Namen tragen sie, weil die Stiftung festgelegt hat, dass sie nur unter Vorbehalt gezeigt werden dürfen: Die Filme werden durchaus im Kino vorgeführt, allerdings mit einer fachlichen Einführung und anschließender Diskussion.

Welche Linie verfolgt die Stiftung bei den Vorbehaltsfilmen mit Blick auf eine Fernsehausstrahlung und einen möglichen DVD-Vertrieb?

Das Kuratorium der Stiftung hat vor vielen Jahren entschieden: Wir zeigen die Filme nicht im Fernsehen, denn dann können sie aufgenommen werden und sind frei zugänglich. Das ist mittlerweile ein überholtes Argument, denn im Internet finden Sie problemlos Raubkopien. Wir arbeiten deshalb intensiv daran, neue Lösungen zu finden: Im Augenblick gibt es die Überlegung, einige Filme im Fernsehen auszustrahlen, mit einer ähnlichen Kontextualisierung wie bei den Kinovorführungen. Eine andere Idee ist, eine kritische DVD-Edition zu erarbeiten und zum Verkauf anzubieten. Ich halte dies gerade vor dem Hintergrund der aktuellen Probleme mit Rechtsextremismus für bedenkenswert. Denn mit diesen Propagandafilmen kann man hervorragend Aufklärungsarbeit betreiben – wenn man es sorgfältig macht. Sie sehen also: Es gibt noch viel zu tun für die Stiftung.
 

Der deutsche Filmproduzent Ernst Szebedits (Jahrgang 1951) leitet seit Juli 2011 als Vorstand die Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung in Wiesbaden. Szebedits setzt sich für die Digitalisierung des deutschen Filmerbes ein, von dem die Murnau-Stiftung einen bedeutenden Teil pflegt.