Bloggen über das Landleben Notizen aus der deutschen Provinz

Landleben zwischen Romantik und Alltag
Landleben zwischen Romantik und Alltag | Foto (Ausschnitt) © Africa Studio - Fotolia.com

Schafe, Vogelzwitschern und der Milchpreis – immer mehr Themenblogs widmen sich dem Alltag jenseits der Metropolen. Die Netz-Geschichten über das Leben auf dem Land liegen auch medial im Trend.

„Dorfidyll mit 361 Einwohnern. Hühner, Hasen, Katzen, Hunde. Eigene Kartoffeln anbauen, Erbsen zählen. Verkehrsverbindungen: keine.“ So beschreibt Friederike Kroitzsch den Alltag im Odenwald auf ihrem Landlebenblog. Aufgewachsen ist die Journalistin in Berlin, Deutschlands größter Metropole. Vor einiger Zeit ist sie in eine kleine Gemeinde im südwestdeutschen Mittelgebirge gezogen. Sie lebt gerne hier, aber manchmal bekommt sie einen „Provinz-Koller“.
 
Friederike Kroitzsch hat angefangen, dagegen anzuschreiben – das Blog als Selbsttherapie. „Ich hätte nicht gedacht, dass das überhaupt jemand interessiert”, sagt sie. Doch täglich lesen mehrere hundert Menschen ihre Geschichten aus der deutschen Provinz. „Ich merke, dass der Gegensatz von Stadt- und Landleben für viele ein großes Thema ist.“
 
Mit ihrem Blog schwimmt Friederike Kroitzsch bewusst gegen den Strom: „Viele Blogger sind Großstädter, die sich gegenseitig erzählen, wie toll das Leben in der Großstadt ist.“ Auf Landlebenblog.org will sie nichts verschönen, sondern sagen, was ist: „Ich finde es wichtig, zu verstehen, wie sich der Butterpreis zusammensetzt, oder woher die Milch kommt.“

Tweets zwischen Romantik und Alltag

Doch Ehrlichkeit macht auch angreifbar. Sven de Vries ist Schäfer und twittert unter dem Kürzel @schafzwitschern. Auch er will authentisch sein, die Romantik des Schäferlebens ebenso zeigen wie den Alltag. Dazu gehört etwa, dass er über das Schlachten berichtet. Im Internet wird er dafür immer wieder von Veganern und Vegetariern angefeindet.„Ich war selbst lange Vegetarier und finde veganes Leben grundsätzlich eine gute Sache”, erklärt de Vries. Doch seine Schafe sind Nutztiere. Auch wenn er sie in seinen Tweets „meine Mädchen“ nennt, sichern sie gleichzeitig seinen Lebensunterhalt. Mit seinen Posts wolle er zeigen „dass man Tierhaltung betreiben kann und gleichzeitig ein Herz hat“.
 


Zu seiner eigenen Überraschung läuft sein Twitter-Kanal sehr erfolgreich, die Fan-Gemeinde wächst stetig. Fast 6.000 Follower hat er bereits. Sven de Vries hat sich einen Namen gemacht, im Jahr 2016 war er für den Grimme Online Award nominiert. Das sei eine große Auszeichnung für ihn, schreibt er auf Twitter. Sein Ziel: sich irgendwann per Crowdfunding die Weideschlachtung zu ermöglichen. Sie soll den Schafen Transportstress ersparen und damit tiergerechter sein. Dafür müsste de Vries teures Gerät anschaffen. „Es haben mir aber sogar schon Vegetarier und Veganer geschrieben, die mich finanziell unterstützen würden“, sagt er. Und twittert derweil kämpferische GIFs.

Videos über den Wald

Deutschland besteht zu großen Teilen aus Dörfern und Kleinstädten – kein Wunder also, dass der Alltag jenseits der Metropolen auch medial seine Nische gefunden hat. Lifestyle-Magazine wie Landlust oder Landzauber haben sich erfolgreich auf dem Zeitschriftenmarkt etabliert. Die Sehnsucht nach einem naturverbundenen, vermeintlich ursprünglichen Leben lässt sich eben auch gewinnbringend nutzen.
 
„Ich bekomme oft Anfragen von Firmen aus dem Ausland, die an meinem Youtube-Kanal verdienen wollen“, sagt Volker Schmidt. Auf Abenteuer Hinterland veröffentlicht er selbstgedrehte Videos, in denen er die Nutzerinnen und Nutzer mit in die hessische Natur nimmt, ergänzt durch einen eingesprochenen Kommentar und meist unterlegt mit selbstkomponierter Musik.


Doch wirtschaftliche Interessen verfolgt Volker Schmidt nicht mit seinem Blog. Er möchte sein Publikum für die Schönheit der Natur, vor allem des deutschen Waldes, begeistern: „Es war immer mein Traum, ländlich zu leben“. Seine neueste Idee sind Wald-Videos ohne Kommentare und Musik, lediglich untermalt von Originalgeräuschen. Die Natur soll für sich selbst sprechen. Das begeistert nicht nur heimisches Publikum: „Ich habe mittlerweile sogar einen Fan aus Pennsylvania, der meine Videos kommentiert.“


 
Mit den Abrufzahlen der großen Youtube-Stars kann – und will – Volker Schmidt nicht mithalten. Vieles ist ihm zu kommerziell ausgerichtet und auch zu oberflächlich: „Teilweise bekommen dort Videos Millionen von Klicks, in denen der Youtuber zeigt, wie er sich morgens einen Toast zubereitet.“ Austauschbare „Masseninhalte“ kommen für ihn nicht in Frage. Dieses Selbstverständnis hat er mit Friederike Kroitzsch und Sven de Vries gemeinsam. Mit ihrem Themenblogs wollen sie ihre eigene Botschaft vermitteln, zur öffentlichen Meinungsbildung beitragen – und natürlich auch unterhalten.

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