Indie-Musiklabels in Deutschland Alternative zum Mainstream

Gunther Buskies von Tapete Records bei der Arbeit
Gunther Buskies von Tapete Records bei der Arbeit | Foto (Ausschnitt): © 2016 Tapete Records

Sie könnten kaum unterschiedlicher sein: In Deutschland gibt es eine fast unüberschaubare Zahl von Musiklabels – und jedes dieser Labels scheint ein einmaliges Profil zu haben.

In Deutschland haben sich viele unabhängige Firmen, sogenannte Independent-, kurz Indie-Labels, auf dem Musikmarkt etablieren können. Mehr als 1.300 Mitglieder zählt der Verband unabhängiger Musikunternehmen (VUT), der 1993 gegründet wurde. Labels machen 52 Prozent der Mitglieder aus in der Lobbyorganisation, die unter ihrem Dach auch Vertriebe, Verlage, Booking-Agenturen, einzelne Künstlerinnen und Künstler oder Bands versammelt. Und die Indie-Szene in Deutschlands wächst: Vor fünf Jahren, also 2011, verzeichnete der VUT noch weniger als 1.200 Mitglieder.

Die deutschen Indie-Labels sind sehr vielfältig – auch was die ökonomische Strategie angeht. Als Beispiele können die Labels Tapete Records und Karaoke Kalk dienen: Tapete-Chef Gunther Buskies beschäftigt in seiner Firma in Hamburg acht feste Mitarbeiter und veröffentlicht bis zu 40 Alben pro Jahr. Er setzt dabei vor allem auf Rockmusik aus Deutschland, konnte zuletzt aber auch den englischen Sänger und Songwriter Lloyd Cole unter Vertrag nehmen, eine Ikone der Indie-Szene seit den 1980er-Jahren. 

Liebe zur Musik

Thorsten Lütz dagegen, der sein Label 1997 in Köln gründete und seit 2004 in Berlin lebt, ist nicht nur Chef, sondern auch einziger Angestellter von Karaoke Kalk, das berühmt ist für seine breite Musikauswahl. Die Bandbreite reicht von schwer verdaulicher, karg klingender Elektronik bis hin zum eingängigen, üppig arrangierten sogenannten Breitwand-Pop. Tapete Records hat seit 2014 ungefähr 100 Alben produziert – für dieselbe Anzahl benötigte Karaoke Kalk zwei JahrzehnteAber so unterschiedlich die beiden Firmen sein mögen, die Motivation ist eine ähnliche. „Es macht mir auch nach 20 Jahren immer noch Spaß, gute Musik herauszubringen“, sagt Lütz. „Wir sind unabhängig und wir veröffentlichen nur Musik, die uns gefällt“, sagt Buskies. 

Auf den eigenen Geschmack und weniger auf kommerzielle Verwertbarkeit zu setzen – diese Haltung ist weit verbreitet unter deutschen Indie-Labels. Sie führt auch dazu, dass Indies vornehmlich Alben produzieren, die sich kurzfristig kaum rechnen. Tapete-Gründer Buskies versucht deshalb langfristig zu denken. Er will Künstlerinnen und Künstler über mehrere Jahre hinweg aufbauen und in der Folge einen möglichst großen Backkatalog ansammeln, also ein Repertoire an bereits erschienenen Alben mit den entsprechenden Verlags-Rechten. Eine große Anzahl lizenzierbarer Songs, die etwa für Werbespots oder Fernsehserien genutzt werden, erhöht die Wahrscheinlichkeit, hieraus neue Veröffentlichungen finanzieren zu können.

Rundumpaket für Musiker

Auch Konzertbuchungen oder das Geschäft mit Merchandise werden immer wichtiger. Denn mit dem direkten Verkauf von Musik an den Konsumenten, seien es klassische Tonträger, Downloads oder Streaming, ist kaum noch Geld zu verdienen. Deswegen versuchen immer mehr Firmen ihren Künstlern ein Rundumpaket anzubieten, um von allen Einnahmemöglichkeiten zu profitieren. Große Major-Labels wie Universal, Warner und Sony, die mit ihren zahlreichen Sublabels immer noch einen Großteil der kommerziellen Musik in Deutschland abdecken, sprechen hierbei vom sogenannten 360-Grad-Modell. Dies ist bei Künstlern höchst umstritten. Denn je nach Ausgestaltung des Vertrags, bindet sich ein Künstler so eng an den Entertainmentkonzern, dass seine künstlerische Freiheit eingeschränkt sein kann. Auch viele Indie-Labels bieten ein solches Rundumpaket an, lassen den Musikern aber weitgehende Entscheidungsfreiheit. 

Künstlerische Selbstbestimmung

Die künstlerische Selbstbestimmung zu behalten, war der Grund für die Entstehung vieler Indie-Labels in Deutschland: Für ein Nischenpublikum zu produzieren, ist in der Regel nicht im Interesse großer Labels. Doch statt sich dem Mainstream anzupassen, nahmen viele Musiker ihre geschäftlichen Anliegen selbst in die Hand. Die kommerziell erfolgreichsten Rapper des Landes, Die Fantastischen Vier aus Stuttgart, gründeten 1996 Four Music, das immer wieder Nummer-Eins-Alben heraus brachte. Das Label agiert mittlerweile allerdings nicht mehr unabhängig, sondern ist im Sony-Konzern aufgegangen. Herbert Grönemeyer betreibt mit Grönland Records seit 2009 ein eigenes Indie-Label. Und Grand Hotel van Cleef, ein Rock-Label, dessen Alben sich regelmäßig in den Top Ten der Charts platzieren, verdankt seine langjährige Existenz (seit 2002) vor allem der Tatsache, dass die Gründer für ihre damaligen Bands Kettcar und Tomte keine Plattenfirma finden konnten. 

Eines der spannendsten Labels Deutschlands

2003 gründeten auch Maurice Summen und seine Bandkollegen von Die Türen ihr eigenes Label Staatsakt in Berlin. „Ich bin als Musiker in die Betriebswirtschaft gestolpert“, erinnert sich Summen, der das Label mittlerweile alleine führt und Staatsakt zu einem der momentan am schnellsten wachsenden und künstlerisch spannendsten Labels Deutschlands geformt hat. Summen veröffentlicht hedonistischen Party-Rock 'n' Roll von Bonaparte oder depressive Klagegesänge von Isolation Berlin, versponnene Avantgarde von Erobique oder elegischen Pop von Die Heiterkeit. Mittlerweile ist die Mini-Firma aus Berlin auch Heimat geworden für Dieter Meier, die Stimme der legendären Schweizer Electro-Pop-Artisten Yello, und altgediente deutsche Popmusik-Legenden wie Andreas Dorau oder Die Sterne.

„Wir schaffen Alternativen zur Industrie und zum Mainstream“, sagt Maurice Summen von Staatsakt, „aber vor allem geht es um die Liebe zur Musik“. Diese Philosophie, die hinter Staatsakt steht, vertreten vermutlich alle Indie-Labels. Nicht das Geld, das man mit Musik verdienen kann, soll ihnen Antrieb sein, sondern die Musik selbst.