Chris Wahl im Gespräch „Viele Filme erreichen ihre natürliche Altersgrenze“

Filmgeschichte muss aufbereitet werden.
Filmgeschichte muss aufbereitet werden. | Foto (Ausschnitt): © Sergii Denysov - Fotolia.com

Vielen alten deutschen Filmen droht der chemische Zerfall. Darauf wies im Jahr 2013 die Petition „Filmerbe in Gefahr“ hin. Was hat sich seither getan?

„Wenn die Politik den fortschreitenden chemischen Zerfall unseres Filmbestandes weiter ignoriert, müssen wir in den kommenden Jahren mit dem Verlust der meisten Filme aus den letzten hundert Jahren rechnen.“ Mit diesen Worten begann im November 2013 ein viel beachteter Aufruf zum Erhalt des kulturellen Filmerbes in Deutschland. Es folgte eine Petition an den Bundestag: Bis 2020 sollte die Politik 500 Millionen Euro bereitstellen für die Umkopierung und Digitalisierung der vom Zerfall bedrohten Filme – leicht entflammbare Nitro-Filme auf Zelluloid aus den ersten fünfzig Jahren der Filmgeschichte oder Negative und deren Kopien mit einer Lebenserwartung von etwa 44 Jahren.

Herr Wahl, Sie gehören zu den Erstunterzeichnern der Petition „Filmerbe in Gefahr“, die 500 Millionen Euro forderte, um das deutsche Filmerbe zu retten. Das war im Jahr 2013. Hat sich die Situation seither grundlegend verbessert?
Der Filmwissenschaftler Chris Wahl Der Filmwissenschaftler Chris Wahl | Foto (Ausschnitt): © Privat
Erfreulich ist zunächst, dass es bereits seit ungefähr 2011 in Deutschland eine tatsächliche öffentliche Diskussion über das Filmerbe und folglich eine politische Auseinandersetzung mit dem Thema gibt. Was damit geschaffen wurde, ist zumindest eine Basis, auf der grundlegende Verbesserungen denkbar sind. Die im Jahr 2015 von der Unternehmensberatung PricewaterhouseCoopers (PWC) vorgelegte „Kostenabschätzung zur digitalen Sicherung des Filmischen Erbes“ hat die erforderliche Summe von 500 Millionen Euro bestätigt. Als Reaktion auf die Studie ist nun von einer zunächst auf zehn Jahre angelegten Förderung von 10 Millionen pro Jahr durch Bund, Länder und FFA die Rede. Zielführender wäre allerdings eine grundsätzliche Anhebung der Etats; Projektförderungen sind im Bereich der Sicherung von Kulturerbe ein absurdes Unterfangen.

Digitalisierung bedeutet nicht zugleich Sicherung

Wo sehen Sie im Moment den größten Handlungsbedarf?

Das Gutachten rechnet mit etwa 48.000 Langfilmen à 90 Minuten – wobei Kurz- in Langfilme umgerechnet wurden. Sie bezieht sich allerdings nur auf Archive, die dem Kinematheksverbund angehören oder assoziiert sind. Viele der dort gelagerten Materialien erreichen derzeit aus verschiedenen Gründen ihre natürliche Altersgrenze. Gleichzeitig erleben wir die Ablösung analoger durch digitale Technologien, zum Beispiel im Kinobereich. Es ist nötig, Filme einzuscannen, zu digitalisieren, wenn sie sichtbar bleiben und gezeigt werden sollen: im Kino, auf DVD, im Internet. Aufgrund dieser doppelten Herausforderung wird in der Diskussion das Zugänglichmachen des Filmerbes aber oftmals unzulässig mit seiner langfristigen Sicherung, also seiner „Rettung“ vermengt: Auch wenn analoge Materialien nicht ewig haltbar sind, sind sie grundsätzlich für die Archivierung verlässlicher als Digitalisate.

Warum?

Die analogen Materialen sind nur deshalb in einem prekären Zustand, weil sie die meiste Zeit eben nicht im Archiv, sondern ungünstigen klimatischen Bedingungen ausgesetzt waren. Heutige analoge Archivmaterialien halten unter idealem Klima – Temperatur, Luftfeuchtigkeit – mehrere hundert Jahre. Ob die Langzeitsicherung von digitalen Daten da mithalten kann, ist noch völlig unklar. Leider konzentrieren sich öffentliche Aufmerksamkeit und alle zusätzlich genehmigten Gelder ausschließlich auf die Digitalisierung des Filmerbes zum Zwecke des Sichtbarmachens. Die Annahme, dass damit automatisch eine Langzeitsicherung einhergeht, ist schlichtweg falsch.

Partizipieren und kontextualisieren

Diskutiert wird momentan wird nicht nur ums Geld, sondern auch über die Kriterien für die Auswahl der Filme, die den Vorrang bei der Digitalisierung haben sollen. Welche Strategie ist Ihren Meinung nach richtig?

Der inzwischen anerkannte Vorschlag des Kinematheksverbundes ist in meinen Augen gar nicht so schlecht: Ein Drittel der zu digitalisierenden Filme soll aus kaufmännischen Gründen (noch kinotauglich) ausgewählt werden, ein Drittel aus konservatorischen (akuter Zerfall) und ein Drittel aus kuratorischen (wichtiges Filmerbe). Mich stört aber etwas ganz Anderes: Die wahren Möglichkeiten der Digitalisierung gehen weit über das reine Verfügbarmachen von Filmen hinaus beziehungsweise liegen eigentlich woanders. Die richtigen Schlagwörter wären hier: partizipieren und kontextualisieren. Das erste betrifft die Auswahl: Warum lässt man nicht viel mehr Leute in angemessener Form über Online-Verfahren an Entscheidungsprozessen mitwirken, die am Ende zu einer Kanonisierung des Filmerbes führen? Ich befürchte, dass sich jüngere Generationen einfach überhaupt nicht mehr für dieses Thema interessieren, wenn man sie nicht besser einbindet. Das ist auch eine Frage der Transparenz. Das zweite betrifft die Sichtbarmachung: Es genügt nicht, alte Filme ins Netz zu stellen, man muss auch Begleitmaterialien digitalisieren und mit ihnen verknüpfen. Filmgeschichte will aufbereitet werden. Da erkenne ich momentan keine Strategie.

Schon heute gibt es immer weniger Kinos, die technisch in der Lage sind, eine 35mm-Kopie abzuspielen. Ist es in Ihren Augen trotzdem sinnvoll, die alten Kopien – auch nach einer möglichen Digitalisierung – weiter aufzubewahren?

In der Vergangenheit hat sich noch jedes seriöse Filmarchiv schwarz geärgert, wenn es analoge Materialien nach einer Umkopierung vernichtet hat – weil jeder Kopierprozess Qualitätseinbußen bedeutet, und weil sich die Möglichkeiten der Umkopierung ständig verbessern. Das gilt auch für die Prozesse der Digitalisierung. Gerade was Farben angeht, sind die Ursprungsmaterialien einmalige Referenzstücke. Viele Filmstreifen enthalten aber auch Informationen außerhalb des eigentlichen Bildfeldes, die für die Erschließung wertvoll sind und bei der Digitalisierung meist verloren gehen. Filme sind eben nicht nur Unterhaltung oder Kunst, sie sind auch historische Quellen. Nicht nur ihr Inhalt ist wichtig, sondern auch ihre Materialgeschichte. Das gilt für alle Filme.

Der Filmwissenschaftler Chris Wahl ist seit Juni 2013 DFB-Heisenberg-Professor für das Audiovisuelle Kulturerbe an der Filmuniversität Babelsberg Konrad Wolf sowie Leiter des DFG-Projekts Regionale Filmkultur in Brandenburg.