Neuerscheinung Ein deutscher Reisender im Australien der 1850er Jahre

Peter Monteath mit der neu editierten englischen Ausgabe von 'Australien'.
Peter Monteath mit der neu editierten englischen Ausgabe von 'Australien'. | © Image courtesy of Wakefield Press

Zum ersten Mal legt Wakefield Press eine edierte englische Ausgabe des Buches ‚Australien‘ (1854) des deutschen Reiseschriftstellers Friedrich Gerstäcker vor. Peter Monteath ist Professor an der Flinders University und war die treibende Kraft hinter dem Projekt. In unserem Interview spricht er über die heutige Relevanz von Gerstäckers Schilderungen und warum seine Abenteuer nach wie vor spannenden Lesestoff abgeben.

Die Übersetzung und Bearbeitung von Friedrich Gerstäckers ‚Australien‘ klingt nach einem aufwendigen Unterfangen. Wie sind Sie auf das Buch gestoßen und was reizte Sie an diesem Projekt?

Für Südaustralier ist es nichts Neues, dass Friedrich Gerstäcker die Gegend bereist hat. Aber die Erinnerung daran war sehr vage. Als wir dann genauer ergründen wollten, was er hier während seiner Reisen machte, fanden wir bei der Suche nach Quellen heraus, dass es in der Reihe von Reiseberichten, die er in den 1860er Jahren veröffentlichte, damals ein ganzes Buch über Australien gab. Zwar existiert von ihm ein englisches Buch mit dem Titel ‚Narrative of a Journey Round the World‘, und darin auch ein Abschnitt zu Australien, aber sein deutsches Buch widmet sich seinen australischen Abenteuern viel ausführlicher.

Ja, das Originalwerk ‚Australien‘ soll sechsmal so lang sein wie das eben erwähnte Buch. Waren Sie also derjenige, der das Projekt einer Übersetzung dieses längeren Werks von Gerstäcker ins Englische initiierte?

Es war meine Idee, aber ich wusste von Anfang an, dass das alleine nicht zu schaffen war. Vor allem Lois Zweck von den Friends of Lutheran Archives hier in Adelaide ist eine ausgezeichnete Gerstäcker-Kennerin und wusste auch, dass das Buch existierte. Sie unterstützte die Idee einer Übersetzung nachdrücklich, da das Buch eine fantastische Quelle für Historikerinnen und Historiker ist, die speziell an der deutschen Präsenz in South Australia interessiert sind, für die das Buch aber nicht zugänglich war, da es nur auf Deutsch vorlag.

Historische Berichte als moderne Forschungswerkzeuge

Es scheint – in Australien, den USA und anderen Ländern, die Gerstäcker bereist hat – jede Menge Online-Ahnenforschung zu geben, bei der die Leute seine Reiseberichte nutzen, um ihren Familienstammbaum zurückzuverfolgen. Glauben Sie, dass es in dieser Hinsicht auch an Ihrer neuen Ausgabe von ‚Australien‘ noch Interesse gibt, vor allem in der Region Adelaide und Barossa Valley?

Ja, ich erinnere mich zum Beispiel an eine Frau, die zu einem meiner Vorträge kam und sagte, sie sei sehr interessiert daran, ob ein oder zwei ihrer Vorfahren in dem Buch vorkämen. Sie war dann freudig überrascht, als sie das Buch las und herausfand, dass einer von beiden, ein gewisser Noltenius aus Bremen, erwähnt wird. Gerstäcker hatte unter anderem großes Interesse daran, mit Deutschen Kontakt aufzunehmen, die sich in South Australia, aber auch in New South Wales niedergelassen hatten. So trifft er sich mit Deutschen in Sydney. Er fährt hoch nach Newcastle und Umgebung. Und er ist sehr interessiert daran – das ist auch wirklich der Hauptzweck seiner Reise –, wie diese deutschen Siedler in den verschiedenen Teilen der Welt zurechtkommen. Bevor er Australien bereiste, war er in Südamerika und traf dort Deutsche. Dann besuchte er Kalifornien. Er überquerte den Pazifik. Von Australien reiste er weiter nach Java. Und in allen diesen Fällen war es sein Ziel, mit den Siedlern Kontakt aufzunehmen und herauszufinden, wie es ihnen erging – ob sie es bereuten, Deutschland verlassen zu haben, ob sie gut leben konnten. Darüber wollte er berichten.

Schon im ersten Kapitel des Buches schreibt Friedrich Gerstäcker über eine dieser Beobachtungen: ‚So sehr der Mensch mit seines Herzens innigsten Fasern an dem eigenen Vaterland hängt, so sehr wünscht er doch auch ein anderes zu sehen, um sich eben wieder zurücksehnen zu können.‘ Ich glaube, jeder, der schon einmal längere Zeit ins Ausland gereist ist oder dort gelebt hat, kann diese Feststellung in gewisser Weise nachvollziehen.

Ich denke, das ist richtig. Gerstäcker ist definitiv jemand, der sich vom Exotischen stark angezogen fühlt. Das treibt ihn als jungen Mann dazu, Deutschland zu verlassen. Und er geht davon aus, dass er selbst Einwanderer sein und sich wahrscheinlich in den Vereinigten Staaten ein Leben aufbauen wird. Auf der einen Seite liebt er also das Exotische, liebt er ferne Länder, aber auf der anderen Seite gefällt es ihm auch, wenn er reist und in der Ferne diese kleinen Stücke Deutschlands vorfindet, sei es in Brasilien, Argentinien oder Australien.

Die neue englische Ausgabe von Friedrich Gerstäckers 'Australien'. Die neue englische Ausgabe von Friedrich Gerstäckers 'Australien'. | © Image courtesy of Wakefield Press

Ein Mann seiner Zeit

Einige von Gerstäckers Schilderungen würde man heute als problematisch ansehen, vor allem im Kapitel über die ‚Australischen Ureinwohner‘. Manche Sätze sind sehr diskriminierend, insbesondere was seine Beschreibungen des Erscheinungsbildes von Aborigines betrifft. Aber dann stellt er auch wieder ganz logische Beobachtungen darüber an, warum sie nicht mit Pfeil und Bogen jagen, oder über ihre natürliche Umgebung. Wie sind Sie als Historiker mit diesem Material umgegangen?

Es war schwierig, den richtigen Umgang damit zu finden. Unser Standpunkt war, dass Gerstäcker natürlich auch ein Mann seiner Zeit war und daher zahlreiche Ansichten teilte, die damals sehr verbreitet waren, und dass er die Sprache benutzt, die damals üblich war und die wir heute als seltsam und konfrontierend empfinden. Wir waren der Ansicht, dass wir die Thematik nicht ausklammern konnten und so zu präsentieren hatten, wie sie war. Aber ich denke, das Interessante in seinem Fall ist, dass er eine Menge Vorurteile hat, bevor er nach Australien kommt, und auch in Sydney noch Erzählungen über indigene Australier von Leuten zu hören bekommt, die selbst alle möglichen Ängste und Befürchtungen und Vorurteile hegen und auf ihn übertragen. So warnen sie ihn, dass er sehr vorsichtig sein soll, wenn er auf dem Landweg nach South Australia reist, weil dort draußen Gefahren lauern. Ihm wird gesagt, dass das, was er plant, sehr gefährlich ist. Natürlich erzählt er seine Geschichte nicht nur mit einem Sinn für Abenteuer, sondern auch für Dramatik. Er macht sich das zunutze, da er ja vom Schreiben leben will. Aber was dann häufig passiert, wenn er selbst in Kontakt mit indigenen Menschen kommt, ist, wie Sie ja auch vorhin anmerkten, dass er mehr über die Bedingungen lernt, unter denen sie leben, und die Herausforderungen versteht, denen sie sich stellen müssen. Schließlich sind sie diejenigen, die sich häufig auf sehr schmerzhafte Weise an die Ankunft der Europäer anpassen mussten. Obwohl er also seine Abenteuer in Australien mit bestimmten Vorurteilen angetreten haben mag, sammelt er hier letztlich seine eigenen Erfahrungen und entwickelt eine gewisse Sympathie.

Humorvolle Momente des Alltags

Das Buch hat auch ein paar sehr humorvolle Abschnitte. Würden Sie das auch so sehen?

Ja, Gerstäcker ist ein Autor, der in vielen Situationen das Komische sieht. Er schreibt über zahlreiche besondere Erlebnisse und schließt auch Anekdoten mit ein. Er sucht nach Humor, wo immer er ihn finden kann. Viele, die nicht deutscher Herkunft sind, finden das möglicherweise etwas überraschend. Ich denke, das ist manchmal ein Vorurteil gegenüber Deutschen. Deutsche können humorvoll sein, und die Art, wie er über seine Erlebnisse schreibt, ist definitiv mit einer guten Dosis Humor gewürzt.

Für Leute, die womöglich nicht übermäßig an historischen Werken interessiert sind oder nicht aus einer deutsch-australischen Familie stammen: Warum würden Sie sagen, dass das Buch sie trotzdem ansprechen kann? Was macht es zu einer guten Lektüre?

Ich denke, hier sind wir wieder bei der Tatsache, dass Gerstäcker kein akademisches Werk verfasst. Auf der einen Seite schreibt er, um Wissen zu vermitteln. Er hatte also zweifellos im Hinterkopf, dass es in Deutschland viele Deutsche gibt, die wissen wollen, ob Australien ein Ort ist, an den es sich zu emigrieren lohnt. Er möchte sie informieren. Aber als Berufsschriftsteller möchte er auch viele Bücher verkaufen und schreibt deshalb auf unterhaltsame Weise. So baut er diese Momente der Spannung ein, der Dramatik, aber auch des Komischen, und erzählt in straffem Tempo. Er verweilt bei keinem Thema zu lange. Seine Absicht ist also nicht nur zu informieren, sondern auch zu unterhalten, und ich denke, das spürt man. Diese Balance ist ihm wirklich gut gelungen.

Vielen Dank für das Interview, Herr Monteath!
 
Friedrich Gerstäcker: wurde 1816 in Hamburg geboren. Inspiriert von Daniel Defoes Werken, machte er sich 1837 nach Amerika auf, um dort Landwirt zu werden, und schickte seiner Mutter ein Tagebuch über seine Abenteuer. 1843 kehrte er nach Deutschland zurück und entdeckte, dass seine Mutter die Geschichten in einer Zeitschrift veröffentlicht hatte und diese sich großer Beliebtheit erfreuten. So begann seine Karriere als Bestseller-Autor. Während seines abenteuerlustigen Lebens bereiste Friedrich Gerstäcker Nord- und Südamerika, Tahiti, Indonesien, Ägypten und Australien. Seine Reisen finanzierte er aus der erfolgreichen Zusammenarbeit mit seinem Verleger, und seine beachtliche Anzahl an Publikationen wurde von einer Schar treuer Leserinnen und Leser verschlungen, sodass sein Name über lange Jahre weithin ein Begriff war. Friedrich Gerstäcker starb 1872 während der Vorbereitungen für eine Asienreise an einem Schlaganfall.

Peter Monteath: ist Alumnus der Alexander von Humboldt Foundation und Professor für Geschichte an der School of International Studies an der Flinders University in Adelaide. Zu seinen zuletzt veröffentlichten Büchern gehören POW: Australian Prisoners of War in Hitler’s Reich, Red Professor: The Cold War Life of Fred Rose (mit Valerie Munt); Interned: Torrens Island 1914-1915 (mit Mandy Paul und Rebecca Martin) und die edierte Sammlung Germans: Travellers, Settlers and their Descendants in South Australia.