Medienkompetenz von DaF/DaZ-Lehrenden „Wir benötigen mehr Weiterbildungsangebote“

Viele Lehrkräfte möchten digitale Medien stärker nutzen
Viele Lehrkräfte möchten digitale Medien stärker nutzen | Foto (Ausschnitt): © goodluz - Fotolia.com

Digitale Medien bieten zahlreiche Möglichkeiten, den Deutsch-Unterricht zu verbessern – vorausgesetzt, die Dozenten verfügen selbst über die erforderliche Medienkompetenz. Ein Gespräch mit Janek Scholz, der DaZ-Lehrende für den Einsatz der Neuen Medien qualifiziert.

Herr Scholz, wie beurteilen Sie die Medienkompetenz der DaF- und DaZ-Dozenten?

Sie ist sehr unterschiedlich – auch, weil unterschiedliche Ausbildungswege in den Beruf führen. Ein DaF- oder DaZ-Studium in Deutschland beinhaltet in der Regel das Thema „Neue Medien“. Aber es gibt auch Dozenten für Deutsch als Fremdsprache oder Deutsch als Zweitsprache, die im Ausland studiert haben, oder Quereinsteiger aus anderen Berufen, die etwa die Zusatzqualifikation des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge (BAMF) für Integrationskurse absolvieren.

Sie unterrichten das Modul „Neue Medien“ beim BAMF. Wie sind die Vorkenntnisse der angehenden Dozentinnen und Dozenten in diesen Kursen?

Ebenfalls sehr unterschiedlich. Manche Teilnehmende nutzen das Internet nur selten und sind eher medienscheu. Andere kennen sich mit vielen verschiedenen Programmen aus, sind technologisch fit und auch neugierig. Um allen gerecht zu werden, muss ich sehr binnendifferenziert arbeiten, in dem Kurs also gleichzeitig die unterschiedlichen Niveaus ansprechen. Das ist oft schwierig.

Welche Themen behandeln Sie dort?

Janek Scholz Janek Scholz | Foto (Ausschnitt): © Privat Den Medienanfängern zeige ich zunächst das Online-Zusatzmaterial der Lehrwerke, das Integrationskurs-begleitende Angebot ich-will-deutsch-lernen.de oder eine Website, auf der sie Übungsblätter anfertigen können. Den Erfahrenen stelle ich weiterführende Tools vor: Auf learningapps.org etwa können sie selbst Übungen für Tablet oder Smartphone erstellen. Außerdem möchte ich in diesem Teil der Zusatzqualifizierung vermitteln, wie man Smartphones oder Tablets in den Unterricht einbindet, mit den Teilnehmenden kleine Filme dreht oder eigene Comics und Fotogeschichten erstellt. Wichtig ist immer, dass der Medieneinsatz einen didaktischen Mehrwert bietet und das Lernen auf besondere Weise fördert.

Können Sie dafür ein konkretes Beispiel nennen?

Eine gute Möglichkeit, Medien didaktisch einzubinden, ist es etwa, die Teilnehmer aufzufordern, einen Podcast, also eine Art Radiosendung, zu erstellen. Sie haben genügend Vorbereitungszeit und können ihre Beiträge mehrmals einsprechen, bevor sie das fertige Produkt abgeben. Mit dem Radiobeitrag kann dann stundenübergreifend weitergearbeitet werden, er kann sogar zum Ausgangstext für neue Aufgaben werden. Ein solches handlungsorientiertes Projekt fördert die Autonomie der Lernenden und wäre ohne die Hilfe neuer Medien kaum denkbar.

Bedeutet diese neue Art des Unterrichts nicht auch eine große Herausforderung für manche Lernende?

Ja, natürlich! Denn die Teilnehmer kommen aus unterschiedlichen Lerntraditionen. Wenn sie an Frontalunterricht gewöhnt sind, ist diese Art der Unterrichtsgestaltung völlig neu für sie. Deshalb müssen die Dozenten diese Teilnehmenden sehr behutsam an kooperative Aufgaben und an die Arbeit mit neuen Medien hinführen. Zudem ist die Medienkompetenz bei den Deutschlernenden unterschiedlich stark ausgeprägt. Man kann nicht erwarten, dass sie eine anspruchsvolle neue Methode, etwa, in einer Gruppenarbeitsphase einen Text in das Smartphone oder das Tablet einzusprechen, gleich akzeptieren. Man muss früh mit kleinen Aufgaben anfangen, etwa mit kurzen Rechercheaufgaben im Internet auf A1-Niveau.

Wie ist die Reaktion der angehenden Dozenten in Ihrem Kurs auf die Einsatzmöglichkeiten der neuen Medien?

Die meisten sind sehr interessiert, Anfänger wie Erfahrene. Sie sind begeistert von den Möglichkeiten, aber viele sagen auch, dass in ihren Kursräumen die Infrastruktur fehlt, es also keine Geräte gibt. Manche Volkshochschulen verfügen nur über einen Overheadprojektor – der allerdings für bestimmte Aufgaben geeigneter sein kann als ein Beamer. Man kann Folien übereinander legen oder die Teilnehmer auf Folienstreifen schreiben lassen, die dann im Plenum besprochen werden. Auch das ist Medienarbeit.

Was bräuchte es, um mehr Dozenten für einen abwechslungsreichen Einsatz von Medien zu gewinnen?

Zuerst müsste natürlich die Infrastruktur verbessert werden. Wir sehen das an staatlichen Schulen: Stehen Tablets zur Verfügung, setzten Lehrkräfte diese auch ein. Darüber hinaus benötigen wir mehr Weiterbildungsangebote für Lehrkräfte. In der Zusatzqualifizierung haben wir nur vier Unterrichtseinheiten zu neuen Medien – das ist zu wenig. Ich kann zwar einen Überblick geben, aber nichts vertiefen. Wir brauchen Kurse für die unterschiedlichen Niveaus an Medienvorkenntnissen, in denen die künftigen Dozenten auch Dinge selbst ausprobieren können.

Wo gibt es bereits solche Weiterbildungsangebote?

Das Goethe-Institut ist auf diesem Gebiet schon lange aktiv, etwa mit der Online-Fortbildung „Unterrichtsgestaltung mit digitalen Medien“. An privaten Bildungsinstituten gibt es kostenpflichtige ein- bis zweiwöchige Weiterbildungen, in denen auch Unterrichtsentwürfe zum Einsatz diverser Medien erarbeitet werden. Telc, eine Tochtergesellschaft des deutschen Volkshochschulverbandes, bietet den Blended-Learning-Lehrgang „Modern unterrichten – Sprachunterricht 2.0“ an, der sich mit Konzepten des e-Learnings beschäftigt. Einige Angebote existieren bereits, aber die meisten setzen eine gewisse Medienaffinität und ein bestimmtes Vorwissen voraus, das noch längst nicht bei allen Dozenten vorhanden ist.

Janek Scholz (Jahrgang 1987) ist seit 2015 als Mitarbeiter im Lehr- und Forschungsbereich Fachdidaktik Deutsch am Institut für Allgemeine und Germanistische Literaturwissenschaft der RWTH Aachen University zuständig für die berufsbegleitende Zusatzqualifikation Deutsch als Zweitsprache (DaZ). Für das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) unterrichtet er in der Zusatzqualifizierung für DaZ-Dozenten unter anderem das Modul „Neue Medien“.