Soziale Ungleichheit Die Schere zwischen Arm und Reich

Mancher startet mit Vorsprung ins Leben
Mancher startet mit Vorsprung ins Leben | Foto (Ausschnitt): © erhui1979/iStock

In Deutschland wird intensiv über soziale Ungleichheit diskutiert. Ist sie überhaupt zu verhindern oder gehört sie zum Wesen einer funktionierenden Marktwirtschaft? Die Experten sind uneins.

Das Wirtschaftswachstum in Deutschland stockt. Für 2017 erwartet die Bundesregierung ein Wachstum von nur 1,4 Prozent. Und wenn der Kuchen nicht mehr größer wird, geht es an die Verteilung. Die bereitet vielen Menschen offenbar schon jetzt Sorgen: Mehr als 80 Prozent der Deutschen finden die soziale Ungleichheit in Deutschland zu groß, so eine Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung von 2016. Auch in Politik, Medien und Wissenschaft wird die Diskussion über die Schere zwischen Arm und Reich derzeit besonders intensiv geführt.
 
Deutschland stehe ein Verteilungskampf bevor, befürchtet etwa Marcel Fratzscher, Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW). „Deutschland ist heute eines der ungleichsten Länder in der industrialisierten Welt“, so der Ökonom, in keinem anderen Mitgliedsstaat der Europäischen Union seien Vermögen derart ungleich verteilt. Auch die Einkommen entwickelten sich immer weiter auseinander.

 Eine Frage des Blickwinkels

 Dass die Ungleichheit zugenommen hat, meint auch Andreas Peichl vom Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW). Doch sein Gesamturteil fällt wesentlich positiver aus. Probleme gebe es vor allem bei der Verteilung der Vermögen, nicht aber bei den Einkommen. Dass die Einschätzungen der Ökonomen unterschiedlich ausfallen, hat mit einer grundsätzlichen Frage zu tun: Reicht es, wenn der Staat den Wohlstand so verteilt, dass alle genug haben? Oder muss er dafür sorgen, dass alle die Chance haben, aus eigener Kraft zu Wohlstand zu gelangen?
 
Andreas Peichl betrachtet vor allem die Beträge, die deutsche Haushalte monatlich zur Verfügung haben. Das Bild ist dann ein ähnliches wie in den skandinavischen Ländern, die als Beispiel für gleiche Gesellschaften gelten. Doch der Schein trügt, entgegnet Marcel Fratzscher. Denn der deutsche Staat verteilt über Steuern und Sozialleistungen sehr viel um. Fratzscher betrachtet deshalb die Einkommen vor der Besteuerung. Und hier ergibt sich ein ganz anderes Bild: Die Ungleichheit ist ähnlich stark ausgeprägt wie in den USA.
 
Die Einkommen vor der Besteuerung seien ein Indikator für Chancengleichheit, so Fratzscher. Sie zeigen, „was Menschen aus eigener Kraft für sich erwirtschaften“. Und eben jene Chancengleichheit gebe es in Deutschland kaum. Wer Eltern hat, die nur wenig verdienen, dem wird es später wahrscheinlich ähnlich gehen. Kinder von reichen Eltern hingegen verdienen später meist ebenfalls gut.

Wie viel kann Bildung bewirken?

Der Schlüssel zu einem guten Einkommen ist Bildung – doch in kaum einem anderen industrialisierten Land hängt der Bildungsabschluss junger Leute so stark von der sozialen Herkunft ab wie in Deutschland. Fratzschers zentrale Forderung ist deshalb, mehr in Bildung zu investieren. Deutschland gibt vier Prozent seines Bruttoinlandsproduktes für Bildung aus, der europäische Durchschnitt liegt bei fünf Prozent. Vor allem die frühkindliche Bildung werde sträflich vernachlässigt, so der Wirtschaftsforscher. Dabei könnten davon gerade Kinder aus Familien mit niedrigen Einkommen profitieren.
 
„Auch mit dem besten Bildungssystem wird man nicht jeden so qualifizieren können, dass er ein angemessenes Markteinkommen erzielt“, hält Andreas Peichl dagegen. Denn die Ungleichheit werde vor allem durch Globalisierung und Digitalisierung angetrieben. Maschinen ersetzen zunehmend menschliche Arbeitskraft, Routinejobs werden ins Ausland verlagert. Hochqualifizierte Arbeitskräfte seien vor diesen Trends einigermaßen sicher, aber den Niedriglohnsektor könne der Staat nicht wirkungsvoll schützen. Die Folge: Einkommen driften immer stärker auseinander.

Die Gesellschaft muss Veränderungen mittragen

Peichl fordert, der Staat müsse über das Steuersystem umverteilen und so die Ungleichheit reduzieren. Es sei ein großer Fehler, Vermögen nicht zu besteuern und Erben kaum zu belasten. Auch den Spitzensteuersatz Einkommen könnte man durchaus anheben.
 
In der Umfrage der Friedrich-Ebert-Stiftung, in der viele Teilnehmer eine wachsende Ungleichheit beklagten, stimmten allerdings deutlich weniger möglichen Steuererhöhungen zu. „Maßnahmen, die die Ungleichheit reduzieren können, sind häufig unbeliebt“, sagt Olaf Groh-Samberg von der Deutschen Gesellschaft für Soziologie (DGS). Das habe man etwa im Bundestagswahlkampf 2013 gesehen. Damals forderten die Grünen höhere Steuern für Spitzenverdiener und auf Vermögen – und verloren deutlich an Wählerstimmen. Um die zunehmende Ungleichheit wirkungsvoll zu bekämpfen, müsse man sowohl die Bildungschancen von Kindern aus einkommensschwachen Familien stärken als auch die Wohlhabenden stärker belasten, meint Groh-Samberg. „Die Frage ist am Ende, ob die Gesellschaft dazu bereit ist.“