Ausgehkultur Sydney Aufstieg der individuellen Kneipen

Kleine Bars beweisen, dass größer nicht immer besser ist.
Kleine Bars beweisen, dass größer nicht immer besser ist. | © Fotoausschnitt: Corridor Newtown

Sydneys Nachtleben wandelt sich. Immer mehr Menschen nehmen Abstand von den großen, charakterlosen Bars der Vergangenheit und bevorzugen kleinere, vertrautere Alternativen. Aus der aktuellsten Regierungsprüfung der gesetzlichen Richtlinien für kleine Bars im Bundesstaat New South Wales (NSW) geht hervor, dass sich die Anzahl kleiner Bars in Sydney in den vergangenen acht Jahren von null auf weit über 100 erhöht hat.

Oberbürgermeisterin Clover Moore nimmt zu dem aktuellen Trend in Sydney klar Stellung: „Das Nachtleben in Sydney wandelt sich und unser Ruf als Stadt mit außergewöhnlichen kleinen Bars, zeitgemäßen Restaurants und lebhafter Kultur nimmt stetig zu.“ Früher war Sydney bekannt für den ikonischen Hafen und die schönen Strände. Mittlerweile ist Sydney dabei, sich eine eigene, weltweit anerkannte Identität als kulturelles Zentrum mit blühendem Nachtleben zu schaffen. Die so genannten „lockout laws“, die im Jahr  2014 mit dem Ziel durch Alkohol angeheizte Gewalt zu verringern, eingeführt wurden, hatten gleichzeitig zur Folge, dass Nachtlokale früher schließen mussten und es für große Austragungsorte unmöglich wurde, eine Ausschanklizenz zu erhalten. Als Resultat schlossen mehr als 40 große Clubs und Bars ihre Türen und die Bewohner Sydneys waren außer sich. Unter ihnen auch Clover Moore, die die neuen Gesetze als „Vorschlaghammer-Methode“ bezeichnete. Nur eine Art von Veranstaltungsort war von diesen neuen Regulierungen für Alkoholausschank befreit – die kleine Bar.

Eine neue Art von Bar

Kleine Bars sind keineswegs ein neues Konzept. Seit Jahrzehnten werden sie von Nachtschwärmern auf der ganzen Welt geliebt. Im Vergleich zu Melbourne, der Stadt, die seit den 80er Jahren für ihre Kleinbarszene berühmt ist, entwickelte sich dieser Trend in Sydney eher spät. Erst 2008 eröffneten dort die ersten kleinen Bars. Dies war das Resultat weitreichender Kampagnen, die es sich zum Ziel gesetzt hatten, intimere Ausgehorte zu schaffen. Lange hatten riesige Pubs und Clubs das Bild des Nachtlebens dominiert und die Stadt sehnte sich nach einer Veränderung. Doch diese Umstellung war nicht leicht. Eine spezielle Ausschanklizenz für kleine Bars existierte bis 2013 nicht. Vorher konnten kleine Bars dank einer Grauzone Alkohol ausschenken: Sie galten zwar als Restaurant, hatten aber die Erlaubnis Alkohol auch ohne Essen servieren zu dürfen. Als die Gesetzesänderung für kleine Bars im Jahr 2013 schließlich durchgesetzt wurde, kam diese aber mit starken Einschränkungen. So durften Barbesitzer  nur maximal 60 Personen bewirten und mussten strikt um Mitternacht schließen. Diese zeitliche Begrenzung existiert auch heute noch und hat zur Folge, dass kleine Bars weiterhin unter einer falschen Ausschanklizenz operieren. Der Gemeinderat in Sydney schätzt die Zahl der kleinen Bars, die unter der richtigen Lizenz arbeiten, auf nur 21 Prozent.

Kleine Bars bieten oftmals lokal gebrauten Alkohol an. Kleine Bars bieten oftmals lokal gebrauten Alkohol an. | © Corridor Newtown Max Younger war gerade mal 28 Jahre alt, als er im Jahr 2015 die Klein-Bar Corridor in Sydney kaufte und gleichzeitig als Regisseur bei ABC News arbeitete. Als Fan kleiner Bars beschloss er, sich in dem Geschäft zu beteiligen, vor allem als er bemerkte, dass Klein-Bars im Trend lagen: „Ich denke, dass kleine Bars zum richtigen Zeitpunkt entstanden sind. Menschen wachsen aus der Kultur des Komatrinkens heraus. Das australische Publikum trinkt nicht mehr wie früher. Die Popularität von kleinen Bars ging einher mit dem Boom von Craft-Beer-Kultur und Hausbrennereien. Kleine Bars fordern alle heraus, ihr Getränke- und Unterhaltungsangebot  zu verbessern und auszuweiten.“

Eine willkommene Veränderung

Andrew, 29 Jahre, besucht regelmäßig kleine Bars und erinnert sich gleichzeitig daran, wie es vorher war: „Ein typischer Freitagabend vor fünf Jahren bedeutete einfach zu seinem Hotel um die Ecke zu gehen [Anm. d. Red. Hotels sind in Australien nicht unbedingt mit Zimmervermietung verbunden. Meist sind sie generisch eingerichtet, bieten Glücksspiel und Standard-Unterhaltung wie Trivia-Abende und Sonderdeals an]. Die Atmosphäre wurde von entfernten Klängen der Spielautomaten und den gleichen alten Liedern aus der Jukebox beeinflusst. Jeder Pub an jeder Ecke hatte die gleiche Dekoration und die gleichen Dinge im Angebot. Es fehlte an Fantasie.“

Heutzutage ist Andrew von der Barvielfalt verwöhnt. Es gibt hunderte gemütliche und versteckte Treffpunkte in der Stadt, von skurril bis preisgekrönt. Kleine Bars werden für ihr Craft-Beer, geschulte Barkeeper und oftmals ausgefallene Inneneinrichtung gepriesen. Heutzutage gibt es in Sydney Veranstaltungsorte für jeden Geschmack. Es gibt kleine Bars, die als billige Kneipe, tropische Inseln und sogar als Wohnzimmer getarnt sind. „Kleine Bars gibt es jetzt überall. Das ist großartig, weil sie eine bestimmte Thematik in ihre Barausstattung eingebaut haben“, so Andrew.

Barkeeper in Klein-Bars sind gut ausgebildet und in der Lage Getränke individuell anzupassen. Barkeeper in Klein-Bars sind gut ausgebildet und in der Lage Getränke individuell anzupassen. | © Corridor Newtown Aber nicht nur die innovativen Themen locken die Besucher in die Bar. Max denkt, dass es Gästen in kleinen Bars einfacher fällt mit Fremden in Kontakt zu treten: „Kleine Bars sind viel persönlicher, man macht viel vertrautere Erfahrungen dort. Es ist einfacher die Geschichte des Lokals und des Menüs zu erfahren. Allein wenn man die Fläche betrachtet - je weniger Menschen im Raum, desto einfacher ist es mit ihnen in Kontakt zu treten. Wenn ich mit nur fünf Menschen im Raum wäre, würde ich mich gezwungen fühlen mit ihnen zu reden. Auf der anderen Seite, wenn 120 Gäste im Raum wären, würde ich mich nur mit der Person neben mir unterhalten.“

Was bringt die Zukunft?

Laut Ministerpräsident Mike Baird hat sich die Anzahl der kleinen Bars seit der Einführung der „lockout laws“ verdoppelt. Der Trend scheint sich fortzusetzen, da sich die Stadt für geringere Einschränkungen für kleine Bars einsetzt.

Clover Moore hat in ihrem Antrag an die Regierung von NSW bezüglich der Ausschankrechte den Vorschlag eingereicht, die Öffnungszeiten auf 2 Uhr nachts zu verlängern und die erlaubte Personenzahl in kleinen Bars zu verdoppeln, um dann 120 Gäste zu erreichen. Das wären positive Nachrichten für Barbesitzer wie Max: „Das Schwierigste sind immer die Lizenzen. Die großen Bars und Clubs sind normalerweise im Vorteil. Sie haben mehr Platz und weniger eingeschränkte Lizenzen.“

Max Younger, Besitzer der Klein-Bar Corridor in Newtown. Max Younger, Besitzer der Klein-Bar Corridor in Newtown. | © Chloe Michele Aber selbst die großen Bars haben eine Veränderung in den  Ausgehgewohnheiten ihrer Gäste festgestellt, so dass immer mehr von ihnen selbst sogenannte Mikrobars in ihren eigenen vier Wänden eröffnen, um mit dem neuen Standard mithalten zu können.

Max ist optimistisch: „Die Zukunft der kleinen Bars sieht gut aus. Jedes Mal wenn ich ausgehe, sehe ich neue Bars, die innovative Dinge ausprobieren und damit ihre Gäste herausfordern.“