Prekäre Beschäftigung Die Rückkehr der Diener

Fenster putzen und auch noch kurz mit dem Hund rausgehen? Längst sind „die neuen Diener“ auch in deutschen Haushalten normal geworden.
Fenster putzen und auch noch kurz mit dem Hund rausgehen? Längst sind „die neuen Diener“ auch in deutschen Haushalten normal geworden. | Foto (Ausschnitt): © VadimGuzhva/Fotolia

Wir alle beschäftigen Personal und denken selten über die Folgen nach. Christoph Bartmann beleuchtet in seinem Essay „Die Rückkehr der Diener“ die Welt der gestressten Mittelschicht und die ihrer Dienstboten. 

Christoph Bartmann kritisiert in seinem Essay die gestresste Mittelschicht. Christoph Bartmann kritisiert in seinem Essay die gestresste Mittelschicht. | Foto (Ausschnitt): © Katherine Lorimer
Herr Bartmann, wir leben in einer arbeitsteiligen Gesellschaft. Also sind haushaltsnahe Dienstleistungen doch unproblematisch. Was soll daran falsch sein, Putzfrauen zu beschäftigen oder Lieferservices in Anspruch zu nehmen?


Die Frage ist, was für ein Berufsbild steckt dahinter? Ist das die klassische „Perle“, die ich noch persönlich kenne? Oder handelt es sich um die neuen, plattformgetriebenen Heinzelmännchen, die ich als Auftraggeber gar nicht mehr kennenlerne? Diese sind nirgendwo angestellt und krebsen irgendwo am Mindestlohn herum. Es ist ein Ausdruck zunehmend asymmetrischer Verhältnisse, wenn wir, die wir es uns leisten können, in so noch nicht da gewesenem Umfang auf alle möglichen Dienste zurückgreifen, weil wir ihrer bedürfen oder es bequemer haben wollen.
 
Was würden wir aber ohne Babysitter, Pizzaboten, Au-pair-Mädchen oder Hausmeister tun? Die meisten würden jetzt sagen, es geht gar nicht anders. Ohne die neuen Dienstleister kann die Mittelschicht ihr Leben nicht organisieren.

Das gilt dummerweise wohl für beide Seiten. Viele der einfachen Dienstleister haben keine richtigen Alternativen, als für Plattformen irgendwelche Dienste zu verrichten. Die andere Seite, die die Dienste in Anspruch nimmt, ist der Auffassung, dass das Leben hart genug ist. Zum Beispiel ist Care, also die Altenpflege, ein Riesenthema. Das sagen wir doch meist: Unmöglich, das selber zu machen. Am anderen Ende der Skala gibt es die Bequemlichkeitsdienste: Warum zum Kiosk laufen für die Chips für den Fernsehabend? Die Möglichkeit, die Chips per App zu ordern, existiert. Das Angebot erzeugt die Nachfrage, und dann macht man das.

Schlecht abgesichert

Aber dann noch einmal: Wo liegt das Problem?

Das Problem besteht darin, dass eine zunehmende Zahl oft überqualifizierter Menschen, oft Migrantinnen und Migranten, feststeckt in einfachen Dienstleistungen. Man schätzt den Bereich auf zwölf bis 15 Prozent der Beschäftigten. Dazu zählen nicht nur haushaltsnahe Dienstleistungen, sondern auch Security, Wachdienste oder Gebäudereinigung. Diese einfachen Dienstleistungen sind heuten vorwiegend prekär organisiert: Die Beschäftigten sind schlecht abgesichert, nicht gewerkschaftlich organisiert. Vor allem gibt es kaum Aufwärtsmobilität, es fehlt das Aufstiegsszenario. Natürlich gibt es für junge Leute die Verlockung der Flexibilität, aber im Lauf des Lebens wird das zum Problem.
 
Wenn die Aufstiegsperspektive fehlt, gibt es dann wenigstens die Hoffnung, einfache Arbeiten demnächst maschinell erledigen zu können?

Kaum. Man muss wohl eher vermuten, dass viele Mittelstandsberufe wegfallen. Wahrscheinlich kann durch Einsatz Künstlicher Intelligenz eher vieles von dem erledigt werden, was heute Juristen machen, als das, was Putzkräfte machen. Der Maschinenpark, der heute für Wartung und Pflege im Haushalt angeboten wird, ist doch ziemlich kümmerlich. Es gibt leistungsfähige Saugroboter, aber Saugen gehörte immer schon zum Einfachsten. Aber gibt es einen Roboter, der scheuern kann? So lange scheuern, bis ein glänzendes Ergebnis da ist? Im Haushalt spielt ja Gründlichkeit eine große Rolle. Da helfen Maschinen bislang wenig. Es gibt unzählige Sensoren, die etwas melden – aber die Arbeit erledigen sie nicht. Die Frage wird sein, was Roboter im Feld der Sauberkeit können und was bei der Pflege, im Feld von Care. Wie affektiv-zugewandt können Roboter in der Pflege sein, bei der Betreuung?

„Ein schlechtes Gewissen ist hilfreich“

Wenn man Ihr Buch gelesen hat, hat man erst einmal ein schlechtes Gewissen. Und dann?

Ein schlechtes Gewissen ist erst einmal hilfreich. Ich finde es merkwürdig, dass wir uns wahnsinnig viele Gedanken über Öko machen, über Inhaltsstoffe in Nahrung und Kleidung, aber die neuen Dienstboten, die für viele sehr unbekömmliche Dienstleistungswelt spielt dagegen kaum eine Rolle. In einigen Gesprächen habe ich bemerkt, dass Frauen oft nervös auf das Thema reagieren: Jetzt willst Du uns auch noch das Recht absprechen, unsere eigenen beruflichen Ambitionen zu verwirklichen, was wir nur können, wenn wir auf – ebenfalls weibliche – Hilfe zugreifen. Ein schlechtes Gewissen ist also hilfreich, dann sollte man fragen, was wünschenswert wäre.
 
Was könnte das sein?

Natürlich eine Vergewerkschaftung und Vergenossenschaftlichung auf der einen Seite und auf der anderen die Suche nach wirklichen technischen Alternativen. 
 
Christoph Bartmann, Jahrgang 1955, studierte Germanistik und Geschichte. Er ist seit 1988 Mitarbeiter des Goethe-Instituts und leitet nach Stationen unter anderem in Prag, Kopenhagen und New York seit 2016 das Goethe-Institut in Warschau.