Australier in Berlin Utopischer Spielplatz für Künstler?

Dystropicana von Troy Duguid
Dystropicana von Troy Duguid | Foto (Ausschnitt): © Troy Duguid

Die deutsche Hauptstadt ist ein Magnet für die internationale Kulturszene. Auch viele australische Künstler leben und arbeiten hier – obwohl sich die kreativen Freiräume verändern. Goethe.de hat drei von ihnen getroffen. 

Die Künstlerin Sonja Hornung lernte Berlin anders kennen als die meisten Australier. Für ein Kunstprojekt machte sie sich auf die Suche nach leeren Fahnenmasten vor Botschaften und Behörden, hisste dort selbst entworfene Flaggen – und fand sich inmitten der Geschichte der Stadt und ihrer politischen Gegenwart wieder. In Melbourne hatte sie Kunst studiert und gejobbt, bevor sie sich entschloss, einen Master an der Kunsthochschule Berlin-Weißensee zu machen.

Das war 2012, zu einer Zeit, als die australische Regierung staatliche Förderungen für Kunst und Bildung reduzierte. Doch auch mit dem politischen Klima in ihrer Heimat sei sie unzufrieden gewesen: „Australien erhält sein Sonnenschein-Image aufrecht. Aber wenn man an der Oberfläche kratzt, kommt eine ausgebeutete Natur zum Vorschein und eine Kluft zwischen der Lebensqualität der weißen und der indigenen Bevölkerung.“

Berlin – Magnet für internationale Künstler

In Berlin war Sonja Hornung (Jahrgang 1987) zuvor schon gewesen, unter anderem im Rahmen eines sechsmonatigen DAAD-Austauschs. Sie gehört zu den Scharen internationaler Künstler, die in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten in die Kunstmetropole gepilgert sind – angezogen von günstigen Mieten, einem liberalen politischen Klima und einer hedonistischen Stadtkultur. 1983 zog etwa der Australier Nick Cave nach West-Berlin, feierte die Nächte im Kreuzberger Club SO36 durch und gründete die Band Nick Cave and the Bad Seeds. Seit den 1990er-Jahren ist die wiedervereinte Stadt zum hippen, globalen Kunstzentrum geworden, in dem – durch Gentrifizierung und Bevölkerungszuwachs – die künstlerischen Freiräume zwar allmählich schrumpfen, das aber wenig an Attraktivität verloren hat. Anfangs sei ihr die Stadt noch wie ein utopischer Spielplatz für Künstler vorgekommen, sagt Sonja Hornung. Doch die Wirklichkeit sei komplizierter.
 

  • Sonja Hornung & Richard Pettifer, Mauer Botschaft, 2013, einwöchige öffentliche Performance Foto (Ausschnitt): © Amaryah Paul
    Sonja Hornung & Richard Pettifer, Mauer Botschaft, 2013, einwöchige öffentliche Performance
  • Sonja Hornung, Negotiating without rules, 2015, Installation Foto (Ausschnitt): © Benjamin Busch
    Sonja Hornung, Negotiating without rules, 2015, Installation
  • Sonja Hornung, Spiel,_dessen_Regeln_neu_zu_verhandeln_sind, 2016, Installation Foto (Ausschnitt): © Maxim Gorki Theater Berlin, Ute Langkafel
    Sonja Hornung, Spiel, dessen Regeln neu zu verhandeln sind, 2016, Installation
  • Sonja Hornung, Emptying flags, 2013-2014, öffentliches Projekt mit Neue Berliner Räume Foto (Ausschnitt): © Sonja Hornung
    Sonja Hornung, Emptying flags, 2013-2014, öffentliches Projekt mit Neue Berliner Räume

Genau 3.234 Australier lebten im November 2016 in Berlin, etwa 400 mehr als ein Jahr zuvor. Viele von ihnen seien im Kunst- und Kulturbereich tätig, erklärt Julia Kaute von der australischen Botschaft, in der regelmäßig Ausstellungen heimischer Künstler stattfinden: „Die Stadt hat mit ihrer Internationalität und Kreativität viel zu bieten für Kunst- und Kulturschaffende. Die Lebenskosten steigen zwar, sind aber im Vergleich zu London noch immer verhältnismäßig niedrig.“

Tänzerin und Medienkünstler

Auch die Tänzerin und Choreografin Zoë Knights arbeitet seit einigen Jahren als freie Künstlerin in Berlin. Nach Europa war sie über ein Choreografie-Studium in Salzburg gekommen, wo sie ihre in Sydney begonnene Karriere fortsetzte. Mit seinen Grünflächen und dem entspannten Mix unterschiedlicher Kulturen sei Berlin die erste europäische Stadt, in der sie sich ein wenig wie zu Hause gefühlt habe, sagt Knights. Sie genießt die internationale Tanzszene an Orten wie den Sophiensaelen oder dem Ballhaus Ost. In ihrer Freizeit sei sie am liebsten mit dem Fahrrad unterwegs: „Ich mag den Patchwork-Charakter, das Raue, das Nebeneinander von alt und neu, die Gebäude, an denen sich unterschiedliche historische Ären ablesen lassen.“
 

  • Zoë Knights: And 10 times more Foto (Ausschnitt): © Anton Stefan
    Zoë Knights: And 10 times more
  • Zoë Knights: Composing emotion rehearsals Foto (Ausschnitt): © Zoë Knights
    Zoë Knights: Composing emotion rehearsals
  •  Zoë Knights: Death in the Count of 9 Foto (Ausschnitt): © Dieter van Holder
    Zoë Knights: Death in the Count of 9
  • Zoë Knights Foto (Ausschnitt): © Martin Nachbar
    Zoë Knights

Grün ist die Stadt nicht immer. Im berüchtigten Berliner Winter ist sie sogar ziemlich grau. Dann vermisst der Medienkünstler Troy Duguid (Jahrgang 1990) die üppige Natur seiner Heimat: den Regenwald um Tinbeerwah in Queensland. Nach Berlin zog ihn die Suche nach einer internationalen Community im jungen Bereich der interaktiven Kunst. Seit 2014 lebt er nun hier. In seinen naiv anmutenden und zugleich gesellschaftskritischen Filmen und Videospielen fließt Virtual-Reality-Ästhetik mit Aspekten digitaler Alltagskultur zusammen. Neben dem kreativen Austausch mit Gleichgesinnten schätzt er die Unvoreingenommenheit der Berliner: „Bevor ich hierherkam, hatte ich keine Ahnung, dass man sich so furchtlos und frei fühlen kann.“ Doch die Feierkultur lenke vom Arbeiten ab und die Gentrifizierung verändere das Stadtbild rasch.

Keine Community, aber gut miteinander vernetzt

Von mittlerweile überteuerten Bezirken wie Berlin-Mitte und Kreuzberg ist die kreative internationale Szene in das migrantisch geprägte Neukölln gewechselt. Die „Expats“, also Künstler aus dem Ausland, die in Deutschland tätig sind, treffen sich in einem der zahlreichen trendigen Cafés und in Bars bei Pale Ale oder Poached Eggs: zum Austausch, Reden, Feiern. Viele Australier sind gut untereinander vernetzt, auch wenn sich eine australische Künstlercommunity in Berlin noch nicht etabliert hat.

Sonja Hornung versucht, den Neuköllner „Hipster-Party-Kreislauf“ zu umgehen. Sie lebt im bürgerlichen Pankow. Ihre Nachbarn, ehemalige Kommilitonen, Professoren und natürlich die freie Kulturszene, machen für sie das Stadtleben aus. Einige australische Künstler hat sie erst spät kennengelernt: „Ich verbringe gerne Zeit mit ihnen. Es ist ein wenig, wie in einen alten Schuh zu schlüpfen.“

Der Konkurrenzdruck kann auch beflügeln

Die zahlreichen Kunstschaffenden, die es nach Berlin gezogen hat, machen sich natürlich auch gegenseitig Konkurrenz, etwa um Projektförderungen. Doch der Existenzkampf müsse nicht unbedingt von Nachteil sein, sagt Zoë Knights: „Ein Bassist aus New York sagte mal zu mir, das sei hart, aber wunderbar, denn man müsse sich ständig fragen, ob man das Richtige tue, und das mache einen zum besseren Künstler.“ Ähnliches trifft wohl heute auch auf das Künstlerdasein in Berlin zu.
 

  • Troy Duguid, Homezone-Timelapse Foto (Ausschnitt): © Troy Duguid
    Troy Duguid, Homezone-Timelapse
  • Troy Duguid, Profil Foto (Ausschnitt): © Troy Duguid
    Troy Duguid, Profil
  • Troy Duguid, Kiwis of Tempelhof Foto (Ausschnitt): © Troy Duguid
    Troy Duguid, Kiwis of Tempelhof
  • Troy Duguid, Dystropicana Foto (Ausschnitt): © Troy Duguid
    Troy Duguid, Dystropicana