Looted Cultural Assets „Wir stehen unter Zeitdruck“

Provenienzhinweis: - (Neuköllner Zweig-Bibliothek der Jüdischen Gemeinde Jüdische Gemeinde zu Berlin Jüdische Lesehalle und Bibliothek Berlin), Stempel: Keine; 'Neuköllner Zweig-Bibliothek der Jüdischen Gemeinde Isarstr. 8'.
Provenienzhinweis: - (Neuköllner Zweig-Bibliothek der Jüdischen Gemeinde Jüdische Gemeinde zu Berlin Jüdische Lesehalle und Bibliothek Berlin), Stempel: Keine; 'Neuköllner Zweig-Bibliothek der Jüdischen Gemeinde Isarstr. 8'. | Foto (Ausschnitt): © CC-BY-NC 3.0, Looted Cultural Assets

In der Datenbank „Looted Cultural Assets“ bündeln sechs deutsche Bibliotheken ihre Recherchen zu NS-Raubgut in ihren Beständen. Die Suche nach den Vorbesitzern erfordert detektivische Arbeit.
 

Zu den Kulturgütern, die zwischen 1933 und 1945 den Raubzügen der Nationalsozialisten zum Opfer fielen, zählten in großem Umfang auch Bücher. Gezielt wurden im In- und Ausland Bibliotheken von jüdischen Gemeinden, Freimaurern, Klöstern oder Parteien enteignet. Zudem stahl das NS-Regime ungezählte Bücher von Privatpersonen, die seiner Verfolgung ausgesetzt waren.

Vielfach profitierten davon deutscher Kultureinrichtungen. Vor allem in die Bestände der öffentlichen und wissenschaftlichen Bibliotheken gelangten Unmengen geraubter Bücher. Zum einen geschah dies über direkte Zuweisungen der Nationalsozialisten, zum anderen – auch in der Zeit nach 1945 – durch antiquarische Käufe. Zumeist sind diese Eingänge nur unzureichend dokumentiert worden, weshalb es heute so schwierig ist, die Herkunft geraubter Bücher nachzuvollziehen. An vielen Bibliotheken in Deutschland sind daher Provenienzforscher damit befasst, Raubgut in den eigenen Beständen zu identifizieren, um die Bücher an die ursprünglichen Eigentümer oder deren Erben zurückgeben zu können.  

Späte Erkenntnisse

„In der Zentral- und Landesbibliothek Berlin (ZLB) wurde dem Thema NS-Raubgut lange Zeit kaum Beachtung geschenkt“, berichtet  Provenienzforscher Sebastian Finsterwalder. 2002 jedoch stieß ein Kollege in den dortigen Beständen auf leicht zu identifizierende Bücher aus dem 1933 zwangsenteigneten Karl-Marx-Haus in Trier, die von den Nazis beschlagnahmt worden waren. Weitere Recherchen deckten auf, dass die Berliner Stadtbibliothek 1943 mehr als 40.000 Bücher von der Städtischen Pfandleihanstalt Berlin erworben hatte. „Aus Briefwechseln und Ankauflisten geht eindeutig hervor, dass es sich dabei um Bücher aus den Wohnungen von deportierten Berliner Juden handelte“, so Finsterwalder. Je gründlicher die Wissenschaftler die Regale der ZLB durchleuchten, desto klarer wurde: „Diese Bibliothek ist doch voller Raubgut.“
 

  • Provenzienhinweis: (unbekannt), Stempel: Abbildung: allgemein, Abbildung: Emblem, Initiale; '[Sonne, Eule, Bücher, T]'. Foto (Ausschnitt): CC-BY-NC 3.0, Looted Cultural Assets
    Provenzienhinweis: (unbekannt), Stempel: Abbildung: allgemein, Abbildung: Emblem, Initiale; '[Sonne, Eule, Bücher, T]'.
  • Provenienzhinweis: - (Ascher, Hermann), Stempel: Name; 'Ex bibliotheca Hermann [i] Ascher Berolin. '. Foto (Ausschnitt): © CC-BY-NC 3.0, Looted Cultural Assets
    Provenienzhinweis: - (Ascher, Hermann), Stempel: Name; 'Ex bibliotheca Hermann [i] Ascher Berolin. '.
  • Provenienzhinweis: - (Kohn, Albert), Objekt: Etikett: Exlibris, Abbildung: allgemein, Name; 'Ex libris Albert Kohn'. Foto (Ausschnitt): © CC-BY-NC 3.0, Looted Cultural Assets
    Provenienzhinweis: - (Kohn, Albert), Objekt: Etikett: Exlibris, Abbildung: allgemein, Name; 'Ex libris Albert Kohn'.
  • Provenienzhinweis: - ([...], Hans ), Von Hand: Widmung: Allgemein, Name, Ortsangabe, Datum: Allgemein; 'Wenn auch weit von Dir entfernt, so denke ich doch stets an Dich Von Deinem Bruder Hans als er in Montreux war Montreux, den 12. Juli 1936 כ׳ב תמוז תרצ׳׳ו לפ׳׳ק'. Foto (Ausschnitt): © CC-BY-NC 3.0, Looted Cultural Assets
    Provenienzhinweis: - ([...], Hans ), Von Hand: Widmung: Allgemein, Name, Ortsangabe, Datum: Allgemein; 'Wenn auch weit von Dir entfernt, so denke ich doch stets an Dich Von Deinem Bruder Hans als er in Montreux war Montreux, den 12. Juli 1936 כ׳ב תמוז תרצ׳׳ו לפ׳׳ק'.
  • Provenienzhinweis: - (Körmhen, Hans), Von Hand: Autogramm; 'Körmhen'. Foto (Ausschnitt): © CC-BY-NC 3.0, Looted Cultural Assets
    Provenienzhinweis: - (Körmhen, Hans), Von Hand: Autogramm; 'Körmhen'.
  • Provenienzhinweis: J / 297 (Naumann, Otto), Von Hand: Widmung: Allgemein; 'Herrn wirkl. Geh. Ober-Regierungsrath Dr. Nauman[n] Hochachtungsvoll [...]'. Foto (Ausschnitt): © CC-BY-NC 3.0, Looted Cultural Assets
    Provenienzhinweis: J / 297 (Naumann, Otto), Von Hand: Widmung: Allgemein; 'Herrn wirkl. Geh. Ober-Regierungsrath Dr. Nauman[n] Hochachtungsvoll [...]'.

7.000 Namen, 30.000 Hinweise   

Die Suche nach Herkunft und Vorbesitzer gestohlener Bücher ist oft ein langwieriger und mühsamer Prozess. Nicht selten sind Stempel oder Widmungen, die auf frühere Eigentümer schließen lassen könnten, herausgerissen worden. Entsprechend müssen die Provenienzforscher einer Bibliothek enorm viele Recherchevorgänge bewältigen. Dafür nutzen sie das Internet, Archive aus verschiedenen Ländern, Beschaffungslisten der Nazis, Zeitungsinserate und viele andere Quellen.
 
Um einzelne Institutionen zu entlasten und die Recherchen und Informationen zu bündeln und zu vernetzen, wurde im März 2016 die Datenbank Looted Cultural Assets ins Leben gerufen. Kooperationspartner sind die ZLB, die Bibliotheken der Freien Universität Berlin und der Universität Potsdam, die Bibliothek der Stiftung Neue Synagoge Berlin – Centrum Judaicum, das Institut für die Geschichte der deutschen Juden in Hamburg und seit Januar 2017 auch die Badische Landesbibliothek. Rund 7.000 Namen von Personen und Institutionen sowie etwa 30.000 Provenienzhinweise sind nach dem Stand von Anfang 2017 dort erfasst.
 
Die Datenbank hält auch solche Recherchen fest, bei denen sich ein Buch als nicht gestohlen erwiesen hat – dies spart im Zweifelsfall ebenfalls Zeit. Darin unterscheidet sich die Datenbank vom vergleichbaren Lost Art-Archiv des Deutschen Zentrums Kulturgutverluste in Magdeburg, die nur Informationen über Kunstwerke dokumentiert, bei denen es sich tatsächlich um NS-Raubgut oder Beutegut handelt. 

Lila Tinte als Muster

Nach einem Relaunch im kommenden Frühjahr soll Looted Cultural Assets auch interessierten Laien die Suche nach Objekten und Namen erleichtern. Derzeit ermöglicht es die Datenbank vor allem den Forscherinnen und Forschern, Hinweise und Spuren zu vergleichen. Wie aufwendig sich diese Arbeit im Einzelfall gestalten kann, illustriert Finsterwalder am Beispiel des Biochemikers Carl Neuberg. Dieser leitete das Kaiser-Wilhelm-Institut in Berlin, bis er von den Nationalsozialisten mit Berufsverbot belegt und in die Emigration getrieben wurde. Aus seinem Besitz fanden sich zunächst acht Bände in der Berliner Stadtbibliothek – „wissenschaftliche Fallstudien, die schon vom Titel her zu speziell waren für unser Sortiment“, so Finsterwalder.
 
Die Bücher ließen aber auch Muster erkennen, nach denen Neuberg arbeitete: „Seitenzahlen schrieb er auf Buchrücken, wichtige Passagen markierte er mit zwei Strichen in lila Tinte.“ So konnten schließlich auch Bücher aus seinem Besitz identifiziert werden, aus denen etwa das Vorsatzblatt mit seinem Adressstempel herausgetrennt war. „Insgesamt haben wir weitere 33 Bände gefunden“, erzählt der Provenienzforscher: „Die größte Sammlung aus einer Privatbibliothek, die wir bislang an die Erben zurückgeben konnten.“

Forschung als Verpflichtung 

Die in den USA lebenden Erben von Carl Neuberg hatten zwar wenig Interesse an wissenschaftlichen Abhandlungen in deutscher Frakturschrift. Dafür spendeten sie die Werke dem Leo Baeck Institut in New York, einer Dokumentations- und Forschungsstelle für die Geschichte und Kultur des deutschsprachigen Judentums.
 
Die Restitution dieses Raubguts sorgt selten für Schlagzeilen oder Streitfälle. Neben der rechtlichen und ethischen Verpflichtung ist das Ziel der Provenienzforschung, „den Opfern Namen und Geschichte zurückzugeben“ – so hat es Ringo Narewksi, Leiter der Stabsstelle NS-Raub- und Beutegut an der Freien Universität Berlin, in einem Interview formuliert. „Dabei stehen wir unter Zeitdruck“, gibt Sebastian Finsterwalder zu bedenken. „Mit jeder neuen Generation stirbt die Erinnerung weiter aus.“