Soziale Architektur in Vietnam Bäume, die aus Häusern wachsen

Wohnhaus | Ho Chi Minh Stadt | Vo Trong Nghia Architects
Wohnhaus | Ho Chi Minh Stadt | Vo Trong Nghia Architects | Foto (Ausschnitt): Hiroyuki Oki

Soziales Engagement und klimagerechtes Bauen sind zentrale Themen im internationalen Architekturdiskurs. Anh-Linh Ngo, in Vietnam geborener und in Deutschland lebender Architekt und Mitherausgeber der Zeitschrift „ARCH+“, erklärt, welche aktuellen Entwicklungen es dazu in Vietnam gibt und was wir von vietnamesischer Architektur lernen können.

Herr Ngo, „think global, build social“ ist das Schlagwort für eine internationale Entwicklung, die die gesellschaftliche Relevanz von Architektur betont. Architekten beschäftigen sich mit sozialen und umweltpolitischen Problemen, entwickeln gestalterische Lösungen aus lokalen Ressourcen und grenzen sich damit von ikonischer Stararchitektur ab. Welche Beispiele dafür gibt es in Vietnam? 

Projekt Bottle Sail | Do San | 1+1>2 International Architecture ASC Projekt Bottle Sail | Do San | 1+1>2 International Architecture ASC | Foto: Vu Xuan Son Das Büro 1+1>2 aus Hanoi legt einen starken Fokus auf soziale Architektur. Im Norden Vietnams entstand zum Beispiel das Projekt Bottle Sail, ein Pavillon aus recycelten Plastikflaschen, die hintereinander auf Bambusrohre gefädelt sind. Optisch erinnert das an ein aufgeblähtes Segel, praktisch bilden die Flaschen eine thermisch aktive Gebäudehülle, die den Bauern vor Ort die Aufzucht von Keimlingen und damit eine Existenzgrundlage ermöglicht. Hintergrund ist das globale Problem, dass Kleinbauern mit dem Kauf von Saatgut häufig in die Abhängigkeit von Agrarkonzernen gezwungen werden. Bottle Sail wurde mit einem Budget von nur 400 US-Dollar realisiert und zusammen mit HIV-infizierten Menschen errichtet. Das Projekt hat so auch dazu beigetragen, diese Randgruppe wieder zum Teil der Dorfgemeinschaft zu machen.

Projekt Bottle Sail | Do San | 1+1>2 International Architecture ASC Projekt Bottle Sail | Do San | 1+1>2 International Architecture ASC | Foto: Vu Xuan Son Ein weiteres Beispiel für die Arbeit von 1+1>2 ist das Ta Phin Community House in der Bergregion Sa Pa. Die Fassade des aus Holz, Lehmziegeln und Wellblech errichteten Gemeinschaftshauses ist leuchtend rot und weithin sichtbar. Das hat auch symbolische Bedeutung, denn die Farbe zitiert die Kopfbedeckung der Dao-Frauen, das ist die dort lebende ethnische Minderheit. Die Konstruktion beruht auf traditionellen Bautechniken, eine ständige Querlüftung sorgt für die Kühlung der Innenräume. Neu entwickelt haben 1+1>2 eine Dachkonstruktion mit Oberlicht, sodass der Innenraum nicht dunkel ist, wie sonst in traditionellen Häusern. 

Gemeindezentrum in Sa Seng | 1+1>2 International Architecture JSC Gemeindezentrum in Sa Seng | 1+1>2 International Architecture JSC | Foto: 1+1>2 Was ist die besondere Qualität sozialer Architektur?

Projekte mit sehr beschränktem Budget und nur mit lokal verfügbaren Materialien zu planen, ist eine große Herausforderung. Schließlich geht es darum, sozialen Anspruch in zeitgenössische Architektur zu übersetzen, also nutzerorientierte Gebäude mit eigenständiger Formensprache zu schaffen. Die besondere Qualität sozialer Architektur besteht im experimentellen Umgang mit traditionellen Bauweisen und Materialien. Durch die kreative Arbeit mit den beschränkten Ressourcen vor Ort entstehen oft Lösungen, die nachhaltiger und bereichernder sind, als die standardisierten Bauten, die überall auf der Welt gleich aussehen. Architekten, denen soziale Relevanz wichtig ist, sind nicht nur Planer. Sie sind gestaltende Aktivisten, stoßen Projekte an, sorgen für Finanzierungen und organisieren Partizipationsprozesse.

Die Städte wachsen, die Verkehrsbelastung steigt, und dicht bebaute Metropolen sind besonders vom Klimawandel betroffen. Welche Lösungen gibt es?  

Man kann die Uhr nicht zurückdrehen. Das menschengemachte Klima ist eine Realität, mit der wir arbeiten müssen. Doch die Probleme mit immer „smarterer“ Gebäudetechnik bekämpfen zu wollen, ist nicht unbedingt die beste Lösung. Notwendig ist die Einsicht, dass das menschengemachte Stadtklima die Einteilung in ein „natürliches“ Außenklima und ein „künstliches“ Binnenklima obsolet macht. Es geht also darum, ganz neue Perspektiven und Typologien für das Leben in Metropolen zu entwickeln, wie es zum Beispiel das Büro Vo Trong Nghia Architects in Ho-Chi-Minh-Stadt versucht.

Wohnhaus | Ho Chi Minh Stadt | Vo Trong Nghia Architects Wohnhaus | Ho Chi Minh Stadt | Vo Trong Nghia Architects | Foto: Hiroyuki Oki Das 2014 errichtete Wohnhaus „House for trees“ ist ein Modellprojekt für die Integration tropischer Vegetation in die dichte urbane Struktur. Das Einfamilienhaus besteht aus fünf separaten Baukörpern, die sich um einen Hof gruppieren und an übergroße Blumentöpfe erinnern, denn oben wachsen Bäume aus ihnen empor. Wer in diesem Haus von einem Raum in den nächsten geht, nutzt den Außenraum. So werden Zwischenräume zum Teil der Architektur. Die Bewohner leben nicht klimatisiert und abgeschottet, sondern entwickeln ein Bewusstsein dafür, dass sie Teil der Stadt sind.

Wohnhaus | Ho Chi Minh Stadt | Vo Trong Nghia Architects Wohnhaus | Ho Chi Minh Stadt | Vo Trong Nghia Architects | Foto: Hiroyuki Oki Für Architekten heißt das, dass sie nicht nur das Einzelgebäude entwerfen, sondern die gesamte Stadt als „Innenraum“ in Betracht ziehen müssen. Die notwendige Vermittlung zwischen individuellen und gemeinschaftlichen, privaten und öffentlichen Bereichen, zwischen innen und außen, künstlich und natürlich erzeugt vielfältigere, komplexere Raumbeziehungen.

Sie nennen den experimentellen Umgang mit vorgefundenen Traditionen als Qualitätskriterium für soziale Architektur. Welche Rolle spielen internationale Einflüsse?

In einer vernetzten, globalisierten Welt fließen sie natürlich in die Arbeit ein. An erster Stelle sind in diesem Zusammenhang die Architekten Anna Heringer und Diébédo Francis Kéré zu nennen, die inzwischen selbst zu Stars geworden sind. Sie sind sehr wichtig als Vorbilder. Denn sie haben gezeigt, dass man in der Auseinandersetzung mit sozialen und klimatischen Problemen, mit der Umwertung vermeintlich „armer“ Materialien und Bauweisen, zu einer sehr eigenständigen Position kommen kann, die sogar international gewürdigt wird. Schließlich möchte man als Gestalter ja auch etwas bewirken und bewegen.

Was können westliche Architekten von vietnamesischen lernen?

Mit den zwei Vietnam-Ausgaben der Zeitschrift Arch+ wollten wir an einem konkreten Beispiel auf zwei globale Tendenzen hinweisen: Das erste Heft „Vietnam – Die stille Avantgarde“ richtet das Augenmerk auf ein neues soziales Engagement der Architektur, das sich als Ausgangspunkt einer Neufundierung der Disziplin erweist. Das zweite Heft „Vietnam – Die Rückkehr des Klimas“ konstatiert eine Wende im Umgang mit den Herausforderungen des Klimas. Statt klimatische Probleme konventionell technisch zu bearbeiten, lösen die jungen vietnamesischen Architekten sie kreativ mit architektonischen Mitteln.

Die beiden Hefte über Vietnam zeigen damit, dass neben dem sozialen Bauen das klimagerechte Entwerfen der Architektur den Weg zu einer neuen gesellschaftlichen Relevanz eröffnen kann. Sie mahnen zudem an, die Spannung zwischen regionaler und universaler Argumentation auszubalancieren und die Fallstricke zu erkennen, die der Rückbezug auf echte oder vermeintliche Traditionen mit sich bringt.  

Anh-Linh Ngo

Anh-Linh Ngo Foto: David von Becker ist Architekt, Autor sowie Mitherausgeber der Zeitschrift für Architektur und Städtebau ARCH+. Er unternahm 2015 auf Einladung des Goethe-Instituts eine Vortrags- und Recherchereise nach Vietnam. Im Herbst 2016 erschien die ARCH+ Ausgabe „Vietnam – Die stille Avantgarde“, im Februar 2017 das Heft „Vietnam – Die Rückkehr des Klimas“.