Cate Shortland Eine australische Filmemacherin blickt auf Deutschland

'Lore' (2012) von Cate Shortland.
'Lore' (2012) von Cate Shortland. | © Transmission Films

Cate Shortlands Lebenslauf mag bislang nur drei Spielfilme aufweisen; ihre zwei jüngsten Filme haben jedoch einen Handlungsort gemeinsam, der für australische Filmemacherinnen und Filmemacher alles andere als typisch ist: Deutschland. Nachdem Shortland sich 2004 mit dem in Snowy River spielenden 'Somersault – Wie Parfüm in der Luft' einen Namen gemacht hatte, brauchte es acht Jahre und einen Wechsel des Kontinents, bevor 'Lore' 2012 ihre Rückkehr ankündigte, und dann noch einmal fünf Jahre, bis 'Berlin Syndrome' 2017 dies ein zweites Mal tat. Der eine Film erzählt von dem Versuch einer Gruppe deutscher Geschwister, unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg nach Hamburg zu gelangen, der andere folgt an seinem titelgebenden Ort den Erlebnissen einer Backpackerin aus Brisbane.

Der Sprung von einem in der australischen Folklore verewigten Ort auf die andere Seite der Welt mag auf den ersten Blick ungewöhnlich wirken, könnte aber nicht besser zu Shortlands wiederkehrenden Themen passen. Sowohl Lore als auch Berlin Syndrome richten den Blick auf Protagonistinnen, die unter schwierigen äußeren Bedingungen gezwungen sind, ihr Weltbild zurechtzurücken. Es sind Geschichten des Überlebens, die sich einer Unterdrückung ideologischer Art entgegenstellen. Wo besser, dies deutlich zu machen, als in einem Land, das mit denselben Problemen rang, sie durchstand und aufblühte?

Das Gewicht der Geschichte

In der Tat ist es unmöglich, Shortlands Wahl ihres Handlungsorts vom Gewicht der Geschichte zu trennen. Wie kein Besucher Deutschlands umhinkommt zu bemerken, hält die Nation selbst an ihrer unverbrüchlichen Verpflichtung fest, den Zweiten Weltkrieg nicht einfach im kollektiven Gedächtnis verschwinden zu lassen. Harsche Realitäten zu vergessen ist einfacher, als ihnen ins Auge zu sehen – eine Situation, gegen die sich jedes den Gräueln gewidmete Monument, jede Gedenktafel an einem Touristenziel und jedes verbleibende Stück der Berliner Mauer wehrt. Shortland ist bestrebt, diese Erfahrung zu reproduzieren, indem sie Geschichten von Menschen erzählt, die genau dies tun, und sicherstellt, dass ihr Publikum ihnen darin folgt.

'Lore' (2012) von Cate Shortland. 'Lore' (2012) von Cate Shortland. | © Transmission Films In Lore sieht sich ein junges Mädchen, die in einem Nazihaushalt aufgewachsene Hannelore Dressler (Saskia Rosendahl), gezwungen, ihre Weltsicht zu verändern und die Hilfe eines KZ-Überlebenden in Anspruch zu nehmen, um ihre vier Geschwister in Sicherheit zu bringen. Zum Kinostart sprach Shortland in einem Interview mit Time Out offen über die Schwierigkeit, sich mit der anderen Seite des Konflikts zu befassen und die Zuschauer aufzufordern, sich in einen indoktrinierten Teenager einzufühlen. „Ich wusste, dass es so perfekt wie nur irgend möglich werden musste, weil wir uns nicht mit den Opfern beschäftigen. Wir beschäftigen uns mit der anderen Seite. Man muss schon sehr in sich gehen“, gestand sie freimütig.
 
Lore mag unumwunden vom Kampf gegen eine aufgezwungene Denkungsart erzählen, ist deshalb aber noch lange kein aufzwingender Film. Er lässt kein Entkommen aus seiner Kontemplation des zweiten großen Krieges des zwanzigsten Jahrhunderts zu, spielt er doch genau zu dem Zeitpunkt, als der Konflikt endet; genauso wenig entkommt man jedoch seinen breiteren Anliegen. Durch Gefahren und Widerstand hindurch inspiriert jede Etappe auf Lores Weg zu Fragen. Ihr suchender Verstand ist bestrebt, ihre schwierige Lage zu verstehen, aber das erweist sich als eine alles andere als leichte Aufgabe. Shortland lenkt unsere Aufmerksamkeit auf diesen Prozess – in der Tat besteht, wenn man von externen Bedrohungen absieht, der Großteil der dramatischen Wucht des Films aus Hannelores moralischem und intellektuellem Dilemma. Das entstehende Porträt erweist sich letztlich vor allem als eines von Widerstands- und Anpassungsfähigkeit, die auf die Protagonistin des Films ebenso zutreffen wie auf ihr Land.

Die Vergangenheit in der Gegenwart sehen 

Mit Berlin Syndrome begibt sich Shortland in eine Zeit sieben Jahrzehnte nach dem Krieg, ohne seine Auswirkungen aus dem Blickfeld verschwinden zu lassen. Auch ihr Fokus auf die Psychologie, die sich aus schwierigen äußeren Umständen ergibt, ist unverändert. In ihrer Kinoadaption des gleichnamigen Romans konfrontiert Shortland ihre Hauptfigur nicht einfach mit einer problematischen Geisteshaltung, sondern lässt sie langsam darin eintauchen. Ihre Absicht ist nach wie vor, ein Bild von Durchhaltevermögen und der Überwindung negativer Einflussfaktoren zu zeichnen, in diesem Fall aber aus dem Blickwinkel einer Gesellschaft ohne größere Probleme statt einer, die sich mitten im Krieg befindet.

Teresa Parker und Max Riemelt in 'Berlin Syndrome' (2017) Teresa Parker und Max Riemelt in 'Berlin Syndrome' (2017) | © eOne Films In Berlin Syndrome trifft Clare (Teresa Palmer) mit dem überschwänglichen Enthusiasmus einer Touristin in einem fremden Land in Berlin ein; ihre Erkundungsmöglichkeiten werden jedoch plötzlich und unerwartet eingeschränkt, als sie Andi (Max Riemelt) kennenlernt, die beiden eine Romanze beginnen und er sie zu seiner Gefangenen macht. „Mich fasziniert, wie sie ihre Situation transzendiert“, erklärte Shortland Women in Hollywood gegenüber, als der Film 2017 auf dem Sundance Film Festival gezeigt wurde. Sie fuhr fort: „Wie die Geschichte stets gegenwärtig ist. Wie sowohl Andi als auch Clare zunehmend von der Psychologie der Gefangenschaft beherrscht werden – er als Gefangennehmender und sie als seine Gefangene. Clare kann auf nichts und niemanden zählen. Letztendlich konnte ich mich ihrer Widerstandsfähigkeit nicht entziehen. Sie ist eine Überlebende.“
 
Mit seinem an das Syndrom angelehnten Titel, das Geiseln sich mit ihren Geiselnehmern verbünden lässt, macht Berlin Syndrome aus seiner Perspektive von Anfang an kein Geheimnis. Allein anhand des Filmtitels weiß das Publikum bereits, dass Clare sich mit der Frage quälen wird, wie sie mit ihrer Gefangensetzung umgehen soll. Manchmal kämpft sie gewaltsam gegen Andi. Dann wieder stellt sie fest, dass sie mitspielt. Das Umschlagen vom einen ins andere liefert eine komplexe Beschreibung eines komplizierten Zustands und wirft auch ein Schlaglicht auf den Konflikt, der entsteht, wenn jemand plötzlich genötigt wird, sich an eine aufgezwungene Doktrin zu halten. Shortlands Wahl von Deutschland als Handlungsort verweist auf die beiden Extreme, die aus Clares Notlage entstehen: Einmal mehr wirft die Geschichte ihre Schatten und erinnert an düstere Zeiten, aber daneben steht auch das Wissen, dass Befreiung und Aufblühen möglich sind.

Durch ein Fenster spähen 

Neben diesen gemeinsamen Themen weisen Lore und Berlin Syndrome auch noch einen weiteren Berührungspunkt auf, der erhellt, wie und warum sich Shortlands Faszination für Deutschland auf der Leinwand abspielt. Wenn man Aufmerksamkeit dafür erzeugen möchte, wie ein Land ideologische Auseinandersetzungen überwunden hat und welche Relevanz dies für die heutige Zeit haben könnte, ist es unabdingbar, sicherzustellen, dass die Zuschauer für ein genaueres Hinsehen gerüstet sind. Vor diesem Hintergrund ist es kein Zufall, dass Shortland ihre Figuren ihre Umgebung häufig durch einen Rahmen in Augenschein nehmen lässt, auch wenn dieser eine Glasscheibe umgibt und keine Kinoleinwand.

Unheimlich ähnlich: Bilder aus 'Berlin Syndrome'... Unheimlich ähnlich: Bilder aus 'Berlin Syndrome'... | © eOne Films ...und 'Lore'. ...und 'Lore'. | © Transmission Films In der Tat begegnen wir Hannelore beim ersten wirklichen Blick, den uns Lore auf sie gewährt, als sie aus dem Fenster die Rückkehr ihres Vaters beobachtet. Sie wird im Lauf des Films auch weiterhin Blicke durch andere Fenster erhaschen, die mehr oder weniger buchstäblich ihren Blick erweitern. Was Clare in Berlin Syndrome angeht, so lässt sie nach ihrer Ankunft den Blick zunächst regelmäßig über Berlin schweifen, bis Andi ihr ihre Freiheit nimmt und sie darauf beschränkt, die Stadt nur noch durch Glas wahrzunehmen. In der Tat versetzt Kino Filmemacher und Kinobesucher in dasselbe Szenario. Ob man Filme macht oder sieht, man blickt durch eine Art Portal auf eine andere Welt. Shortland fordert diejenigen, die ihre Filme sehen, nicht nur dazu auf, mit derselben Intensität wie ihre Figuren in Deutschland hinzuschauen – sie zeigt ihnen, dass dies nichts weniger als eine Notwendigkeit ist.