Woollahra Das geheime Leben des Goethe-Instituts

Das Goethe-Institut in 90 Ocean Street
Das Goethe-Institut in 90 Ocean Street | © Sophia Höff

So selbstverständlich wie wir das Goethe-Institut in Sydney betreten, wenn wir zur Arbeit gehen oder einen Sprachkurs besuchen, könnte man meinen, dass es nur für uns dort steht. Doch es hat eine eigene Geschichte, die es sich zu entdecken lohnt.

Als hätten wir es nicht immer schon gewusst:  Die Häuser, in denen wir leben und arbeiten, haben eine Geschichte vor uns gehabt und werden ihre Geschichte vermutlich ungerührt ohne uns fortsetzen. Sie haben ihre Vergangenheit nie verborgen und doch... Wenn wir der seltsam vertrauten Anordnung der Zimmer folgen, wenn wir den Stuck an den Wänden betrachten oder auf den Garten hinabschauen – überall finden wir die Spuren einer vergangenen Zeit und die Handschrift fremder Menschen wieder. Es ist eine geheime Geschichte, die wir im Alltag vielleicht nicht einmal wahrnehmen. Doch es lohnt sich ihren Spuren zu folgen. Was ist die Geschichte des Hauses in der Ocean Street 90 im Stadtteil Woollahra?

In den 1920er Jahren waren schon Parkmöglichkeiten gefragt Ansicht des Gebäudes damals und heute In den 1920er Jahren waren schon Parkmöglichkeiten gefragt | © Woollahra Council, Local History Digital Archive

Zurück zu den Anfängen

Die Ursprünge des Hauses gehen zurück auf den legendären Captain John Piper, der die Anfänge der Kolonie New South Wales maßgeblich mitbestimmte. Wegen seiner Verdienste bewilligte ihm Gouverneur Lachlan Macquarie sogar einige Ländereien. Um 1826 gehörten zu seinem Besitz auch 1190 Morgen in Woollahra, wo sich heute das Goethe-Institut befindet. Das ist gut dokumentiert, denn wegen finanzieller Schwierigkeiten musste Piper im besagten Jahr das Land an das aufstrebende Import- und Exportunternehmen Cooper & Levey verkaufen. Seit 1825 hatten Daniel Cooper und Salomon Levey die Firma Lachland & Waterloo Co. unter eigenem Namen neu aufgezogen und feierten riesige Erfolge. Das ist recht beachtlich, wenn man bedenkt, dass beide als Sträflinge nach New South Wales kamen und Cooper erst 1821 vollständig begnadigt wurde. 1830 wurden Coopers und Leveys Rechte auf das Land offiziell bestätigt. Schon zu dieser Zeit wurde eine Grundstücksfläche zur Vermietung abgeteilt, die etwa dem heutigen Umfang unseres Geländes entspricht. Die Parzelle wurde jeweils von der Jersey Road, der Ocean Street und der Trelawney Street begrenzt. 1947 ging das gesamte Land an Daniel Cooper, dessen Erben es nach seinem Tod verwalteten.

Manch einer mag sich fragen, was es eigentlich mit diesem merkwürdigen Namen „Woollahra“ auf sich hat. Der geht auf diese Familie zurück: Die Coopers tauften nämlich ihre Familienresidenz „Woollahra“, was als „Aussichtspunkt“ übersetzt werden kann. Der gerade entstehende Verwaltungsbezirk erhielt kurzerhand denselben Namen.

Tafel am Haus des Ratsschreibers Tafel am Haus des Ratsschreibers | © Sophia Höff Die Pächter, die die Parzelle in der Ocean Street, Ecke Jersey Road mieteten, scheinen sie nicht in dem Sinne bebaut zu haben, wie es der Erbpachtvertrag vorsah. Demnach sollte nämlich ein Steinhaus von nicht weniger als acht Räumen erbaut werden. Das Grundstück lag jedoch mehr oder weniger brach, als die Gemeindeverwaltung von Woollahra ein Gutachten zum Grundstück erstellen ließ. Die Gemeindeverwaltung war auf der Suche nach einer Immobilie. Denn als sie im April 1860 gegründet wurde, war die Frage offen, wo sie sich versammeln sollte. Es stellte sich heraus, dass zu dieser Zeit ein gewisser Captain John Broomfield das Grundstück pachtete. Broomfield war ein Seemann, der sich auf Handel spezialisierte und in der Lokalpolitik von Denison Ward mitwirkte. Es machte ihm wenig aus, einen Teil des ungenutzten Pachtlandes an die Bezirksverwaltung abzugeben, und so beschloss der Woollahra Bezirksrat am 13. August 1861, das Land für 80 Pfund von Broomfield abzukaufen. So wie viele andere Investoren in Woollahra baute der Bezirksrat also auf Pachtland der Cooper Familie. Erst Anfang des Jahres 1900 konnte der Rat über die Parzelle als freien Grundbesitz verfügen.

Ein Haus entsteht

Es dauerte über ein Jahr, bis sich der Rat am 14. Oktober 1862 auf die Baupläne eines Architekten einigen konnte: Die Wahl fiel auf Harold Brees. 1863 begannen die Bauarbeiten; kurz darauf überwarf man sich jedoch mit Brees über die Frage der angemessenen Materialien. Der Architekt Oswald Lewis erwies sich als konziliant und führte den Bau 1864 erfolgreich zum Abschluss. Am 24. Februar 1864 konnte der Bezirksrat die Räumlichkeiten beziehen.
 
Residenz des Ratsschreibers Residenz des Ratsschreibers damals und heute Residenz des Ratsschreibers | © Woollahra Council, Local History Digital Archive

Das Ergebnis kann sich sehen lassen: Markant im Winkel zweier Straßen gelegen, öffnet sich der Blick zur ausladenden Frontseite des Gebäudes hin. Von drei Linien begrenzt, bildet der Garten die ungewöhnliche Form eines Dreiecks. Erst auf den zweiten Blick erkennt man, dass das Gebäude nicht allein steht, sondern in seinem Rücken weitere Gebäude angrenzen. Auch für den Ratsschreiber war gesorgt, der residierte nämlich direkt neben dem Bezirksratsgebäude in der Ocean Street. Eine Verbindungstür bescherte ihm den kürzesten Arbeitsweg aller Ratsmitglieder. Auf der Seite der Trelawney Street befand sich das Depot. 1868 bekam der Ratsschreiber einen Nachbarn, denn an der Trelawney Street Ecke, Jersey Road wurde ein Gebäude für einen Aufseher errichtet.

Während der 1920er Jahre wurde die Aussicht auf das Hauptgebäude von einem 1,80 Meter hohen, deutschen Schiffsgeschütz dominiert. Es war eine Kriegstrophäe, die während des Ersten Weltkrieges von australischen Militärs in Frankreich eingenommen wurde. Am 29. Mai 1921 wurde sie zeremoniell enthüllt. Im Zuge größerer Renovierungen gelangte sie 1930 auf den Militärstützpunkt South Head. In der Lokalpresse wurde dieser Schritt positiv gewertet. Die Sydney Morning Herald berichtete am 29.04.1933: „Noch vor zwei Jahren beherbergte die Bepflanzung eine riesige, hässliche Kanone, die nun an einen angemesseneren Ort gebracht wurde; und  - dank der Anstrengungen des Verwaltungstechnikers sowie des Gärtners – wurde dieses belanglose Stückchen Land in eine Oase der Schönheit verwandelt.“

Ansicht des Bezirksratsgebäudes um 1926 Ansicht des Bezirksratsgebäudes um 1926 | © Woollahra Council, Local History Digital Archive

Das Goethe-Institut zieht ein

Über 80 Jahre nach Einweihung des Bezirksratsgebäudes zog die Bezirksverwaltung 1947 nach Redleaf in Double Bay um. Die Räumlichkeiten des Hauptgebäudes wurden in der Zwischenzeit an das Maschinenbauunternehmen Clyde Industries vermietet. 1954 bekundete Clyde Industries Interesse am Kauf sowohl des Hauptgebäudes als auch der Ratsschreiber-Residenz. Der Kauf ging 1954 vonstatten. Der dreieckige Garten blieb wie das Depot und das Aufseher-Häuschen im Besitz der Bezirksverwaltung. Clyde Industries verkaufte bald seine Immobilie und das Haus sah verschiedene, wenig sesshafte Eigentümer, bis es 1976 die Bundesrepublik Deutschland kaufte und das Goethe-Institut einzog. Mit seiner 42-jährigen Präsenz in der Ocean Street, Ecke Jersey Road gehört das Goethe-Institut zweifellos zu seinen treueren Bewohnern.

Wohnkomplex 86 Ocean Street Wohnkomplex 86 Ocean Street | © Sophia Höff Euroka Resort Euroka Resort | © Sophia Höff Was ist mit den anderen Gebäuden des Bezirksrates geworden? Das Depot sowie das Aufseher-Häuschen mussten einem Wohnhauskomplex weichen. Und der Garten? Der gehört noch immer dem Bezirksrat und ist heute ein öffentlicher Ort. Er konnte sich gegen diverse Straßenbauprojekte behaupten. Die Gaslaternen aus dem Jahr 1908 wurden zwar abmontiert, aber die Bänke und der kleine Teich aus dem Jahr 1930 laden nach wie vor zum Verweilen ein. Der Name, den der Garten 1972 erhalten hat, ist zweifellos begründet: „Euroka“ bedeutet in der Sprache der Dharug „sonniger Platz“.

Häuser scheinen tatsächlich ein eigenes Leben zu führen, gemessen in eigenen zeitlichen Dimensionen. Der Besitzanspruch, den jemand auf ein Haus richtet, ist da relativ. Dennoch leben sie nicht losgelöst, sondern lassen sich von ihren Besitzern gestalten und bewohnen. So sind sie immer auch ein Spiegel der Zeitgeschichte.