Aboriginal Kunst in Sydney Traumzeiten in der zeitgenössischen Kunst

Steingravur der Aboriginals auf dem Gelände des Bondi Golf & Diggers Club
Steingravur der Aboriginals auf dem Gelände des Bondi Golf & Diggers Club | © Sophia Höff

Auf den Klippen, an denen sich schroff die Wellen des Pazifischen Ozeans brechen, wo der Wind die trockenen Gräser peitscht und das Gebrüll des Meeres heraufträgt, dort befindet sich eine jahrtausendealte Steingravur der Aboriginals.

Ich habe die Surfer und Sonnenanbeter am Bondi Beach zurückgelassen, bin den pittoresken Hügeln einer Golfanlage gefolgt, bis ich die besagte Stelle erreicht habe. Als ich die Felsplatten am Boden betrachte, schaut mir ein Wal entgegen. Eine Stimme in meinem Kopf referiert, was ich während einer Tour durch die ‚Aboriginal and Torres Strait Islander' Ausstellung in der Art Gallery of New South Wales (AGNSW) erfahren habe: Die Aboriginals haben eine der weltweit ältesten lebenden Kulturen. Ehrfurchtsvoll gleitet mein Blick die Klippen hinab und ich schlage meinen Reiseführer auf, der mir erklärt, dass dieser Ort womöglich einmal zeremonielle Bedeutung hatte. Die Gravuren stellen einen Wal, einen Hai und einen Mann dar, der einen Fisch in der Hand hält. Es könnte sich um die Darstellung einer Haiattacke handeln. Ich betrachte die Steinplatten erneut, denn man sieht nur was man weiß.

Eine jahrtausendealte Kultur

Als ich über den Golfplatz zurückgehe, frage ich mich, aus welcher Zeit diese Gravuren wohl stammen. Auf der Museumstour habe ich erfahren, dass einige der indigenen Höhlenmalereien, die es in ganz Australien gibt, bis zu 60.000 Jahre alt sind. Die Kultur der Aboriginals hat sich in verschiedenen künstlerischen Ausdrucksformen wie Höhlenmalerei, Steingravur und Tanz manifestiert. Auf diese Weise haben sie ihre Traditionen und Glaubensvorstellungen über Jahrtausende tradiert. Die verwendeten Designs haben sakrale Bedeutung. Sie beziehen sich auf Begebenheiten aus der Zeit ihrer Vorfahren, die der umgebenden Landschaft Form und Bedeutung gegeben haben.
 
Kein Wunder also, dass die indigene Bevölkerung ihr angestammtes Gebiet vor Bergbau und anderer Usurpation bewahren wollte. Ein signifikantes Beispiel dafür ist die sogenannte Yirrkala Bark Petition aus dem Jahr 1963. Der Streit für ihre Rechte führte die Yirrkala Community bis zum obersten Gericht, wo sie schließlich mit Verweis auf das ‘Terra nullius‘-Prinzip abgewiesen wurde. Dieses Prinzip ist aus dem römischen Recht entlehnt und besagt, dass niemandem ein Land gehört, solange es nicht der Hoheitsgewalt eines Staates oder eines Herrschers unterstellt ist. Erst 1992 wurde der Anspruch indigener Australier auf ihr Land offiziell anerkannt.

Vernissage „The Bold and The Beautiful“ in der Cooee Art Gallery in Paddington Vernissage „The Bold and The Beautiful“ in der Cooee Art Gallery in Paddington | © Sophia Höff

Zeitgenössische Kunst

Wie so viele vor mir hat es mich nach Australien gezogen, um die zeitgenössische Kultur der Aboriginals näher kennenzulernen. Bei meinem ersten Streifzug durch die Innenstadt passiere ich spätviktorianische Wohnhäuser mit hübschen Ornamenten und geschwungenen Metallgeländern sowie moderne, gläserne Wolkenkratzer, ohne jedoch etwas von der indigenen Kultur entdecken zu können. Daher informiere ich mich vor meinem zweiten Streifzug ausführlich und stoße dabei auf die Cooee Art Gallery. In den 1980er Jahren gegründet, ist sie eine der ältesten Galerien für zeitgenössische indigene Kunst in Australien. Das klingt vielversprechend, denke ich mir, und besuche die Vernissage The Bold & The Beautiful der Künstlerin Kitty Napanangka Simon.

Mit einem Glas Rosé in der Hand betrachte ich die abstrakten, farbenfrohen Gemälde. Ich kann es kaum erwarten, mehr zu ihrem Hintergrund zu erfahren. Von der Museumsführung her weiß ich, dass die zeitgenössische Kunst von Aboriginals oftmals die Traumzeit ihres Clans widerspiegelt. Die Traumzeit beschreibt die Begebenheiten, denen traditionell in Zeremonien gedacht wird.
Von entscheidender Bedeutung für die Entwicklung der zeitgenössischen indigenen Kunst war der Lehrer Geoffrey Bardon. In den frühen 1970er Jahren trat er eine Stelle in der entlegenen Siedlung Papunya, in der Nähe von Alice Springs, an. Er ermunterte seine Schüler dazu, ihre traditionellen Sandbilder auf die Leinwand zu bringen. Mit nicht weniger Erfolg initiierte er anschließend den “Men's Painting Room”. Daran knüpften die Ältesten der Community an, was den Beginn der „Western Desert Painting”-Bewegung markierte. Die Formen und Muster, die zeremoniell in Sand oder auf den Körper gemalt wurden, fanden sich nun in den Gemälden wieder. So individuell die Traumzeit ist, so unterschiedlich sind auch die künstlerischen Ausdrucksformen. Auf diese Weise fanden die Aboriginals in Zeiten, in denen es ihnen nicht gestattet war ihre Identität auszuleben, einen Weg ihre Traditionen zu bewahren.

Uta Uta Tjangala: Untitled (Jupiter Well to Tjukula), 1979, Art Gallery of New South Wales Uta Uta Tjangala: Untitled (Jupiter Well to Tjukula), 1979, Art Gallery of New South Wales | © Sophia Höff Zu den Gründungsmitgliedern der Künstlerbewegung gehört Uta Uta Tjangala. Er hatte seinen Clan in den 1950er Jahren nach Papunya geführt. Die kirchlichen Missionen betrieben Filialen in Sydney und Melbourne. Als sie manche der Gemälde zum Verkauf anboten, stellte sich heraus, dass es einen Markt dafür gab. Bald eröffneten Kunstzentren in entlegenen Regionen.
 
Die Community der Warlpiri, zu der auch Kitty Napanangka Simon gehört, war eine der ersten, die sich der „Western Desert Painting”-Bewegung anschlossen. Die Community erstreckt sich über zwei Outstations: Auf den gegenüberliegenden Seiten der Tanami Wüste liegen Lajamanu und Yuendumu. Die Ältesten der Warlpiri gründeten parallel zur Künstlerbewegung in Papunya 1971 ein Museum für kulturelle, indigene Artefakte. Das Gebäude selbst wurde für zeremonielle Anlässe hergerichtet und schließt großflächige Wandmalereien ein. 2015 wurde das “Yuendumu Men’s Museum” neu eröffnet.

Die Traumzeit der Warlpiri

Die Geschichte, die Simon in all ihren Werken darstellt, ist eine zentrale Traumzeit der Warlpiri, erläutert Mirri Leven, die Direktorin der Galerie. Traumzeit heißt in der Sprache der Warlpiri Jukurrpa. Es geht um das „Mina Mina“-Jukurrpa. Mina Mina ist ein heiliges Gebiet in der Nähe des Lake Mackay im Northern Territory. Ein Gebiet, das größtenteils aus Salzseen, Lehmpfannen und Sandhügeln besteht. Die „Mina Mina“-Traumzeit gehört zu zwei unterschiedlichen Frauengruppen, den Napangardi und den Napanangka.

Die Gemälde zeigen eine Landschaft, als würde man sie aus großer Höhe betrachten. Ortskundige erkennen die Region natürlich an seinen signifikanten Merkmalen wieder. Für die Aboriginals war das Wissen um Wasserressourcen, Pflanzen und Tiere überlebenswichtig und es wurde entsprechend sorgsam über die Generationen hinweg tradiert.
 
Die Traumzeit erzählt von einer Gruppe von Frauen, die von Mina Mina aus nach Osten wandern, dem Anbruch des Tages entgegen. Die Punkte auf dem Gemälde symbolisieren die Stellen, wo Karlangu (Grabestöcke) aus der Erde emporgewachsen sind. Die Frauen breiten die Grabestöcke vor sich aus, während sie singend und tanzend das Land durchschreiten. Dabei sammeln sie Pflanzen am Wegesrand als Medizin oder verwandeln sie in zeremonielle Objekte. Der Rhythmus ihrer Tänze dringt vibrierend in die Erde ein und lässt Sandhügel und Wasserläufe entstehen. Das Wasser, das sich in Salz- und Lehmpfannen sammelt, ist durch die runden Kreise repräsentiert. Bedeutende Kultstätten und Traumzeiten sind mit dieser Wanderung verbunden. Die Traumzeit ist kein längst vergangenes Ereignis. Sie ist in Zeremonien gegenwärtig, die noch heute gemäß den überlieferten Gesetzen vollzogen werden. Simon selbst ist eine der leitenden Wächterinnen des Mina Mina und eine Hüterin des Frauengesetzes der Warlpiri. Mit ihrem Stil greift sie das Yawulyu auf, das rituelle Design der Warlpiri-Frauen.
 
Es gibt eine Reihe von bekannten Künstlern wie Dorothy Napangardi, Judy und Maggie Napangardi Watson, die verschiedene Aspekte der „Mina Mina“-Traumzeit darstellen. Doch im Gegensatz zu Simon bilden sie das Geschehen vom Osten her blickend ab.

Dorothy Napangardi: Salt, 2004, Cooee Art Gallery Dorothy Napangardi: Salt, 2004, Cooee Art Gallery | © Sophia Höff „Kittys Gemälde sind ganz anders als der Lajamanu-Stil, aber das Wamayaka Art Centre hat immer ein oder zwei kontroverse Künstler in seinen Reihen gehabt“, heißt es im Ausstellungskatalog. Ich freue mich schon darauf, weitere Künstler kennenzulernen.