Wohnungsmarkt in Berlin Airbnb – Fluch oder Segen?

Altbauten in Berlin
Altbauten in Berlin | Foto (Zuschnitt): © Adobe

Verschärft das Onlineportal Airbnb die Wohnungsnot in Berlin? Drei Studenten sind dieser Frage mit Hilfe von Datenanalysen nachgegangen. Sie kommen zu einem überraschenden Ergebnis.

In nahezu keiner deutschen Stadt sind die Mieten in den letzten Jahren so rasant gestiegen wie in Berlin, bezahlbarer Wohnraum wird in der einst für ihre günstigen Mieten bekannten Hauptstadt immer knapper. Alles andere als knapp ist dagegen das Angebot an Bleiben für Touristen: Allein auf der Home-Sharing-Plattform Airbnb werden pro Tag über 10.000 Unterkünfte zur Miete angeboten. Der Großteil dieser Angebote sind komplette Wohnungen.

Das hat zu heftigen Debatten und 2014 sogar zu einer Gesetzesänderung geführt: Denn die Plattform, die ursprünglich für Privatleute gedacht war, die kurzzeitig ihre Wohnung oder ein Zimmer zwischenvermieten möchten, wird verstärkt für reine Urlaubsunterkünfte genutzt. Für viele Berliner lohnt es sich, alte Mietwohnungen zu behalten, auch wenn sie längst nicht mehr darin wohnen, um sie teurer als Ferienwohnung unterzuvermieten. Auch Vermieter können mehr Einnahmen generieren, wenn sie ihre Wohnungen kurzfristig an Urlauber vermieten statt an reguläre Mieter. Insbesondere Letztere sollen massiv zur Wohnraumverknappung beitragen. Aber stimmt das?
 
Inmitten einer hitzigen Debatte über die Rechte von Sharing-Economy-Portalen haben drei Design-Studenten der Fachhochschule Potsdam beschlossen, mittels einer Datenanalyse einen genaueren Blick auf das Angebot von Airbnb zu werfen. Wichtig war ihnen dabei die Frage, wie viele Anbieter mehrere Wohnungen vermieten – denn das kann ein Hinweis darauf sein, dass es sich hier nicht nur um Privatwohnungen handelt. Zu welchem Ergebnis sie gekommen sind, erklärt Alsino Skowronnek, einer der drei Projektleiter, im Interview.
 
Euer Datenprojekt „Airbnb vs Berlin“ hat für einige Schlagzeilen gesorgt. Hat Airbnb sich eigentlich mal bei Euch gemeldet?

Die haben sich tatsächlich bei uns gemeldet, und zwar 2015 kurz nach der ersten Veröffentlichung. Airbnb hat uns eine Mail geschrieben und uns gefragt, wo wir die Daten her hätten. Da haben wir erst mal gestutzt.
 
Und dann gab es Ärger?

Nein, eigentlich ein Jobangebot. Sie haben uns in ihr Berliner Büro eingeladen und wollten mehr über unser Projekt wissen. Ich glaube, sie fanden das eigentlich gut. Auch wenn Airbnb natürlich eine andere Lesart der Daten hat als wir. Wir haben ja auch nur öffentlich zugängliche Daten genutzt: Wir haben die Angebote an Zimmern und Wohnungen, die es zu dieser Zeit auf Airbnb gab, über eine API-Schnittstelle ausgelesen. Ein Job kam für uns aber nicht infrage. Wir, also Jonas Parnow, Lucas Vogel und ich, haben zu dieser Zeit – 2015 – auch noch an der Fachhochschule Potsdam studiert.
 
Euer Airbnb-Projekt ist in einem Kurs zum Thema Datenvisualisierung und Digital Storytelling entstanden. Warum habt Ihr das Thema gewählt?

Zu dieser Zeit ging in Deutschland gerade die Debatte los, ob Airbnb gut oder schlecht für Städte ist. Vor allem ob solche Plattformen die Wohnungsnot verschärfen oder die Mietpreise erhöhen, war ein großes Thema.
 
Die Diskussion gibt es im Prinzip bis heute. 

Ich war zu der Zeit sogar persönlich betroffen, weil ich gerade auf Wohnungssuche war. Im Wrangelkiez in Kreuzberg, wo ich gewohnt habe und bleiben wollte, habe ich nichts gefunden. Dann bekam ich den Tipp, erst mal eine Airbnb-Wohnung zu mieten. Mich hat es schon sehr überrascht, wie viele Angebote es auf Airbnb gab, vor allem in den begehrten Vierteln, während man auf dem normalen Wohnungsmarkt kaum etwas findet. Deshalb hat mich interessiert, wie groß das Phänomen Airbnb in Berlin eigentlich ist.
 
Ihr habt die Angebote an Zimmern und Wohnungen auf Airbnb analysiert. Welche Erkenntnisse hattet Ihr?

Wir haben uns zum Beispiel angeschaut, wie teuer die Angebote sind, in welchen Stadtteilen es sie gibt und wie viele Inserate die Anbieter einstellen. Besonders interessant fand ich, dass das von Airbnb verbreitete Image wenig zu den Daten gepasst hat. Die werben ja damit, dass man Urlaub bei Freunden machen könne – als wäre das eine sehr private Angelegenheit. Aber wir konnten zeigen, dass auf der Plattform vor allem professionelle Anbieter aktiv waren. Die haben zum Teil mehr als 30, 40 Wohnungen über Airbnb angeboten. Das hat mit Studierenden, die ab und zu mal ihr Zimmer untervermieten, wenn sie im Urlaub sind, nichts zu tun.
 

Einige Anbieter bieten mehr als 30 Wohnungen über Airbnb an. Einige Anbieter bieten mehr als 30 Wohnungen über Airbnb an. | Foto: © Airbnbvsberlin Schon 2014 hat die Stadt Berlin das sogenannte Zweckentfremdungsverbots-Gesetz erlassen, um zu verhindern, dass Wohnraum in Ferienappartements umgewandelt wird. Aber erst nach einer Übergangszeit ist das Gesetz im Mai 2016 endgültig wirksam geworden.

Das war der Grund, warum wir uns die Daten im Zeitverlauf auch nochmal angeguckt haben. Interessant war, dass 2015 die Angebote erstmal stetig gestiegen sind. Ein, zwei Monate vor Mai 2016 ist es dann rapide gesunken. Es gab innerhalb kurzer Zeit 40 Prozent weniger Wohnungen und Zimmer in Berlin, die über Airbnb angeboten wurden.
 
Also hat das Gesetz gewirkt?

Kurzfristig schon. Aber man sieht, dass in den Monaten darauf die Angebote schon wieder zunehmen. Das liegt vermutlich auch daran, dass es in den Medien Berichte gab, die Stadt sei komplett überfordert mit dem Aufspüren von illegalen Angeboten. Zeitweise sind Teile des Gesetzes als verfassungswidrig eingestuft worden, da wurde dann nachgebessert. Aber meiner Meinung nach ist das Gesetz immer noch nicht gut gemacht, weil es nicht wirklich unterscheidet zwischen professionellen Anbietern und Leuten, die ab und zu mal untervermieten, wenn sie in den Urlaub fahren. Vor allem die professionellen
Anbieter sind ja ein Problem für die Städte, weil dort dem Mietmarkt Wohnraum entzogen wird.
 
Welches Fazit ziehst du aus den Ergebnissen für dich?

Als ich selbst auf Wohnungssuche war, hatte ich das Gefühl, dass Airbnb in Berlin ein riesiges Phänomen ist. Das ist es aber nicht überall, sondern vor allem in ein paar bestimmten Kiezen in Kreuzberg, Mitte, Neukölln oder Prenzlauer Berg. Auch das haben unsere Daten gezeigt: Der Airbnb-Hype konzentriert sich auf wenige Hotspots in der Stadt. Auf ganz Berlin bezogen sind nur 0,4 Prozent aller Wohnungen auf Airbnb angeboten worden.
 
0,4 Prozent klingt nun erst einmal wenig, in absoluten Zahlen kommt man jedoch auf eine ziemlich stattliche Anzahl an Wohnungen, insbesondere in den begehrten Innenstadtvierteln. Würdest Du also sagen, dass Airbnb die Wohnungsnot in Berlin verschärft?

Ich denke, dass es für Wohnungsknappheit und steigende Mieten viele Gründe gibt. Allein Airbnb verantwortlich zu machen, ist meiner Meinung nach zu kurz gegriffen. Ich würde es eher so formulieren, dass Airbnb ein Katalysator ist für Veränderungen, die in einigen Kiezen stattfinden. Beispiel Wrangelkiez: Früher war das Viertel gemischter, es gab mehr Gemüsehändler und kleine Geschäfte. Inzwischen gibt es dort immer mehr Cafés für die vielen Touristen, Stichwort Gentrifizierung oder Touristifizierung. Airbnb beschleunigt aus meiner Sicht solche Veränderungen.
 

In Berlin werden deutschlandweit die meisten Airbnb-Wohnungen angeboten. In Berlin werden deutschlandweit die meisten Airbnb-Wohnungen angeboten. | Foto: © Airbnbvsberlin

 

 

Airbnb vs. Berlin

Das Projekt „Airbnb vs. Berlin“ wurde von den Design-Studenten Alsino Skowronnek, Lucas Vogel und Jonas Parnow während eines Datenjournalismuskurses an der Fachhochschule Potsdam entwickelt. Um zu untersuchen, inwieweit das Angebot des Mietportals Airbnb die Wohnungsnot in Berlin verschärft, haben sie die öffentlichen Daten des Portals ausgewertet und die Ergebnisse auf der Website airbnbvsberlin.de in Texten, Diagrammen und Infografiken aufbereitet. Die Website informiert nicht nur über die Zahl der Airbnb-Wohnungen in Berlin, ihre Lage und Preise, sondern stellt auch dar, wie viele Anbieter mehrere Wohnungen gleichzeitig anbieten. Das Projekt wurde 2016 für den „Grimme Online Award“ nominiert, in der Begründung heißt es: „Tragen Portale wie Airbnb dazu bei, dass in Berlin die Wohnungen knapp werden und die Mieten in die Höhe schießen? Die Debatte wird nicht nur unter den Anwohnern, sondern auch auf politischer Ebene geführt. Die Seite ‚Airbnb vs. Berlin’ schafft eine datenjournalistische Grundlage.“