Interview Juliane Lorenz „Rainer war bereits zum Kultregisseur geworden“

Dreharbeiten für 'Die dritte Generation', 1978, 1979.
Dreharbeiten für 'Die dritte Generation', 1978, 1979. | © RWFF

Rainer Werner Fassbinder (1945–82) ist eine der polarisierendsten und einflussreichsten Figuren des Neuen Deutschen Films. In den letzten Jahren seiner Karriere war Juliane Lorenz seine Cutterin und langjährige Partnerin. Zusammen produzierten sie Klassiker wie ‚Berlin Alexanderplatz‘ und ‚Die Ehe der Maria Braun‘. Heute ist Lorenz Präsidentin der Rainer Werner Fassbinder Foundation und steht vor der Aufgabe, Fassbinders Vermächtnis zu bewahren.

Rainer Werner Fassbinder starb im Alter von 37 Jahren. Ein Besessener, der in 15 Jahren 39 Filme schuf. Sein Motto „Schlafen kann ich, wenn ich tot bin“, sagt alles über ihn. Wie war es, mit einem Mann wie ihm zu leben und zu arbeiten?
 
Ich glaube nicht, dass sich Rainers künstlerisches Werk auf die Anzahl seiner Filmtitel reduzieren lässt. Die Titel beinhalten häufig mehr als einen einfachen Spielfilm: Berlin Alexanderplatz (1979/1980/2007) ist ein fünfzehneinhalb Stunden langer Film, der mit dem Budget einer Fernsehserie produziert wurde, und Acht Stunden sind kein Tag (1972/2017) besteht aus fünf Teilen, deren Vorführung insgesamt acht Stunden dauert. Es liegen ungefähr 124 Titel von Werken vor, darunter Drehbücher, Theaterstücke und -schriften, Liedtexte, Essays – und da sind seine frühen Werke noch nicht mal mit eingerechnet.

Um Ihre eigentliche Frage zu beantworten: Ich empfinde den Begriff ‚Besessener‘ nicht als zutreffend. Rainer war nie besessen. Er war vielmehr aufgebracht über die politische Situation in seinem Land seit 1848. Um es mit seinen eigenen Worten zu sagen: „Da ist möglicherweise eine Art ‚Wahnsinn‘ im psychoanalytischen Sinn des Wortes, der dazu führt, dass ich so intensiv arbeite und einen Film nach dem anderen mache. Aber es gibt nichts, was ich lieber tue, als Filme zu machen und die Geschichte meines Landes zu erzählen und mich zu fragen, warum es nach der Weimarer Republik faschistisch wurde.“

Angesichts der Tatsache, dass Rainer 1945 geboren wurde und bis 1982 lebte, muss man also seine Film- und Theaterwerke in einem viel breiteren Kontext sehen und die ganz besondere Entwicklung bedenken, die Deutschland durchlief.

ICH MUSSTE MICH NICHT BEFREIEN

Fassbinder und die Frauen – das ist ein ganz spezielles Thema, aber wir sind eher an Ihrem Leben in den 70er-Jahren interessiert: Sie waren eine junge, berufstätige Frau in einer Männerdomäne – selbst heute haben es Frauen im Filmgeschäft nicht leicht. Sie arbeiteten nicht nur als Produzentin, sondern auch als Regisseurin und Schauspielerin und sammelten Erfahrungen in so gut wie allen Bereichen des Films. Welchen Rat würden Sie jungen Frauen in der Branche heute geben?
 
Als ich Rainer 1976 mit 19 kennen lernte, war ich bereits von den 68er-Protesten in Westdeutschland inspiriert, die auf der einen Seite vom Neuen Deutschen Film und auf der anderen Seite politisch von der Studentenbewegung reflektiert wurden. Zusammengenommen war es eine produktive und wunderbare Zeit für eine junge Frau. Ich muss zugeben: Ich hatte nicht das Gefühl, mich emanzipieren zu müssen. Ich studierte Politikwissenschaft an der Universität München und fühlte mich bereits emanzipiert. Mit zwanzig Fassbinders Cutterin zu werden, kam mir beinahe normal vor.

Juliane Lorenz und Rainer Werner Fassbinder. Juliane Lorenz und Rainer Werner Fassbinder. | © RWFF Da mein Stiefvater Kurzfilme machte, sah ich schon sehr früh internationale Filme. Er nahm mich oft zu Vorführungen mit, bei denen ich heimlich neben dem Projektor saß und Filme sah, die für mein Alter überhaupt nicht geeignet waren. Ich sah Chaplin, Renoir und Visconti, aber auch extrem schlechte deutsche und amerikanische B-Movies. Das regte mich zum Nachdenken an! Wenn es sich um Literaturverfilmungen handelte, las ich die Bücher. Ich fing zudem an, Die Zeit zu lesen, die fantastische Filmkritiker hatte.

Diese Quellen spielten in meiner Filmausbildung eine große Rolle. Und natürlich war da dann Fassbinder, der meine autodidaktische Ausbildung anerkannte. Daher wird mein Rat an junge Menschen, die Kino erleben und machen wollen, immer lauten: Nutzt eure Chancen, Filme zu sehen, und dann geht und lernt das Handwerk! Seid nicht arrogant und denkt, dass in einem Schneideraum zu sitzen oder einem Cutter oder Regisseur zu assistieren unbedeutende Arbeit ist. Ich hatte großes Glück, dass ich schon sehr früh einen Meister des Kinos kennen lernte. Das ist definitiv eine Ausnahme. Aber trotzdem fiel mir nicht einfach alles in den Schoß. Es waren sieben intensive Jahre des Arbeitens und Lebens mit Rainer, in denen wir zusammen vierzehn Filme machten. Sie sind bis heute die Grundlage für alles, was ich tue.

Fassbinder übt eine große Faszination auf nachfolgende Generationen von Filmemachern aus. Was war so besonders an ihm? Was unterschied ihn von anderen damaligen deutschen Regisseuren, und glauben Sie, dass seine Filme heute anders verstanden werden?
 
Als wir 1979 zur Premiere von Die Ehe der Maria Braun beim New York Film Festival waren, gab es eine Menge ‚Follower‘, wie man sie heute in Zeiten von Facebook und Co. nennen würde. Ich erinnere mich an den jungen Martin Scorsese, der sich damals als Filmemacher noch in den Kinderschuhen befand und Rainer gratulieren kam. Richard Gere, Susan Sontag und eine ganze Reihe anderer junger Regisseure, Schauspieler, Autoren und anderer Künstler waren ebenfalls da. Rainer war bereits zum Kultregisseur geworden.
 
Er wurde zur Inspiration für eine Bewegung im US-Film, die später als Independent American Cinema bekannt wurde. Er war stolz darauf, ein Mentor zu sein. Und natürlich war er ein Star. Fassbinder war Teil des Neuen (West-)Deutschen Films, und er und Werner Herzog waren damals die weltweit am meisten bewunderten Regisseure. Rainer wurde in New York auf der Straße umschwärmt wie heute die Fußballstars. Er galt damals als eine Art Held.

SEINE FILME RÜHREN NACH WIE VOR ANS HERZ

Heute nehme ich das anders war. Als wir unsere neueste Restaurierung von Fassbinders Acht Stunden sind kein Tag in New York präsentierten, schafften wir es auf die Titelseite der New York Times. Eines habe ich in den 36 Jahren seit Rainers Tod festgestellt: Seine Filme, seine Charaktere leben weiter und seine Themen gehen den Zuschauern nach wie vor mitten ins Herz.
 
Als Präsidentin der Fassbinder Foundation ist es Ihre Lebensaufgabe, Fassbinders Vermächtnis zu bewahren. Bitte erzählen Sie uns doch ein bisschen von dieser Arbeit!

Die Foundation ist eine gemeinnützige Organisation mit dem Ziel, das Vermächtnis und das künstlerische Werk von Rainer Werner Fassbinder zu erhalten und zu pflegen sowie Entwicklungen in Film und Theater zu fördern und zu unterstützen.

Die erste vollständige Retrospektive von Rainers filmischem Werk fand anlässlich seines zehnten Todestags 1992 als Teil einer großen Ausstellung in Berlin statt. Sie war ein Riesenerfolg und wurde finanziell unterstützt von der Stadt Berlin, der Lottostiftung Berlin und der Zentrale des Goethe-Instituts in München, das dann eine kleinere Ausstellung von Fassbinder-Filmen um die ganze Welt schickte.
Dreharbeiten für 'Die dritte Generation', 1978, 1979. Dreharbeiten für 'Die dritte Generation', 1978, 1979. | © RWFF  
Am wichtigsten war, dass die deutschen Fernsehsender seine Filme wieder zeigten, was bedeutete, dass wir neue 35-mm-Kopien herstellen konnten und die Einkünfte aus den ganzen TV-Lizenzen ausreichten, um in neues Material zu investieren, das dann zur Grundlage für neue internationale Lizenzen wurde. Das brachte mich auf die Idee, beim Museum of Modern Art (MoMA) eine vollständige Retrospektive anzuregen. Das Ergebnis war ein großes Event, zu dessen Eröffnung 1997 alle Fassbinder-Filmstars nach New York kamen. Darauf folgte eine dreimonatige Retrospektive sowie eine vom Goethe-Institut unterstützte Tour durch die USA mit beinahe 50 Stopps.

Natürlich brachte dies auch neue Projekte für die Foundation mit sich – sowohl in den USA als auch in anderen Ländern. Etwas Ähnliches passierte mit Fassbinders Theaterwerken. Heute führt bereits die dritte Generation von Künstlerinnen und Künstlern bei seinen Original-Theaterstücken oder für die Bühne adaptierten Filmen Regie. DVD- und Blu-Ray-Editionen sind in etwa dreißig Ländern verfügbar. Es war harte Arbeit, Fassbinder zurück nach Deutschland zu bringen. Wir sind auch weiterhin dabei, Produzenten davon zu überzeugen, noch mehr Titel für weitere DVD-Editionen zu digitalisieren und zu restaurieren.
 
JULIANE MARIA LORENZ ist Autorin, Filmemacherin, Filmcutterin, Filmproduzentin und Präsidentin der Rainer Werner Fassbinder Foundation (RWFF) mit Sitz in Berlin und New York (FF Inc.). Ihr erstes Treffen mit Fassbinder im Jahr 1976 führte zu einer intensiven professionellen, künstlerischen und persönlichen Beziehung, aus der vierzehn Filme hervorgingen. Auch nach Fassbinders Tod im Jahr 1982 galt Lorenz in Europa weiterhin als hochangesehene Filmcutterin und arbeitete unter anderem mit namhaften Autorenfilmern wie Werner Schroeter und Oskar Roehler zusammen.