SUPERPOSITION 2018 Mischa Kuball: Notizen zur Sydney Biennale

Eija-Liisa Ahtilas Videoinstallation eines Menschen im Schwebezustand.
© Archiv Mischa Kuball, 2018.

Die 21. Ausgabe der Sydney Biennale (16. März bis 11. Juni 2018) bewies mit Ihrer Ernsthaftigkeit die zentralen gesellschaftlichen Themen abzubilden ihre Volljährigkeit, und berief mit der Japanerin und leitenden Kuratorin der Mori Kunstgalerie in Tokyo Mami Kataoka endlich eine Kuratorin mit Heimat im südpazifischen-asiatischen Raum.

Kataoka richtete mit SUPERPOSITION, einem der Quantenmechanik entliehen Begriffs, ein Brennglas auf die „uns umgebenden Konfliktzonen, auf allen Ebenen menschlichen Zusammenlebens - verschiedene Kulturen, Lesarten von Natur und Universum, politischen Ideologien und Regierungsformen und Interpretationen der Menschheitsgeschichte“ (Mami Kataoka). Dabei zeigte sie in Sydney, wie all dies auf dieser Welt interagiert.

NO GOOD NEWS ARE BAD NEWS

Die schlechte Nachricht zuerst: es gab keinen - zumindest nicht gedruckten - Katalog!
 
  • Kataloge © Archiv Mischa Kuball, 2018.
  • Art is Easy. © Archiv Mischa Kuball, 2018.
Es wäre eventuell in diesen digitalen Zeiten keine Nachricht wert, aber wer, wie ich, die diesjährige 21. Ausgabe der Sydney Biennale besuchte, musste sich mit dem deskriptiven Ausstellungsführer begnügen und, anders als in Venedig oder Sao Paulo, die Stadt schließlich ohne Übergepäck verlassen. Und doch fand sich im Untergeschoss der Art Gallery of New South Wales (AGNSW) ein ganzer anschaulicher Raum, der sich der besonderen Geschichte dieser Biennale widmete und der mit all seinen Postern und eben wunderbaren Katalogen eine würdige Übersicht bot.
 
  • Samson Youngs klangloses Orchester. © Archiv Mischa Kuball, 2018.
  • SEMICONDUCTOR © Archiv Mischa Kuball, 2018.
  • SEMICONDUCTOR © Archiv Mischa Kuball, 2018.
Überhaupt war das Tiefgeschoss der AGNSW eine Scharfstellung der Sinne, ob bei Eija-Liisa Ahtilas Videoinstallation eines Menschen im Schwebezustand, oder bei Samson Youngs mysteriösem klanglosem Orchester, das uns neu auf Tchaikovsky ‚einstimmte‘. SEMICONDUCTOR, ein Kollektiv aus Brighton, schien in einer Panoramaprojektion ein virtuelles Fenster auf eine technoide Laborwelt zu öffnen, in der sich alles selbst erklärt und alles möglich scheint.

VERSCHMELZUNG VON ERZEUGUNG UND WIDERHALL

Eine Ebene tiefer fand sich ein voll auf Resonanz der Körper setzendes Projekt von Oliver Beer: jeweils zwei Frauen und zwei Männer beschallten und besangen sich mit unterschiedlich kulturell verbundenen Gesängen, die im jeweiligen Mund des Anderen erklangen. Man war konfrontiert mit einer horchverdichteten Verschmelzung von Erzeugung und Widerhall. Es entstanden Momente eindrücklicher Intimität und eine Idee von Körperpolitik. So waren denn auch alle Live-Performances im Opernhaus von Sydney ausverkauft.

Oliver Beer © Archiv Mischa Kuball, 2018. Der ursprüngliche topographische Fokus der ersten Biennale von 1973 auf den südpazifischen Raum wurde jetzt durch die Kuratorin Mami Kataoka eingelöst – er führte von Tiffany Chung mit einer gestickten Weltkarte zu weltweiter Migration, über Michaël Borremans dystopischen Modelle bis hin zu einer gewaltigen Kristallkugel von Ai Wei Wei, die wenig Gutes für die Zukunft erahnen ließ.

Ai Wei Wei © Archiv Mischa Kuball, 2018 RETURN TO INVESTMENT

Alleine das Layout der verschiedenen Ausstellungsorte in der Stadt Sydney – einer Stadt, die gerade dabei ist, sich in Form urbaner Großprojekte wie West-Sydney und Darling Harbour selbst neu zu erfinden – hätte vermuten lassen, dass man auf einen roten Faden vertrauen könnte. Dieses Erwartungsmuster wurde bewusst unterlaufen. So standen die Rekonstruktionen von zwei Start-Ups von Michael Stevenson in Carriageworks in lebendiger Konkurrenz mit den von Mercedes Benz gesponserten Fashion Week. Besonders pikant war dies auch, weil ja gerade die letzte Biennale die Frage nach Sponsoring so laut stellte, dass Künstler ihre Teilnahme davon abhängig machten. Ein wenig mochte man denken, dass dies eben auch zu einer durchaus konzentrierteren Ausgabe (ohne Katalog?) führte, die dennoch den Blick auf aktuelle Diskurse zu lenken wusste.

FLAGGE ZEIGEN!

Im Museum of Contemporary Art (MCA) kam man direkt in einen komplett ausgerüsteten Propagandaraum der Kanadierin Ciara Phillips. Deren Protestästhetik ließ einen an die Nonne aus Berkeley denken; Sister Corita hatte die Civil Rights Movements in den 1960er Jahren gestalterisch mit geprägt.

Tom Nicholson’s Untitled wall drawing verzeichnete akribisch Grenzziehungen in Australien seit dem Jahr 1901. Ein stiller Protest. Einen Kontrast dazu bot Jacob Kirkegard, der eine dröhnende Wand aus der Kakophonie des Alltags schuf.

INSEL DER GEFANGENEN

Seit 2008 nutzt die Biennale das UNESCO Weltkulturerbe Cockatoo Island in der Mitte von Sydneys Hafen als Ausstellungsort. Unfrei in der Betrachtung erlebte man sich bei Ryan Gander. Dies könnte zum einen daran gelegen haben, dass man sich unter der steten Bedrohung bewegte man befände sich in einem möglichen Filmset, oder aber durch das dystopisch anmutende, geweißte Szenario, das den Betrachter zur passiven und distanzierten Teilnahme nötigte. Was man zu sehen bekam, war von Künstlerhand choreographiert und nicht beeinflussbar – ein fast schon harscher Ausschluss von Teilhabe.
 
  • Ryan Gander © Archiv Mischa Kuball, 2018
  • Ryan Gander © Archiv Mischa Kuball, 2018
Anders verhielt es sich bei Suzanne Lacys Circle and Square. Hier wurden die Akteure aus unterschiedlichen Kulturen in der Textilindustrie vereint und ihrem schleichenden Niedergang in Nordengland, ähnlich wie im Deutschland der 1960er Jahre: „man rief nach Arbeitskräften und es kamen Menschen.“ Eindrucksvolle Chöre bezeugten unüberhörbar unterschiedliche Kulturräume: oral history pur.

Suzanne Lacy © Archiv Mischa Kuball, 2018 Tatsächlich verwiesen sie auch auf die Geschichte des Ortes als historischen Resonanzraum. Cockatoo Island war nicht nur militärischer Standort, sondern eben auch ein Ort, der für die  Ausbeutung der Arbeitskraft von Strafgefangenen stand.

Konversion ist also hier nicht nur ein Thema der Stadtplaner, sondern auch der Kuratorin und ihrer Künstler. Mami Kataoka zeigte diese Brüche und Widersprüche und scheute sich nicht vor moralischen Gesten und gesellschaftsrelevanten Fragestellungen. Diese bildeten in Sydney ein hochverdichtetes, kritisches Amalgam.

Man wünschte ihr (und uns, den Besuchern) einen philanthropischen (und bibliophilen) Gönner - sonst:

Die schlechte Nachricht zuletzt - es gab keinen Katalog!