Bicultural Urbanite Brianna BIOTONNEN UND CHILLY BINS: EIN INTERVIEW MIT ‚LIFESWAP‘

Film still Lifeswap
© Lifeswap

‚Lifeswap‘ ist eine Online-Zeichentrickserie, die die kulturellen Eigenheiten und Unterschiede zwischen Deutschland und Neuseeland ergründet. Jörg und Duncan tauschen für ein Jahr ihre Plätze und helfen sich regelmäßig per Skype dabei, die Geheimnisse von Potlucks, Supermarktkassiererinnen, Hausmüllsortierung und der Unantastbarkeit des Sonntags zu enträtseln. Aber statt einfach nur ausgelutschte Klischees aufzuwärmen, analysiert und feiert ‚Lifeswap‘ liebevoll beide Kulturen aus einer ganz neuen Perspektive. Und in der nächsten Folge kommt Australien mit dazu.

Der liebenswert naive Duncan und der ordnungsbesessene Jörg sind die Alter Egos von William Connor und Steffen Kreft, den beiden Machern von Lifeswap. Steffen ist Designer, Trickfilmzeichner und Marionettenbauer. Sein Partner William ist Lehrer, Autor und Puppenspieler und liebt die logische, mechanische Natur des Deutschen: „Es ist wie Lego-Zusammenbauen, es macht Klick.“

Ich traf mich mit William für ein Gespräch darüber, wie Lifeswap die Freuden und Frustrationen des Eintauchens in eine andere Kultur kreativ dokumentiert.
 

 

ÜBER KULTURELLE UNTERSCHIEDE STOLPERN

William und Steffen lernten sich auf einer Party in Neuseeland kennen und leben seit mehreren Jahren abwechselnd in Berlin und Wellington. Ihre Beziehung liefert ihnen einen reichhaltigen Materialvorrat für ihre Serie. Tatsächlich beruhen alle geschilderten interkulturellen Begegnungen und Missverständnisse auf wahren Begebenheiten. „Wir kamen auf die Idee, diese Alter Egos zu erfinden, weil wir feststellten, dass wir eine ganze Reihe von Dingen notiert hatten, die in unserer Beziehung ständig wieder auftauchten und manchmal lustig, manchmal aber auch nervig waren. Wir stolperten immer und immer wieder darüber, und so wurde uns klar, dass es nichts mit unseren Persönlichkeiten zu tun hatte; es lag an den unausgesprochenen kulturellen Annahmen, die aus unserer unterschiedlichen Herkunft resultierten“, erklärt William.

Obwohl er schon so lange in beiden Kulturen unterwegs ist, stellt William fest, dass es für ihn nach wie vor ein Leichtes ist, neue Marotten und Eigenarten zu registrieren: „Wenn ich nach Neuseeland zurückkehre, bin ich die ganze Zeit am Beobachten, bemerke die kleinen Entschuldigungen, die kleinen Verlegenheiten, die sich abspielen. [Steffen und ich] sind beide davon fasziniert, daher reden wir ziemlich viel darüber. Wir beobachten kleine Momente und diskutieren sie, bevor sie sich verflüchtigen.“

DIE KLUFT ÜBERBRÜCKEN

William ist sich sicher, dass ein Großteil des Erfolgs von Lifeswap auf dem Vergnügen der Zuschauer beruht, ihre eigene Kultur durch die Augen eines Fremden reflektiert zu sehen. Für ihn baut die Serie eine Brücke zwischen beiden Kulturen, über die wir „auf die andere Seite hinübergehen und auf uns selbst zurückblicken können“. Schließlich haben wir diese Perspektive in der Regel nicht, wenn wir inmitten unserer Version von Normalität im eigenen Land leben. Kultur ist so allumfassend wie wie die Luft, die wir atmen, und wird normalerweise als selbstverständlich hingenommen. Oft müssen wir erst aus unserem nationalen Dunstkreis heraustreten, bevor uns die bizarre oder willkürliche Natur unserer kulturellen Praktiken und Verhaltensweisen bewusst wird – und wir entdecken, dass man die Dinge auch anders angehen kann.

William und Steffen sind die kreativen Köpfe, die Lifeswaps Duncan und Jörg realisiert haben. William und Steffen sind die kreativen Köpfe, die Lifeswaps Duncan und Jörg realisiert haben. | © Goethe-Institut Neuseeland Aber trotz der Brücke bleibt William mit Herz und Seele Kiwi. „Ich bin definitiv nicht eingedeutscht“, betont er. „Lifeswap hat [Steffen und mich] enger zusammengebracht, aber ich habe nicht das Gefühl, dass ich die Seiten gewechselt habe. In Momenten, in denen wir gestresst oder müde sind, fallen wir regelmäßig in unsere eigene Kultur zurück. Ich möchte an einer Situation das Komische sehen, sage ‚Haha, sieh an, wir sind in einer doofen Situation, wir stressen rum‘, und Steffen ist mehr der Typ, der sagt, ‚Nein, wir müssen das jetzt klären, und dann kann ich vielleicht später darüber lachen‘. Aber es ist nicht so, dass ein Ansatz besser wäre, als der andere.“

EMOTIONALE REIFE UND TIEFE

Aus seiner bikulturellen Perspektive hat William großes Lob für das, was er als die emotionale Reife, Bedachtsamkeit und Tiefe der Deutschen betrachtet. „Ich weiß ihre Loyalität, ihren Sinn für Gerechtigkeit und dafür, was sozial, politisch und emotional richtig und falsch ist, sehr zu schätzen. Mir scheint es in persönlichen und romantischen Beziehungen eine echte Reife zu geben. Sogar junge Deutsche scheinen zu verstehen, was Menschenrechte sind, und zum Philosophieren und Nachdenken in der Lage zu sein. Dagegen habe ich das Gefühl, dass es in Neuseeland bei solchen Themen sehr unreif zugeht. Es gibt echte Freundlichkeit und Wärme, aber ohne dieselbe Tiefe.“

Auch semantisch neigen die Kiwis eher dazu, nur an der Oberfläche zu kratzen und um den heißen Brei herumzureden. Lifeswap erforscht das verworrene Labyrinth von Smalltalk und übertriebener Höflichkeit, das den Angelsachsen so leichtzufallen scheint und in krassem Kontrast zur deutschen Tendenz zu direkter Konfrontation steht. In Folge 7 erklärt Duncan behutsam dem ziemlich verwirrten Jörg, dass es auf Neuseeländisch einfach nur „Du machst einen echt netten Eindruck“ heißt, wenn jemand, den man gerade erst kennen gelernt hat, sagt „Du solltest mal zum Abendessen vorbeikommen“. William fügt hinzu, dass man „[in Neuseeland] Dinge sagt, um Interaktionen zu vereinfachen oder nett zu sein oder auf eine bestimmte Art rüberzukommen. Aber Deutsche nehmen das, was man sagt, ernst. Und wenn ein Deutscher dich irgendwohin einlädt, dann meint er es auch so und möchte tatsächlich, dass du kommst.“
 

JÖRGS AUSTRALIENABENTEUER

Und wie geht es weiter bei Lifeswap? In der nächsten Folge, die es Ende des Jahres geben wird, reist Jörg ins benachbarte Australien. In der Tat eilte William nach unserem Treffen davon, um die Stimmen für die Australienfolge aufzunehmen. „Wir treffen uns mit einer Gruppe Australier in Marzahn, die Dazza, Gazza, Bazza und Taneal spielen werden“, erklärt er. „Die Australische Botschaft in Berlin hat sich bereit erklärt, zusammen mit dem Goethe-Institut diese neueste Folge zu finanzieren. Darüber sind wir natürlich sehr froh.“

Zudem ist im Gespräch, das Projekt als Spielfilm zu verwirklichen. „Die neuseeländische Film Commission hat angefragt, ob wir uns vorstellen könnten, aus Lifeswap einen Film zu machen, oder das Konzept, den Ansatz und den Humor zu nehmen und als Zeichentrickfilm umzusetzen“, erklärt William. „Steffen schrie gleich ‚Juhu!‘ und ich rief ‚Neiiiiin!‘ ... Ich habe noch nie einen Spielfilm gemacht.“ Aber wenn es so weit kommen sollte, hoffen die beiden, einige neue Figuren zu erfinden, zusätzlich zu den kulturellen Unterschieden auch Homosexualität mit einzubringen und eine insgesamt vielschichtigere Geschichte zu erzählen, „die nicht nur eine Ansammlung lustiger Szenen ist“.

Man darf gespannt bleiben.