Gastblogger Felicity Neuanfänge navigieren mal sechs

Der Spielplatz im Wald, nur zehn Minuten von zu Hause entfernt.
Der Spielplatz im Wald, nur zehn Minuten von zu Hause entfernt. | © Felicity Tucker

Als wir die einmalige Gelegenheit bekamen, den Beruf meines Mannes als Frontmann einer tourenden Rockband zu nutzen, um uns auf ein Freiberufler-Visum zu bewerben und in Deutschland zu leben, entschieden wir uns, genau das zu tun. Niemand wollte glauben, dass wir unsere junge Familie einfach kurzerhand auf die andere Seite der Welt verpflanzten; unser Plan bestand einzig und allein daraus, das Ergebnis unseres Termins bei der Ausländerbehörde abzuwarten, der für fünf Tage nach unserer Ankunft in Berlin vereinbart war.

Um sicher zu stellen, dass wir auf diesen Termin gut vorbereitet waren, und mögliche Dramen am eigentlich Tag auszuschließen, hatten wir uns zu einer Sondierungsfahrt entschlossen. Wir mussten uns dabei mit Screenshots der Strecke behelfen, da unser australischer Mobilfunkanbieter vor unserer Abreise unsere Situation missverstanden hatte und wir deshalb weder WiFi hatten noch Anrufe tätigen konnten. Dies hielt uns nicht davon ab, uns und die Kinder mitten im Jetlag quer durch die Stadt zu schleifen. Die fanden es gar nicht so schlimm, immerhin gab es das Abenteuer von S- und U-Bahn zu entdecken, und löcherten uns mit jeder Menge Fragen, die ich kaum zu beantworten in der Lage war. Innerlich hatte ich nämlich die Panik, was passieren würde, wenn wir uns ohne Handyempfang verlaufen sollten.

GAB ES WIRKLICH EIN LEBEN VOR DEM HANDY?

Zwei Tage später trafen wir zur vereinbarten Zeit ein, um uns mit unserer Relocation-Beraterin zu treffen. Nachdem wir zehn Minuten lang vor dem Geschäftszimmer auf sie gewartet hatten, wurde ich langsam nervös. Ich sagte wiederholt zu meinem Mann, dass wir uns womöglich am falschen Ort befanden, und er fing ebenfalls an, sich Sorgen zu machen. Schließlich fragte er einen Wachmann, der uns prompt mitteilte, dass es zwei Ausländerbehörden gab und wir uns in der Tat auf der falschen befanden.

An der East Side Gallery. An der East Side Gallery. | © Felicity Tucker Man stelle sich vor, wie wir nur zehn knappe Minuten vor unserem Termin und ohne jede Ahnung, wo wir waren oder wo wir zu sein hatten, ohne Zugriff auf unsere Handys und mit Jetlag und kleinen Kindern im Schlepptau herumrannten und versuchten, in unserem desorientierten Panikzustand ein Taxi anzuhalten. Zum Glück kam eines des Weges, und wir stiegen ein und bemühten uns, die richtige Adresse und die dringende Notwendigkeit zu kommunizieren, sehr, sehr schnell zu fahren.
 
Da waren wir nun und rannten sechs Minuten nach unserem Termin die Treppe hinauf, in dem Bewusstsein, dass ein so spätes Eintreffen womöglich unsere Chancen auf eine erfolgreiche Bewerbung gefährdete. Noch schwitzend von unserem Sprint, setzten wir uns nervös und schälten uns mit einem hoffnungsvollen Lächeln im Gesicht aus mehreren Lagen Oberbekleidung, während unsere Beraterin unser spätes Eintreffen auf Deutsch erklärte. Als ich den Visums-Sachbearbeiter die Worte „In Ordnung, Sie haben zunächst einmal zwei Jahre“ sagen hörte, brach ich vor lauter Erleichterung erst einmal in Freudentränen aus. Vor weniger als einer Stunde hatte es noch so ausgesehen, als seien all die Zeit, Mühe und Recherchen, die wir in diesen Umzug gesteckt hatten, umsonst gewesen.

LEBEN AUSSERHALB DER RINGBAHN

Wir fanden es wichtig, dass wir uns alle auf komplettes Neuland wagten, und entschieden uns deshalb, in eine Gegend am Waldrand zu ziehen, die nicht typisch für Expats war und in der es weit und breit kein einziges Hipster-Café gab. Unsere Älteste geht in eine örtliche Schule und hatte das Glück, neue Freundschaften mit Kindern zu schließen, die ganz in der Nähe wohnen, was ihr ein Gefühl der Zugehörigkeit gibt. Kinder werden in Berlin schon von klein auf zu Unabhängigkeit ermutigt, was ich als sehr inspirierend empfinde.
 
  • Täglicher Ausflug zum Erdbeerstand. © Felicity Tucker
    Täglicher Ausflug zum Erdbeerstand.
  • Die Visa-Bewilligung wird gefeiert. © Felicity Tucker
    Die Visa-Bewilligung wird gefeiert.
  • Glückliche Sommertage. © Felicity Tucker
    Glückliche Sommertage.
  • Beobachtungen an der Spree. © Felicity Tucker
    Beobachtungen an der Spree.
  • Das neue Zuhause der Familie - liebevoll auch ihr 'Berliner Palast' genannt. © Felicity Tucker
    Das neue Zuhause der Familie - liebevoll auch ihr 'Berliner Palast' genannt.
  • Den Freunden aus Australien werden E-Mails geschrieben. © Felicity Tucker
    Den Freunden aus Australien werden E-Mails geschrieben.
Als ich zum ersten Mal zu einem Elternabend an der Schule ging, fiel es mir schwer, den Unterhaltungen zu folgen. Viele Eltern sprachen kein Englisch mit mir oder sagten nicht einmal Hallo, was ich als sehr belastend empfand. In diesen Treffen zu sitzen, die auf Deutsch abgehalten wurden, während mir jemand kleine Bruchstücke der Unterhaltung übersetzte, bedeutete, dass ich wichtige Informationen nicht mitbekam. In einer privaten Besprechung mit der Lehrerin (die Englisch spricht), brachte diese ihre aufrichtige Überraschung zum Ausdruck, dass wir einen Umzug in ein fremdes Land erwogen hatten, ohne die Landessprache zu sprechen. Ich seufzte nur; es war echt anstrengend geworden, Berlinern zu erklären, warum wir aus Australien weggegangen waren. Jetzt, ein paar Monate später, wird es langsam leichter, die Eltern der Freundinnen meiner Tochter geben sich Mühe, mit mir zu sprechen, und meine Fähigkeit, die Sprache zu verstehen, hat ebenfalls zu einer Verbesserung der Kommunikation beigetragen.
 
Unsere drei Jüngsten gehen alle in einen zweisprachigen Kindergarten vor Ort. Ihre Sprachfertigkeiten entwickeln sich rasend schnell, da sie sie ganz spielerisch aufschnappen. Als einzige australische Kinder, die den Kindergarten besuchen, sind sie sehr beliebt. Ihr Selbstvertrauen ist stark gewachsen und geht mit einer großen Neugier auf ihr neues Land einher.
 
Wir gewöhnen uns alle an unser neues gemeinsames Leben und versuchen, daran zu denken, dass wir lachen, wenn etwas nicht so läuft wie geplant (was häufig vorkommt). Letztlich geht ja doch meistens alles gut, nur manchmal eben nicht ganz so, wie wir es uns vorgestellt hatten.