Gastbloggerin Claudia Deutsch lernen und Mary Poppins: Eine Ode an das Berliner Auswandererleben

Am letzten Sommertag rasten wir zum Heiliger See, schwammen im kühlen Nass und versuchten es zu vermeiden, die zahlreichen Nudisten anzustarren.
Am letzten Sommertag rasten wir zum Heiliger See, schwammen im kühlen Nass und versuchten es zu vermeiden, die zahlreichen Nudisten anzustarren. | © Claudia Gillies

Es ist 18 Uhr an einem Donnerstag und ich bin rasend. Ich wurde gerade kontrolliert und habe einen Strafzettel bekommen, weil ich (angeblich) ohne Ticket U-Bahn gefahren bin. Ich bin so richtig sauer denn eigentlich hatte ich ein Ticket gehabt, konnte nur nicht darauf zugreifen. Mein langwieriger Protest auf Deutsch (Level A2-B1) wurde mit Unverständnis honoriert.

Es ist also Zeit, in der großen Stadt, nach Hause zu gehen. „Deutsche und ihre Regeln“ könnte hier eine gute Überschrift sein. Als ich einen deutschen Freund anrufe, um mich zu beschweren, ist: „Willkommen in Berlin, Baby“ alles, was er zu sagen hat. „Uns ging es allen schon mal so“, meint er, was es nicht weniger nervig macht. Geldeintreiber, murmele ich, es ist überall das Gleiche.

Ich bin seit weniger als einem Jahr hier. Ich kannte niemanden, bevor ich nach Berlin gezogen bin. Ich dachte, das würde so am besten für mich funktionieren und das hat es auch. Ich habe viel über Berlin und die Deutschen gelesen, aber dann meistens die Warnungen ignoriert. Ich habe mich so viel vorbereitet wie es ging, bin dann einfach ins kalte Wasser gesprungen, und lebe seitdem einfach so in den Tag hinein. Es war eine radikale Kehrtwendung für mich, und mein jetziges Leben hat kaum noch etwas mit meinem alten gemeinsam. Deshalb ist es so schwer genau zu benennen, was es eigentlich ist, das mich an Berlin so glücklich macht.

  • Der Görli (Görlitzer Park) ist ein beliebter Ort, um die letzten Sonnenstrahlen einzufangen. Die Polizei ist meist vor Ort. © Claudia Gillies
    Der Görli (Görlitzer Park) ist ein beliebter Ort, um die letzten Sonnenstrahlen einzufangen. Die Polizei ist meist vor Ort.
  • Ein Bier, denn es ist immerhin Freitagabend. © Claudia Gillies
    Ein Bier, denn es ist immerhin Freitagabend.
  • Der Görlitzer Tunnel, auch Harnröhre genannt, verbindet die nördlichen mit den südlichen Stadtteilen vom Görli aus. © Claudia Gillies
    Der Görlitzer Tunnel, auch Harnröhre genannt, verbindet die nördlichen mit den südlichen Stadtteilen vom Görli aus.
  • Der Winter rückt näher und wir genießen im Görli nochmal die letzte Sonne. © Claudia Gillies
    Der Winter rückt näher und wir genießen im Görli nochmal die letzte Sonne.
Und ich bin wirklich SO glücklich. So glücklich, dass ich mein eigenes Glück selbst noch nicht ganz fassen kann. Weil unabhängig von Transport- und Zahnarztproblemen liebe ich diese Stadt, vom ersten Moment an, seitdem ich hier (sturz-) gelandet bin.

Fortschritte in Zentimetern messen

Mein Berlin ist eine warmherzige Geschichte von improvisierten Abenden mit den tollsten Freunden. Davon, mit gleichgesinnten Fremden über Projekte und Träume zu sprechen; vom Stressen und manchmal Zweifeln; vom sich selbst zu motivieren, Deutsch zu lernen und davon, jegliche Fortschritte in Zentimetern zu messen, nicht in Metern; eine Geschichte darüber, zu tanzen, ohne sich zu schämen, ehrliche Gespräche zu führen und lange, nährende Umarmungen zu teilen; zu lieben, in seiner einfachsten Form und so viel Lachen; vom Schlafverlust; vom Mangel an Urteilsvermögen und ein Überfluss an Akzeptanz und Unterstützung. All dies wurde mit Fahrrädern, Musik und einer großen Portion Unberechenbarkeit möglich gemacht.
 
  • Ein Tag voller Abenteuer mit dem Fahrrad. © Claudia Gillies
    Ein Tag voller Abenteuer mit dem Fahrrad.
  • Nach der Beschlagnahmung des Stasi-Hauses der Statistik im Jahr 1989 wurden 111 Regalkilometer Dokumente, Fotos, Film-, Video- und Tonaufnahmen öffentlich zugänglich gemacht. © Claudia Gillies
    Nach der Beschlagnahmung des Stasi-Hauses der Statistik im Jahr 1989 wurden 111 Regalkilometer Dokumente, Fotos, Film-, Video- und Tonaufnahmen öffentlich zugänglich gemacht.
  • 7.000 sowjetische Soldaten sind unter dem sowjetischen Kriegsdenkmal im Treptower Park begraben, welches an die in der Schlacht um Berlin Gefallenen erinnern soll. © Claudia Gillies
    7.000 sowjetische Soldaten sind unter dem sowjetischen Kriegsdenkmal im Treptower Park begraben, welches an die in der Schlacht um Berlin Gefallenen erinnern soll.
  • Eine Brücke im Regen - der perfekte Ort für etwas Klassik am Freitagabend. © Claudia Gillies
    Eine Brücke im Regen - der perfekte Ort für etwas Klassik am Freitagabend.
  • Ich fahre fast jeden Tag über die Berliner Mauer und dem Wachturm in Kreuzberg vorbei und bin dankbar für diese Freiheit. © Claudia Gillies
    Ich fahre fast jeden Tag über die Berliner Mauer und dem Wachturm in Kreuzberg vorbei und bin dankbar für diese Freiheit.
  • Ein australisch-deutsches Sandwich. © Claudia Gillies
    Ein australisch-deutsches Sandwich.
  • Mitten in der Woche wird aus einem entspannten Dinner eine Tanzparty. © Claudia Gillies
    Mitten in der Woche wird aus einem entspannten Dinner eine Tanzparty.
  • Die Biker-Gang aus Neukölln. © Claudia Gillies
    Die Biker-Gang aus Neukölln.
  • Fahhradfahren ist bei drei Grad und Regen eine weniger attraktive Option. © Claudia Gillies
    Fahhradfahren ist bei drei Grad und Regen eine weniger attraktive Option.
  • Frühe Sommermorgende voller unentdecktem Potenzial. © Claudia Gillies
    Frühe Sommermorgende voller unentdecktem Potenzial.
  • Ab des Weges. © Claudia Gillies
    Ab des Weges.
  • Ein Samstagmorgen mit Fahrradgruppe im Grunewald, 3.000 Hektar Wald im Westen von Berlin. © Claudia Gillies
    Ein Samstagmorgen mit Fahrradgruppe im Grunewald, 3.000 Hektar Wald im Westen von Berlin.
  • Mein Nachbar steht schon mal früh auf, um Brennnesseln zu sammeln, um daraus einen Tee für die Leber zu machen und Birkenblätter für ein Haartonikum. Ich wurde nur von den Nesseln verbrannt. © Claudia Gillies
    Mein Nachbar steht schon mal früh auf, um Brennnesseln zu sammeln, um daraus einen Tee für die Leber zu machen und Birkenblätter für ein Haartonikum. Ich wurde nur von den Nesseln verbrannt.
  • Die Admiralbrücke am Kanal ist ein inoffizieller Sommerabend-Treffpunkt. © Claudia Gillies
    Die Admiralbrücke am Kanal ist ein inoffizieller Sommerabend-Treffpunkt.
  • Weiser Rat. © Claudia Gillies
    Weiser Rat.
  • Der Sommer passt auch zu ihr. © Claudia Gillies
    Der Sommer passt auch zu ihr.
  • Sommersturm - fühlt sich an wie zu Hause! © Claudia Gillies
    Sommersturm - fühlt sich an wie zu Hause!
  • Sonntagmorgen treffen wir uns am Boxhagener Platz, um auf dem Flohmarkt zu essen und dann gehen wir tanzen. © Claudia Gillies
    Sonntagmorgen treffen wir uns am Boxhagener Platz, um auf dem Flohmarkt zu essen und dann gehen wir tanzen.
  • Zu Hause ist es am Schönsten. © Claudia Gillies
    Zu Hause ist es am Schönsten.
  • Wenn du erst sagst, dass du Zuhause bleibst und dich dann doch auf einer guten Hausparty wiederfindest. © Claudia Billies
    Wenn du erst sagst, dass du Zuhause bleibst und dich dann doch auf einer guten Hausparty wiederfindest.
Ich habe gelernt, Entsorgungsgüter neben öffentlichen Mülltonnen liegen zu lassen, um Sammler zu unterstützen. Einmal ließ ich eine Schüssel Spaghetti Bolognese für zwei Tage auf meinem Balkon stehen, weil es keinen Platz mehr in meinem kleinen Kühlschrank gab, und weil es draußen sowieso kälter war. Jetzt weiß ich, dass, wenn mir heiß ist, man nicht sagt „Ich bin heiß“. Ich bin fast nie ohne mein Fahrradwerkzeug und von Fastfood-Ketten gestohlenen Feuchtigkeitsstüchern unterwegs, da die Fahrradkette natürlich immer dann abspringt, wenn ich meine besten Sonntagsklamotten trage.

Es macht mich glücklich, dass Hunde hier neonfarbene Disco-Halsbänder tragen, und das nicht nur, weil ich sie auf meinem Nachhauseweg besser sehen kann. Ich freue mich auf sonntags, wenn meine Freunde und ich zusammen tanzen gehen und auch auf die faulen Sonntage, an denen wir zusammen kochen. Ich habe das beste Brot in Berlin probiert und ich arbeite mich ununterbrochen durch die große Käsesauswahl.
 
  • Der Flughafen Tempelhof wurde in den 1920er Jahren erbaut und bis 2008 als Verkehrsflughafen betrieben. © Claudia Gillies
    Der Flughafen Tempelhof wurde in den 1920er Jahren erbaut und bis 2008 als Verkehrsflughafen betrieben.
  • Die richtge Art einen Montagabend zu verbringen. © Claudia Gillies
    Die richtge Art einen Montagabend zu verbringen.
  • Mein Partner trainierte für den Berlin Marathon, was frühmorgendliche Runden um das Tempelhofer Feld bedeutete. © Claudia Gillies
    Mein Partner trainierte für den Berlin Marathon, was frühmorgendliche Runden um das Tempelhofer Feld bedeutete.
  • Das Hauptgebäude in Tempelhof war einst eines der größten Gebäude der Welt, hatte aber den kleinsten Duty-Free-Shop der Welt. © Claudia Gillies
    Das Hauptgebäude in Tempelhof war einst eines der größten Gebäude der Welt, hatte aber den kleinsten Duty-Free-Shop der Welt.
Ich habe gelernt, dass wenn man „Ja“ antwortet, obwohl man die Frage nicht wirklich verstanden hat, es zu einem ganzen Gebäude voller Päckchen führen kann. Du legst mich nur einmal rein, DHL-Mann.

Im Sommer treffen wir uns abends am Kanal mit Altbier oder Apfelschorle in der Hand. An Wochenenden nehmen wir den Zug zu einem See, oder radeln viele Kilometer zu vergessenen Orten. Ich fahre an der Karl-Marx-Allee entlang und denke über den sowjetischen Traum nach. An Mittwochabenden spiele ich stundenlang Beachvolleyball auf den innerstädtischen Plätzen, die einst der Todesstreifen waren. Ich habe versucht, die Nuancen der Geschichte dieser Stadt zu verstehen und ich höre mit gespitzten Ohren zu, was deutsche Freunde erzählen oder auch unausgesprochen lassen.
 
  • Der "Teufelsberg" ist ein 80 Meter hoher, von Menschenhand geschaffener Trümmerhügel, der eine unzerstörbare Nazi-Ausbildungsstätte war. © Claudia Gillies
    Der "Teufelsberg" ist ein 80 Meter hoher, von Menschenhand geschaffener Trümmerhügel, der eine unzerstörbare Nazi-Ausbildungsstätte war.
  • Auf dem Teufelsberg befinden sich die Ruinen der NSA-Abhörstation aus dem Kalten Krieg. © Claudia Gillies
    Auf dem Teufelsberg befinden sich die Ruinen der NSA-Abhörstation aus dem Kalten Krieg.
  • US-amerikanische und britische Geheimdienstoperationen begannen 1961. Sie hörten der russisch-kontrollierten DDR nicht so diskret zu. © Claudia Gillies
    US-amerikanische und britische Geheimdienstoperationen begannen 1961. Sie hörten der russisch-kontrollierten DDR nicht so diskret zu.
  • Oben, innerhalb der Abhörstation. © Claudia Gillies
    Oben, innerhalb der Abhörstation.
Mein Plan für den Winter umfaßt Dinner-Partys am Samstagabend und jede Menge Ingwertee, für einen gesunden Geist und Körper. Ich versuche regelmäßig Ausstellungen zu besuchen, wurde zu Blues-Abenden mitgenommen, und ich erzähle noch immer von der Aufführung „Marat/Sade“, die zu sehen, ich vor kurzem das Vergnügen hatte. Ich habe (viel zu) viele Projekte und glücklicherweise so einige schlaue Köpfe, deren Wissen ich entlocken kann.

Lady Berlin die Wegbereiterin?

Es ist nachlässig von mir nicht die Architektur hier zu erwähnen. Sie hat die Menschen zusammengebracht, die ich so liebe und mir die Möglichkeiten geschenkt, die mich so nähren. Lady Berlin die Wegbereiterin? Sie ist eben, groß und brutal. Ich finde sie beruhigend und besänftigend. Und - frag mich vielleicht nochmal in ein paar Monaten - aber ich denke, ihr steht selbst der nahende graue Winter sehr gut.
 
  • Vergessene Orte entdecken. © Claudia Gillies
    Vergessene Orte entdecken.
  • In der nächsten Ausgabe des lokalen Berliner Magazins RHNK ist ein Artikel über dieses interessante Gebäude in der Oranienstraße in Kreuzberg. © Claudia Gillies
    In der nächsten Ausgabe des lokalen Berliner Magazins RHNK ist ein Artikel über dieses interessante Gebäude in der Oranienstraße in Kreuzberg.
  • Ich bin leicht fasziniert von deutschen Beschilderungen. © Claude Gillies
    Ich bin leicht fasziniert von deutschen Beschilderungen.
  • In Berlin gibt es für jeden etwas. © Claudia Gillies
    In Berlin gibt es für jeden etwas.
  • Der ehemalige Flughafen ist jetzt Tempelhofer Feld, ein sehr großer, öffentlicher Park. Wir machen das Beste daraus. © Claudia Gillies
    Der ehemalige Flughafen ist jetzt Tempelhofer Feld, ein sehr großer, öffentlicher Park. Wir machen das Beste daraus.
  • Unter der Ankunftshalle in Tempelhof befindet sich ein Netz von Bunkern und Tunneln. © Claudia Gillies
    Unter der Ankunftshalle in Tempelhof befindet sich ein Netz von Bunkern und Tunneln.
  • Dieser Boulderplatz am Teufelsberg gilt als der älteste in Berlin. Es gibt 60 Routen auf den zehn Meter hohen künstlichen Turm. © Claudia Gillies
    Dieser Boulderplatz am Teufelsberg gilt als der älteste in Berlin. Es gibt 60 Routen auf den zehn Meter hohen künstlichen Turm.
  • Ein klarer Herbsttag am Kottbusser Tor. © Claudia Gillies
    Ein klarer Herbsttag am Kottbusser Tor.
Komme ich euch ein bisschen zu sehr wie Mary Poppins vor? „Oh, sie ist einfach neu und liebt noch alles“, denkt bestimmt so manch einer. Naja, ja und nein. Es gab schon gewisse Tage, an denen ich Berlin in diesem Jahr den Sieg überlies.

Aber nicht heute. Es ist ein weiterer Morgen im Paradies und ich benutze so ganz selbstzufrieden, meinen Strafzettel als Untersetzer für meinen Kaffee, jetzt zeig ich´s ihnen....