Bicultural Urbanite Luke Deutsch(be)kenntnisse eines bikulturellen Städters

Bekenntnisse in Arbeit...
Bekenntnisse in Arbeit... | © Luke Troynar

Traditionell bringt der Anfang eines neuen Jahres gute Vorsätze mit sich. Ich möchte meines jedoch mit einem Geständnis beginnen. Der Preisgabe eines pikanten kleinen Geheimnisses, das ich mit mir herumtrage und nach Möglichkeit verdränge. Es hat das Potential, meinen lieb gewordenen Status als bikultureller Städter zu kompromittieren, und mit meinen bilingualen Fähigkeiten zu tun. Auch wenn ‚Fähigkeiten‘ hier recht großzügig formuliert ist.

Es ist schlimm, ich weiß. Und wenn ich hier sitze und regelmäßig meine Gedanken für das prestigeträchtige Goethe-Institut sammle und dann in pompösem Englisch meine kleine Kolumne über das Leben in Berlin zu Papier bringe, leuchten meine Wangen mit jedem Artikel vor Scham noch röter. Ein Master der Literatur- und Kulturwissenschaften – also ausgerechnet ein angeblicher Connaisseur von Sprache und Kultur! –, der in Deutschland lebt, jede Menge deutscher Freunde hat, auf schöne Jahre mit einer deutschen Exfreundin zurückblickt und trotzdem immer noch ein lächerliches Babydeutsch spricht, das zwischen charmant fehlerhaft (meine Selbsteinschätzung) und peinlich falsch (wohl eher die Realität) schwankt.

Das Berliner Englisch-Syndrom

Bei Leserinnen und Lesern außerhalb Berlins – oder jedenfalls denjenigen, die nie als Ausländer hier gelebt haben – löst das wahrscheinlich Entsetzen aus. Bei den abgestumpften Expats der Stadt dagegen würde es kaum für überraschte Gesichter sorgen. Was nicht heißen soll, dass es hier keine englischen Muttersprachler gibt, die fließend Deutsch sprechen. Selbstverständlich gibt es die; meine ‚Bicultural Urbanite‘-Mitbloggerin ist eine von ihnen, und ich ziehe den Hut vor ihr und der Handvoll anderer, die ich kenne. Aber Tatsache ist, dass solche fleißigen Deutschlerner die Ausnahme von der Regel sind, denn die überwältigende Mehrheit der zahllosen englischsprachigen Expats, die ich über die Jahre hier kennengelernt habe, fällt einem Phänomen zum Opfer, das man als Berliner Englisch-Syndrom bezeichnen könnte.
 
Abgesehen vom öffentlichen Loswerden eines Haufens unterdrückter Schuldgefühle obliegt es mir, nun auch tatsächlich die Crux dieses Phänomens genauer zu erforschen. Denn ich bin der Überzeugung, dass es nicht einfach nur ‚diese verdammten faulen Englisch-Muttersprachler und ihre sture Weigerung, ordentlich Deutsch zu lernen‘ sind. Während es einen durchaus träge machen kann, eine Quasi-Weltsprache als Muttersprache zu haben, erklärt dies keineswegs erschöpfend, warum so viele englischsprachige Menschen in Berlin – häufig intelligente, ambitionierte und neugierige Leute – auf einem so primitiven Deutschniveau steckenbleiben. Und es erklärt auch nicht, wie es kommt, dass es für uns irgendwie (mehr oder weniger) in Ordnung ist, auch in Zukunft so weiterzumachen.

Nonverbale Kommunikation in dunklen Raumen ist eine beliebte Wahl Nonverbale Kommunikation in dunklen Raumen ist eine beliebte Wahl | © Isabelle Beyer

Es gehören immer zwei dazu

Nach viel hitziger Debatte, Abwehr, Rationalisierung und ernsthaftem Nachdenken bin ich zu dem Schluss gekommen, dass es sich um das Ergebnis eines schiefgelaufenen Austausches von beinahe groteskem Ausmaß handelt. Der Ausdruck ‚Es gehören immer zwei dazu‘ drängt sich auf. Und in diesem speziellen Fall haben wir es mit einem Tanz zu tun, der sich um missverstandene Absichten und Verhaltensweisen dreht, die ironischerweise dazu dienen, genau die Absichten und Verhaltensweisen zu verstärken, die beide Seiten lieber aus dem Weg schaffen würden. Die Choreographie, jedenfalls aus Expat-Perspektive, gestaltet sich typischerweise wie folgt.
 
Nachdem man in Berlin angekommen ist und beschlossen hat, sich hier ohne jegliche Deutschkenntnisse niederzulassen, nimmt man ein paar Monate lang mit den besten Absichten Deutschunterricht. Man macht Fortschritte. Dann neigen sich die Ersparnisse rapide dem Ende zu und man steht vor der Herausforderung, sich in einem fremden Land ein neues Leben aufzubauen – eines, das sich praktischerweise um die zahlreichen fantastischen englischsprachigen Möglichkeiten rankt, die sich ständig auftun (Paradebeispiel: dieses Projekt). Eine Zeit lang versucht man noch sein Babydeutsch anzuwenden, aber die Deutschen, mit denen man spricht, antworten nahezu ausnahmslos auf Englisch. Man macht noch eine Weile weiter, aber diese Beharrlichkeit fängt an, sich in den meisten Situationen ebenso sinnlos wie umständlich anzufühlen.

Hilfsmittel zum Überwinden von Sprachbarrieren Hilfsmittel zum Überwinden von Sprachbarrieren | © Isabelle Beyer Gleichzeitig ist dein aufblühendes Sozialleben kulturell vielfältiger als je zuvor – Deutsche, Australier, Koreaner, Italiener, Amerikaner, Schweden, Briten, Türken, Russen; die Liste ließe sich fortsetzen –, und alle benutzen Englisch als gemeinsames Kauderwelsch für grammatikalisch fragwürdige Unterhaltungen. Doch damit nicht genug: Man stellt zudem fest, dass die meisten Deutschen es geradezu lieben, Englisch zu sprechen. Sie können es im Allgemeinen sehr gut und sind erpicht darauf, einem das auch zu zeigen. Insbesondere die jüngeren Generationen haben die Sprache in der Regel über ein Jahrzehnt sorgfältiger Schuldbildung hinweg gemeistert und nicht selten ihren Spaß daran, einen als menschliches Utensil einzuspannen, um einer ohnehin mehr als ordentlichen Fähigkeit den letzten Schliff zu verleihen. Und die Tatsache, dass deutsche Freunde in der Lage sind, mal eben kontinentale Philosophie auf Englisch zu analysieren, während man selbst Schwierigkeiten hat, seinen Tag auf Deutsch zu beschreiben, ist auch nicht gerade ein Ansporn, hier weitere Mühe zu investieren.

Eine Stadt voller schillernder Widersprüche

Schlussendlich werden die aufkeimenden Deutschkenntnisse auf Eis gelegt, während dein englischsprachiges Leben sich ausweitet; erst werden sie unbewusst vernachlässigt, später dann aktiv vermieden. Bis einem viele Jahre später eines Tages klar wird, dass man auf einem peinlich rudimentären Niveau stehen geblieben ist: Man versteht in den meisten Situationen recht viel, murmelt sich bei Bedarf durch seinen Vorrat bewährter deutscher Sätze, ist jedoch einer richtigen Konversation abgeneigt, aus Angst, wie ein inkompetenter Trottel zu klingen. Und so geschieht es dann: Wer Englisch spricht, spricht weiterhin hauptsächlich Englisch und verübelt sich das; die vielen Deutschen, die großartig Englisch sprechen, lassen das nicht nur passiv zu, sondern fördern es aktiv; und der kleine Rest an Deutschen, der nicht viel Englisch spricht, ärgert sich zunehmend über die ganzen nervigen Expats, die der deutschen Sprache in ihrer eigenen Heimat das Wasser abgraben.
 
Pirouette, Schritt zur Seite, Verwirrung, Zusammenstoß; neu aufstellen und mit einer Drehung noch einmal ganz von vorne. Zum Glück ist die Musik, zu der wir in dieser Stadt tanzen, harmonisch und erbaulich genug, dass all dies nichts mehr als eine amüsante Hintergrundablenkung für das ist, was eigentlich vor sich geht: ein echter kultureller Austausch, und noch dazu einer, der zu einer pulsierenden Qualität des gesellschaftlichen Lebens führt, die ich so noch nirgends auf der Welt gefunden habe – trotz aller Sprachbarrieren. Und das ist so typisch für Berlin, diese Stadt der schillernden Widersprüche, deren Fallstricke und Dilemmas unlösbar mit genau den Aspekten verbunden sind, die es so attraktiv und besonders machen. Aber verlangen Sie jetzt bitte nicht von mir, diesen Gedanken auf Deutsch zu wiederholen.