Bicultural Urbanite Brianna FLÜCHTLINGE WILLKOMMEN: VOLLTREFFER FÜR INTEGRATION

Das
Das "Berlin Zalmi" Cricket-Team | © Abdul Hasib Bajawri

Auf einer abgelegenen Insel wie Australien lassen sich das Chaos und der Aufruhr dieser Welt zum Großteil auf Abstand halten. Auch wenn Krieg und Konflikt in den Nachrichten zum Standardprogramm gehören, kann man sich leicht vorgaukeln, all der Tod, Despotismus und Vertreibung hätten nichts mit einem selbst zu tun. Dasselbe ließe sich über viele europäische Länder sagen. Als daher im Jahr 2015 Millionen von Asylsuchende in Europa eintrafen, war es, als sei die Vierte Wand zersplittert. Die düsteren Berichte von weit entfernten Orten spielten sich plötzlich vor unserer Haustür ab. Zum Höhepunkt der Krise spendete ich warme Kleidung und unterzeichnete Onlinepetitionen, und vor einem Jahr beschloss ich dann schließlich, mich direkt zu engagieren und Flüchtlingsmentorin zu werden.

Das Mentoring Programm, bei dem ich mich anmeldete, wird von ‚Integra‘ betrieben, einer Berliner Firma, deren Hauptfokus eigentlich die berufliche Integration von Menschen mit Behinderungen ist. Das Programm wurde als Reaktion auf die Flüchtlingskrise eingerichtet und will Asylsuchende dabei unterstützen, Bildungsangebote zu nutzen und in Deutschland Arbeit zu finden. Als ich mich anmeldete, war ich nicht sicher, wieviel Unterstützung ich als nichtdeutsche freie Übersetzerin und Texterin mit begrenztem Verständnis des deutschen Arbeitsmarktes und Ausbildungssystems tatsächlich zu bieten hatte. Aber schon bald wurde ich meinem potenziellen Mentee vorgestellt: Abdul Hasib, einem 24 Jahre alten Asylbewerber aus den Stammesgebieten im Norden Pakistans. Abgesehen von seinem Ruf als Hochburg der Taliban hatte ich kaum Kenntnisse über diesen Teil der Welt. Ich wusste jedoch, dass Pakistan und Australien eine ganz spezielle Sportbesessenheit gemeinsam haben. „Magst du Cricket?“ fragte ich daher versuchshalber. Ein strahlendes Lächeln breitete sich auf Abduls Gesicht aus. Volltreffer. Ich hatte einen gemeinsamen Nenner gefunden, der den Ball ins Rollen brachte. Der deutsche Vermittler war zwar nicht in der Lage, unserer Unterhaltung über „Batting“ und „Shane Warne“ zu folgen, war aber höchst erfreut, dass wir uns zu verstehen schienen.

Abdul Hasib und seine Freunde im Deutschunterricht. Abdul Hasib und seine Freunde im Deutschunterricht. | © Abdul Hasib Bajawri Nach fünf Monaten Flucht, die von Angst, Hunger und Einsamkeit gezeichnet war, landete Abdul schließlich in einer Flüchtlingsunterkunft in Spandau. Er sprach kein Wort Deutsch, konnte sich aber auf Paschtu, Urdu, Arabisch und in beschränktem Englisch unterhalten (das hauptsächlich aus Cricket-Fachbegriffen besteht). Als ich ihn kennen lernte, hatte er bereits mehrere Sprachkurse und Praktika absolviert, die Asylbewerber und Flüchtlinge in den deutschen Alltag integrieren sollen. Ich war nicht nur beeindruckt, wie viel er in zwei Jahren erreicht hatte, sondern auch, wie viele soziale Dienstleistungen und Unterstützungsangebote Deutschland seinen frisch eingetroffenen Migrantinnen und Migranten zu bieten hat.

DEUTSCHLAND IST OFFEN FÜR FLÜCHTLINGE – UND CRICKET

Zu meiner großen Überraschung hatte Abdul vor Ort eine Cricket-Liga gefunden und spielte zusammen mit anderen Flüchtlingen aus Pakistan und Afghanistan in einem Team. Mir war völlig neu, dass es in Deutschland Cricket-Teams gab oder dass Afghanistan – keine ehemalige britische Kolonie – eine Vorliebe für diesen Sport entwickelt hatte. Viele der Millionen von Afghaninnen und Afghanen, die in den 1990er Jahren in das Cricket-begeisterte Pakistan geflohen waren, sind inzwischen nach Hause zurückgekehrt, was die Beliebtheit des Sports rasant ansteigen ließ. Während Cricket-Felder in Deutschland beileibe kein alltäglicher Anblick sind, gibt es mittlerweile doch tatsächlich 320 Teams und „es bilden sich fast jede Woche neue“, wie der Tagesspiegel berichtet.


Cricket auf dem Tempelhofer Feld, mit einer Commonwealth-Mannschaft aus Australien, Pakistan, Neuseeland und Indien. Cricket auf dem Tempelhofer Feld, mit einer Commonwealth-Mannschaft aus Australien, Pakistan, Neuseeland und Indien. | © Brianna Summers Auch wenn Abdul bei unseren Treffen wahrscheinlich lieber Shoaib Akhtar in Onlinevideos dabei zuschauen würde, wie er glücklose Schlagmänner an die Wand bowlt, verbringen wir unsere gemeinsame Zeit in der Regel damit, offizielle Schreiben zu interpretieren, Emails zu schreiben und Ausbildungsmöglichkeiten auszuforschen. Als Migranten tauschen wir auch Geschichten über unsere jeweilige Heimat aus und diskutieren über die Eigenheiten der deutschen Kultur. Ich begleite ihn oft zu Jobmessen oder offiziellen Terminen und helfe ihm ganz allgemein dabei, die endlose Papierflut der deutschen Bürokratie zu durchwaten.

WEGE ZUM BLEIBEN FINDEN

Nach nur zwei Monaten Mentoring wurde Abdul benachrichtigt, dass sein Asylgesuch abgewiesen worden sei. Er hatte 30 Tage Zeit, das Land zu verlassen. Nach hektischem Herumtelefonieren schafften wir es, einen Anwalt zu organisieren und die Entscheidung anzufechten. Der Anwalt sagte uns, dass Abduls Berufung so gut wie sicher erfolglos sein würde, da die deutsche Bürokratie Pakistan als ‚sicheres Herkunftsland‘ einstuft. Aber eine Berufung würde uns wertvolle Zeit verschaffen – wenn Abdul sein Deutsch verbessern und eine dreijährige Ausbildung anfangen könnte Dann könnte er nämlich unter Umständen eine Duldung erhalten, was bedeuten würde, dass seine Abschiebung für die Dauer seiner Ausbildung ausgesetzt würde.

‚Integra' war bei Abduls Suche nach einem Ausbildungsplatz eine immense Hilfe. Die Organisation bietet nicht nur Schulungen für ihre Mentorinnen und Mentoren an, sondern auch Workshops und Exkursionen für MentorInnen und Mentees. Diese kostenlosen Lehrgänge haben mir viel über das Spektrum an Ausbildungsprogrammen, Sozialleistungen und Unterstützungsmöglichkeiten beigebracht, die Asylsuchenden in Berlin zur Verfügung stehen. Die Liste liest sich eindrucksvoll. Es gibt kostenlose Integrationskurse, auf bestimmte Berufe spezialisierte Deutschkurse, Praktikumsprogramme, Computerschulungen, Berufsberatung, spezielle Jobmessen für Flüchtlinge, Gelder für die Anerkennung ausländischer Schul- und Universitätsabschlüsse und vieles mehr. Abduls Flüchtlingsunterkunft mag zwar trist sein, aber sie ist kostenlos, und er erhält darüber hinaus 104 Euro (circa 161 australische Dollar) pro Woche sowie einen erheblichen Preisnachlass auf Fahrkarten für den öffentlichen Nahverkehr.

Cricket-Training auf dem Hallenfußballfeld. Cricket-Training auf dem Hallenfußballfeld. | © Abdul Hasib Bajawri

DEUTSCHLAND – AUSTRALIEN

Es fällt schwer, dies nicht mit Australiens auf Sanktionen ausgelegten Zwangsinternierungslagern zu kontrastieren, die abgeschottet auf entlegenen Inseln untergebracht sind, oder den mageren 227 australischen Dollar (circa 147 Euro) pro Woche, die die gesamten Lebenshaltungskosten eines Asylbewerbers abdecken sollen. Der australischen Hilfsorganisation Asylum Seeker Resource Centre (ASRC) zufolge liegt dieser wöchentliche Maximalbetrag deutlich unter der Armutsgrenze von 412 australischen Dollar (circa 266 Euro). Auch wenn ich mit der Integration von Flüchtlingen in Australien nicht im Detail vertraut bin, habe ich doch den Eindruck, dass die australische Regierung für kommunale Dienstleistungen und Hilfsorganisationen kaum Gelder bereitstellt und Nichtregierungsorganisationen wie das ASRC häufig die Kuh vom Eis holen müssen. Ich würde mich freuen, wenn ich da falsch liegen sollte.

Als Flüchtlingsmentorin habe ich eine Menge gelernt. Nicht nur über deutsche Einwanderungsgesetze und pakistanische Fast Bowlers, sondern auch über das dörfliche Leben in Bajaur und die Realität, die hinter der Flucht vor Konflikten steckt. Für Abdul sieht es im Moment ganz gut aus. Er wurde noch nicht gerichtlich vorgeladen, um in seinem Berufungsverfahren auszusagen, was bedeutet, dass er nach wie vor eine Chance auf eine Zukunft in Deutschland hat. Ein international renommiertes Hotel hat ihm eine sechsmonatige Einstiegsqualifikation angeboten, ein Sprungbrett zu einer Ausbildung im Hotelmanagement. Abdul sagt, dass er nie aufhören will zu lernen; er möchte einen Universitätsabschluss machen und eines Tages sein eigenes Unternehmen leiten. „Was für ein Unternehmen?“, frage ich ihn. Er grinst: „Das weiß ich noch nicht genau. Aber ich habe einen Plan.“