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Die Mannschaft der Passenger Coffee-Kaffeerösterei in der Elsenstraße in Treptow
Die Mannschaft der Passenger Coffee-Kaffeerösterei in der Elsenstraße in Treptow | © Meike Kenn Fotografie http://meikekenn.com

Der Café-Inhaber und australische Expat Garth Gregory sorgt seit 2004 dafür, dass Berliner nicht unter Koffeinmangel leiden. Sein Konzept ist eher von der alten Schule und bevorzugt Mischungen und dunklere Röstungen, während das Augenmerk seiner Passenger-Cafés darauf liegt, Menschen zusammenzubringen statt Geschmacksnuancen zu analysieren. Ich habe mich mit ihm über Unternehmensgründung in Deutschland, Gentrifizierung und die Schwierigkeiten von „Third Wave“-Kaffeespezialitäten unterhalten.

Das erste Mal kam Garth als 15-jähriger Austauschschüler nach Deutschland. Damals nahm er an der Love Parade in Berlin teil, begann Deutsch zu lernen und musste feststellen, dass mit der lokalen Kaffeekultur kein Hund hinter dem Ofen hervorzulocken war. Diese frühen Erfahrungen legten den Grundstein für das, was einmal ein erfolgreiches Expat-Unternehmerleben werden sollte. Nach einem Designstudium in Neuseeland und Bremen hing Garth in den Cafés von Auckland herum, plante seine Flucht von den Antipoden und träumte davon, in Deutschland ein Geschäft aufzubauen.

2003 wagten Garth und sein Kumpel Callum dann den Sprung. Sie flogen nach Berlin, kauften eine alte Kaffeemaschine und fingen an, auf Musikfestivals australisch gemachten Kaffee zu verkaufen. Ihr Unternehmenskonzept? „Wir wussten, dass der [deutsche] Kaffee schlecht war, und wir wussten, wie man Kaffee macht, weil wir bis dahin ausschließlich in Cafés gearbeitet hatten“, erinnert sich Garth. „Wir verbrachten viel Zeit damit, Maschinen aufzutreiben und jemanden zu finden, der uns ein paar halbwegs anständige Bohnen rösten konnte. Das waren ziemlich wilde Jahre, wie jeder wissen wird, der jung nach Berlin gekommen ist. Wir verbrachten unsere Zeit mit Saufgelagen und allem möglichen anderen als dem, was wir eigentlich geplant hatten.“

2005: Garth und Callum verkaufen in Dresden australisch gemachten Kaffee. 2005: Garth und Callum verkaufen in Dresden australisch gemachten Kaffee. | © Garth Gregory

ZU MEINER ZEIT

Selbst 2003 hieß es schon, Berlin habe seinen Höhepunkt überschritten. Den Schwarzsehern zum Trotz stürzte sich Garth in die ruppig-energische Atmosphäre der Stadt und mietete mit ein paar Freunden in Friedrichshain eine 30 qm große Wohnung mit Kohleheizung. „Statt jeder Menge Hipster und Intellektueller gab es hier haufenweise Linke, Punks und die ehemalige Hausbesetzergemeinschaft“, erzählt er. Außer auf Festivals verkauften Garth und Callum ihren Kaffee auch auf dem Wochenmarkt am Boxhagener Platz. „Der bestand damals aus einem rechteckigen Flecken Erde, auf dem es von Punks, Besoffenen und ihren Hunden – wirklich jede Menge Hunde, Unmengen von Hunden – nur so wimmelte. Anscheinend war der Grund für die vielen Hunde, dass man als Arbeitsloser mit Hund zusätzliches Geld bekam, um seinen Hund ernähren zu können. Also gab es haufenweise Hunde. Und Hundescheiße. Überall.“

Während sie ihr mobiles Kaffeegeschäft aufbauten, schrieben die beiden einen ordentlichen Businessplan, investierten in einen Lieferwagen und eine Kaffeemaschine und machten sich zum Bezirksamt auf, um alles offiziell absegnen zu lassen. Nachdem die Beamtin sich die Unterlagen angesehen hatte, schaute sie nachdenklich auf und fragte, ob sie schon daran gedacht hätten, keinen Kaffee zu verkaufen. Vielleicht wollten sie es lieber mit Eis, Blumen oder Fisch versuchen? Anscheinend erlaubte das Gesetz mobilen Verkäufern nur den Verkauf von Eis, Blumen und Fisch. Kaffee stand schlicht nicht auf der Liste. Die Expats waren auf diese spektakuläre Demonstration der deutschen Begeisterung für die Einhaltung gesetzlicher Bestimmungen (und ihrer Liebe zu rationalen Problemlösungen) nicht vorbereitet. „Zum Glück fanden wir heraus, dass man Kaffee auf privat vermieteten Flächen verkaufen kann, also zum Beispiel bei Straßenfesten oder auf Märkten. Aber das sagte sie uns nicht. Sie meinte nur, ‚Warum macht ihr nicht was anderes?‘“

Mobiler Kaffeestand auf dem Wochenmarkt am Boxhagener Platz Mobiler Kaffeestand auf dem Wochenmarkt am Boxhagener Platz. | © Martha Laux

AUF LANGE SICHT DABEI

2010 wurde es dann ernst. Callum war nachhause zurückgekehrt und Garth wie immer auf der Suche nach einem neuen Projekt. Er tat sich mit seinem deutschen Kumpel Jan zusammen, und gemeinsam eröffneten sie in der Oppelner Straße in Kreuzberg das Passenger Espresso-Café. „Ich gab meinem Geschäftspartner ein Versprechen, ich sagte ihm, ‚Gut, ich bin für die nächsten zehn Jahre hier, wir machen das zusammen‘, von daher würde ich sagen, dass Berlin jetzt mein Zuhause ist“, erklärt er. Garth stand zu seinem Wort und ist nach wie vor hier, auch wenn ihn im Winter häufig intensive Fluchtgefühle überkommen. Viele australische Expats können seine Beschreibung der Monotonie und Wahnwitzigkeit des Berliner Winters mit Sicherheit nachvollziehen: „Im Januar fängt man langsam an, durchzudrehen. Dann wird es Februar und man fragt sich, ‚Oh Gott, hört das denn niemals auf?‘ Dann ist es März und man sagt sich, ‚Ich muss irgendwas tun‘. Und selbst im April denkt man noch, ‚Scheiße, wird es denn hier nie Sommer?‘“

GENTRIFIZIERUNG TO GO

Wie sieht jemand wie Garth, der zum Augenzeugen des Spektakels von Berlins fortschreitender Gentrifizierung geworden ist, seine ständig im Wandel befindliche Stadt? „Für mich ist das Negativste, was ich bemerkt habe, der Verlust von Rechten und Sicherheit für die Mieter“, sagt er. „Beinahe jedes Gebäude wurde in den letzten Jahren renoviert, in einzelne Wohnungen aufgeteilt und an privat verkauft, was die Mieten mehr oder weniger explodieren ließ.“ Garth wirkt zudem leicht erstaunt, dass die Menschen in Berlin heutzutage tatsächlich Arbeit zu haben scheinen: „Ich betreibe hier seit sieben Jahren Cafés und mir ist aufgefallen, dass die Leute jetzt tatsächlich arbeiten. Sie stehen morgens auf, sogar schon um 7 Uhr, verlassen das Haus, kaufen einen Kaffee und gehen zur Arbeit! Was ein Fortschritt ist, ich meine, als ich hier ankam, sah man vor zehn Uhr morgens niemanden auf der Straße. Niemand arbeitete. Es gab keine Arbeit. Die Gentrifizierung hat also auch einen florierenden Aspekt. Die Leute können mit dem, was sie machen wollen, Geld verdienen.“

Das Passenger Espresso-Café in der Oppelner Straße in Kreuzberg. Das Passenger Espresso-Café in der Oppelner Straße in Kreuzberg. | © Georg Michienzi http://www.stipek-michienzi.com/

PASSENGER COFFEE & RÖSTEREI

Garths und Jans Geschäft floriert ebenfalls. 2015 eröffnete das Passenger Espresso-Team Passenger Coffee, ein Café mit Rösterei in Treptow, das kleine Gastgewerbe-Unternehmen mit Kaffeebohnen und professioneller Beratung versorgt. Anders als zahlreiche „Third Wave“-Spezialitätencafés und -röstereien, die den Berliner Markt in den letzten Jahren überschwemmt haben, mischt Passenger seine Bohnen (unerhört!) und röstet sie etwas dunkler (unvorstellbar!). Garth ist leicht indigniert über das Getue um leicht geröstete Kaffeespezialitäten, da diese kunsthandwerkliche Herangehensweise an Koffein sich in der Regel auf das Wo und Wie des Kaffeeanbaus, die Röstprofile, innovative Brühmethoden und so weiter konzentriert. Für ihn dagegen sind Cafés in erster Linie Orte sozialer Interaktion. „Wir sind an Räumen interessiert, in denen die Leute zusammenkommen und miteinander reden ... nicht über Kaffee, sondern über andere Dinge. Ich bin in Neuseeland damit groß geworden, in Cafés herumzuhängen, und ich finde, florierende Cafés sind ein richtig gesundes Zeichen für eine Gesellschaft“, erklärt er.

Aber ist das affige Gehabe um Kaffee wirklich so eine Sünde? Garth zufolge ist die richtige Zubereitung von Kaffeespezialitäten eine Kunst, die große Ansprüche an den Barista stellt. Er stellt klar, dass „man es sich [im Gastgewerbe] nicht wirklich leisten kann, die Art von Angestellten zu bezahlen, die das Wissen und das Können haben, um den Kaffee richtig zu brühen, sodass man die Aprikose schmecken kann, die in dem Feld neben den Bohnen wächst, weißt du, was ich meine? Denn das ist es, was man bei so einem Kaffee möchte. Man möchte die Aprikose schmecken. Wenn man da etwas falsch macht, schmeckt man keine Aprikose, sondern nur einen Schluck saure Plörre.“

In Zukunft würde Garth gerne seine eigenen Aprikosen anpflanzen. Als ich ihn zu seinen anstehenden Projekten befragte, deutete er an, dass ein Tapetenwechsel ansteht. Aufgepasst, Brandenburg, gut möglich, dass bald ein Passenger-Café in deine Nähe kommt!

Preparing caffeine for Mobiler Kaffeestand auf dem Wochenmarkt am Boxhagener Platz Mobiler Kaffeestand auf dem Wochenmarkt am Boxhagener Platz. | © Martin Schwemin