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Freie Universität Berlin
Freie Universität Berlin | © Luke Troynar

Da ich eigentlich nie ein Leben in Berlin geplant hatte, gab es sehr vieles über Deutschland, von dem ich absolut keine Ahnung hatte, bis ich mich dann unerwarteter Weise hier niederließ. Da ich auf einer subtropischen Insel am anderen Ende der Welt aufgewachsen bin, habe ich, um ehrlich zu sein, nie wirklich über Deutschland nachgedacht. Abgesehen von den lückenhaften Erinnerungen aus der Schulzeit eines uninteressierten Teenagers, hat sich mein Wissen über Deutschland auf verschwommene Klischees und nur äußerst wenige Fakten beschränkt.

Eine deutsche Gegebenheit die mich begeisterte, war die Genialität des deutschen Universitätssystems. Wie sich herausstellte, war ich nicht nur berechtigt eine Vielzahl von Master-Abschlüssen in Berlin zu absolvieren, die auch noch komplett auf Englisch unterrichtet werden, sondern durfte das Ganze auch noch völlig kostenlos tun. Das war Musik für meine mittellosen Ohren. Dank der spätkapitalistischen Monetisierung des Bildungswesens, die sich verheerend auf Studienkosten in den meisten Teilen der Welt ausgewirkt hat - die gehende Rate um Down Under ein Master-Hütchen mit dazugehöriger Robe tragen zu dürfen, liegt derzeit bei rund 20.000 bis 37.000 australischen Dollar –  fand ich die Chance einen Master-Abschluss zu erhalten und dabei keine Schulden anzusammeln, wirklich verblüffend.

Das Gelände um die Freie Universität Berlin. © Luke Troynar Einen kostenlosen akademischen Grad?! Ja bitte. Ich hätte es wahrscheinlich sogar in Erwägung gezogen mich für den „Master of Currywurst“ einzuschreiben, wäre dies die einzige Option gewesen. Glücklicherweise bat die Freie Universität Berlin auch einige nicht Würstchen bezogene Studiengänge an, und erlaubte es mir mich als angehenden Master der englischen Literatur, Sprache und Kultur einschreiben. Ich würde jetzt gerne sagen „und der Rest ist Geschichte“ - und vor ein paar Wochen traf das dann auch endlich zu - aber in Wahrheit hat sich die Chronik meines Berlin-Studiums in einem eher recht gemächlichen Tempo entfaltet.

Sich Zeit lassen

Was mich zu einer weiteren Tatsache des Berliner Lebens bringt: Die Deutschen lassen sich gerne Zeit mit ihrem Studium. Und diese gemächliche Vorgehensweise ist recht ansteckend. Wer kann ihnen dies schon übel nehmen, wenn es das System zulässt? Und wenn ich hier kostenlose Hochschulbildung sage, meine ich K-O-S-T-E-N-L-O-S. Öffentliche Hochschulen verlangen in Berlin keine Studiengebühren und es erfordert nur ein paar hundert Euro pro Semester um die Verwaltungskosten zu decken (die sogar staatlich subventionierten öffentlichen Verkehrsmittel sind da mit eingeschlossen und machen die ganze Sache noch schmackhafter). Was noch hinzukommt, ist dass die Qualität des Unterrichts in der Regel sehr hochwertig und auch international angesehen ist.
 
Packen wir noch eine günstige Krankenversicherung oben drauf, ein paar weitere Zusatzleistungen und die Tatsache, dass Programme wie meins eher dazu neigen, relativ flexible Deadlines zu haben, merkt man dann auf einmal wie man sich daran erlabt, wohlig über Deutschlands großzügige pädagogischen Weiden zu streifen. Es bleibt zu erwähnen, dass sich das deutsche Sozialsystem besonders fürsorglich um all die sachkundigen Grasenden kümmert, die Schwierigkeiten haben, ihre neu gewonnenen Kenntnisse in einen perfekten Job umzusetzen. Dies bietet möglicherweise einen weiteren Puffer zwischen dem Studenten- und eigentlichen Berufsleben, und erschafft somit noch mehr Zeit um eine zusätzliche Weiterbildung, ein neues künstlerisches Projekt oder eine improvisierte Reise in Betracht zu ziehen.

Die Masterarbeit ist abgegeben. Die Masterarbeit ist abgegeben. | © Luke Troynar Da ich nur in Berlin und sonst nirgendwo anders in Deutschland gelebt habe, habe ich mich bei einer alten Freundin aus Melbourne erkundigt, die jetzt schon seit Jahren in Leipzig wohnt, ob dies auch wirklich ein deutsches Phänomen ist und nicht nur ein Berlin-spezifisches. Da ihre Reaktion sowohl stark als auch umfassend war, möchte ich sie hier gerne wortwörtlich zitieren: „In den ganzen sieben bis acht Jahren die ich jetzt schon hier bin, sind alle meine deutschen Freunde immer nur am Studieren.“ Wir tauschten ein paar Smiley-Emojis über Facebook aus, bevor sie weitersprach: „Ich denke die Leute hier studieren, finden nicht gleich den perfekten Job, gehen zurück zur Uni und studieren weiter, lassen sich Arbeitslosengeld zahlen, studieren wieder was Neues, und so weiter.“
 
Das klang für mich natürlich sehr vertraut und veranlasste mich dazu, mit dem Lachen aufzuhören und mir stattdessen darüber Gedanken zu machen, wo genau ich mich grade in diesem Kreislauf befand und wie ich da wieder rauskommen könnte, auch wenn ich das eigentlich gar nicht wirklich wollte. All diese hingebungsvollen Vollzeitmitarbeiter da draußen, mit ihren bequemen Firmengehältern und ihren Beförderungsaussichten, können sich gerne über das kitschige Image des „ewigen Studenten des Lebens“ lustig machen, aber in Wahrheit spricht wirklich etwas für ein System, das einem ermöglicht, sich Gedanken darüber zu machen, wie man seine limitierte Zeit auf dieser Erde tatsächlich verbringen möchte. Und das sollte nicht als selbstverständlich erachtet werden.