Bicultural Urbanite Brianna Gehen ein Berliner und ein Expat in eine Bar

Werbeposter für Berlins Stand-Up-Comedyshow 'We Are Not Gemüsed'.
Werbeposter für Berlins Stand-Up-Comedyshow 'We Are Not Gemüsed'. | © We Are Not Gemüsed

Was Stand-Up-Comedy angeht, haben die Deutschen nicht gerade einen guten Ruf. Aber das heißt ja noch nicht, dass sie nicht wissen, wie man einander zum Lachen bringt. Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts nahm Deutschland das Kabarett und sein „Erlaubt ist, was gefällt“-Chaos mit Begeisterung auf und hat seither zahllose Clowns, Musikkabarettisten und andere satirische Unterhalter hervorgebracht.

Heute hat sogar Stand-Up-Comedy ihren Platz in der Comedy-Landschaft gefunden – vor allem in Berlin. Die englischsprachige Stand-Up-Szene der Stadt hat im letzten Jahrzehnt einen enormen Aufschwung erlebt, und es sind nicht nur Muttersprachler, die sich dabei zu Wort melden.

Ich besuchte meine erste englischsprachige Stand-Up-Show im Jahr 2007 im Berliner Kookaburra Club. Meine Freunde und ich waren freuten uns auf ein paar erstklassige Lacher, wurden jedoch rasch von den amerikanischen und australischen Komikern enttäuscht, die eine Auswahl an Peniswitzen und abgelutschte Beobachtungen darüber vom Stapel ließen, wie übellaunig die Berliner sind und dass die Stadt mit Hundescheiße überzogen ist. Dazu gab es einen deutschen Komiker, der sich als Teil seines Programms Tischtennisbälle in den Mund stopfte und dazu Playback sang, während er theatralisch seine Klöten umklammerte, um die hohen Töne zu erreichen. Wir suchten in der Pause das Weite.

DER X(PAT)-FAKTOR

Der Quatsch Comedy Club in Berlin. Der Quatsch Comedy Club in Berlin. | Creative Commons Attribution – Share Alike 3.0 Germany Die Berliner Stand-Up-Szene hat seither große Fortschritte gemacht. Der Quatsch Comedy Club in Mitte bietet eine Plattform für professionelle Komikerinnen und Komiker wie Cindy aus Marzahn, eine erfundene Figur, die an Kim aus der australischen Serie Kath & Kim erinnert, und Anke Engelke, die in der preisgekrönten Sketchshow Ladykracher auftrat. An der Basis hat ein Zufluss von jungen Migranten aus aller Welt der örtlichen Stand-Up-Szene neue Energie und Vielfalt verliehen. Viele Komiker treten auf Englisch auf, selbst wenn es nicht ihre Muttersprache ist. Dieser multikulturelle Haufen kommt aus so verschiedenen Ländern wie Russland, Indien und natürlich Australien.

Diese Shows sind noch ohne den letzten Schliff und finden häufig in Kellern, Nachtclubs oder Kneipen-Hinterzimmern statt. Dutzende von Open-Mic-Abenden ermutigen Möchtegern-Komiker dazu, es auch mal zu probieren, und geben älteren Hasen eine Chance, neues Material auszutesten. Und es gibt ganz eindeutig ein Publikum für diese Art von Humor. Fast jeden Abend findet man mindestens zwei oder drei englische Stand-Up- oder Improvisations-Comedy-Veranstaltungen, die in der Stadt für Schmunzeln und herzhaftes Gelächter sorgen. Die Gäste werden zur Begrüßung oft mit einem Schuss billigem Fusel aufgewärmt, und eine regelmäßige Show lockt das Publikum sogar mit dem Versprechen kostenloser Pizza an. Die Qualität der Auftritte variiert, aber das ist ja auch kein Wunder, wenn man einen zusammengewürfelten Haufen semi-professioneller Komiker auf derselben Bühne zusammenbringt.

HUMOR IST MENSCHLICH

Der britische Komiker, Schauspieler, Autor und politische Aktivist Eddie Izzard. Der britische Komiker, Schauspieler, Autor und politische Aktivist Eddie Izzard. | Creative Commens Attribution 3.0 Unported (CC BY 3.0) Trotz des internationalen Flairs der Szene geht bei der Übersetzung überraschend wenig Material verloren. Wie der bekannte britische Komiker Eddie Izzard in The Local berichtete, gibt es zwar in jedem Land eine andere Art von Comedy, aber Humor ist menschlich – nicht national. Izzard tritt auf Englisch, Französisch und Spanisch auf und hat sein Repertoire erst kürzlich um Deutsch erweitert. Beim Austesten seiner jüngsten Show in Berlin stellte er fest, dass deutsche wie englische Zuhörer an denselben Stellen seines Programms lachen – trotz der Tatsache, dass die Deutschen oft bis zum Satzende warten müssen, bis das oh-so-wichtige Verb verraten wird. Izzard zufolge sollte gutes Material gut ankommen, unabhängig davon, wo (oder in welcher Sprache) Komiker auftreten, solange sie Anspielungen vermeiden, die sich ausschließlich auf ihre Heimatstadt oder ihr Heimatland beziehen.

DER DEUTSCHE HUMOR-BOTSCHAFTER

Trotz der Dominanz englischsprachiger Comedy in der westlichen Welt (und dem Running Gag, dass die Deutschen keinen Sinn für Humor haben) hat Deutschland tatsächlich eine beachtliche Anzahl an Sketchshows, Sitcoms und Late-Night-Shows hervorgebracht. Es gibt sogar eine deutsche Mockumentary-Series namens Stromberg (von Ricky Gervais‘ The Office inspiriert) und eine satirische Nachrichtenshow namens Die Heute Show (in klarer Anlehnung an die US-amerikanische Daily Show). Dennoch könnte man meinen, Deutschland habe bisher nur einen Stand-Up-Comedian erfolgreich exportiert. Der in London lebende Henning Wehn ist Großbritanniens selbsternannter deutscher Humor-Botschafter. Als er vom Telegraph zu Deutschlands angeblichen Defiziten in Sachen Humor befragt wurde, widerlegte er dieses Märchen umgehend: „Ob man in Deutschland oder in England in eine Kneipe geht, die Leute lachen mit derselben Lautstärke über dieselben Witze. Es ist eher so, dass Stand-Up-Comedy und die Humor-Branche insgesamt in Großbritannien wesentlich weiter entwickelt sind.“

Während Deutschland noch einen langen Weg vor sich hat, bis es sich mit den Schwergewichten der internationalen Stand-Up-Szene messen kann, tut Berlins florierende Comedy-Gemeinde definitiv das ihre, um die Branche vor Ort anzukurbeln. Regelmäßige Abende wie The Last Stand, We Are Not Gemüsed und Laughing Spree tragen dazu bei, die Begeisterung anzufachen; und das Comedy-Café in Neukölln organisiert sogar ein jährliches Berlin Fringe Festival. Wenn Sie also das nächste Mal hier sind, sollten Sie Ihrer alphabetisch sortierten To-do-Liste das Stichwort ‚Comedyshow’ hinzufügen. Das passt dann auch perfekt zwischen ‚Berghain‘ und ‚Currywurst‘.