Gastblogger James Die Geschichte der Zukunft

Ausgaben des Rixdorf Verlags im Schaufenster eines Buchladens in Kreuzberg, Berlin.
Ausgaben des Rixdorf Verlags im Schaufenster eines Buchladens in Kreuzberg, Berlin. | © James J. Conway

Was haben uns die deutschen Außenseiter, Rebellen und Bohemiens des frühen 20. Jahrhunderts zum Leben in der Gegenwart zu sagen?

Für unser Selbstbild als freie Denker gibt es keine größere Bedrohung, als auf unser Leben zurückzublicken und nichts als eine Reihe stereotyper Unterfangen zu sehen. Sydney verlassen, um ein weiterer Expat zu werden, der versucht, es in London zu etwas zu bringen? Lange Arbeitszeiten in einem stressigen Erbsenzähler-Job, um eine Hypothek abzuzahlen? Dann alles aufgeben, um in der vagen Hoffnung auf ein kreativeres Leben nach Berlin zu ziehen?

Diese Ansammlung von Klischees ist mein Leben.

James J. Conway. James J. Conway. | © Miles Staveley Aber wenn es Klischees waren, warum habe ich sie nicht kommen sehen? Warum habe ich in der Schule nicht besser aufgepasst und vielleicht doch mal ein bisschen Deutsch gelernt, anstatt mir neue Arten auszudenken, Mr. Garans normalerweise gute Laune zu unterminieren, nur um mich dann für Französisch zu entscheiden, weil mir das leichter vorkam? Um fair zu sein, fiel es meinem Teenager-Ich schwer, sich mein zukünftiges Ich in einem anderen Jahrtausend, auf einem anderen Kontinent, mit deutschem Pass, deutscher Stieftochter und deutscher Einstellung zum Bei-Rot-über-die-Ampel-gehen (nie) vorzustellen.

So kam die Vorbereitungsarbeit für dieses neue Leben eher spät. In London heckte ich einen geheimen linguistischen Fluchtplan aus – suchte mir einen Deutschlehrer und stahl mich ins Goethe-Institut in South Kensington, um Bücher und Filme auszuleihen. Damit begann der lange, mit aufreibender Frustration und periodischen Durchbrüchen gepflasterte Weg, aus dem das Sprachenlernen im Erwachsenenalter besteht, und führte letztlich zu einem Übersetzerdiplom Deutsch-Englisch. Und so fand ich mich, als die 2010er-Jahre eingeläutet wurden, in Berlin wieder, am Beginn einer neuen Karriere, in der ich so gut wie alles übersetzte, von Jahresberichten und Datenschutzerklärungen bis hin zu Ausstellungstexten für Museen und Interviews mit Theaterregisseuren. Das war eine erhebliche Verbesserung und definitiv kreativer, aber trotz allem – nicht ganz die Erleuchtung, auf die ich gehofft hatte.

WO BIN ICH?

Etwas Seltsames passiert, wenn man in eine neue Stadt zieht. Nicht nur lernt man sich räumlich zurechtzufinden (Wie funktioniert das U-Bahn-System? Wo gibt es die besten Flohmärkte?), man orientiert sich auch zeitlich. Da ich über keinerlei deutschen Hintergrund verfügte, stand es mir frei, mir meine eigenen Identifikationspunkte aus der Geschichte des Landes herauszupicken. Selbstverständlich bietet Berlin jede Menge Vergangenheit, vieles davon erschütternd und relativ aktuell. Dann ist da die Weimarer Republik – sexy, kantig und innovativ, was die Stadt offenkundig sowohl wieder aufgreift als auch von Neuem durchlebt. Babylon Berlin ist ein weltweiter Hit, Hundert-Jahre-Bauhaus-Gedenkfeierlichkeiten sind überall, und der Hunger der Stadt nach nächtelangen Partys und transgressiver Kultur ist nicht weniger groß als in den 1920er Jahren (auch wenn man sagen muss, dass das derzeitige Wiedererstarken der Rechten die ganze Retro-Sache doch etwas zu weit treibt).

Widersprüchliche Botschaften auf einem Fahrradständer in Berlin. Widersprüchliche Botschaften auf einem Fahrradständer in Berlin. | © James J. Conway Aber was kam davor? Zur Wilhelminischen Ära (1890-1918) konnte ich wenig mehr heraufbeschwören als ein geistiges Bild des Kaisers, der der Zeit ihren Namen verlieh, mit mürrischem Gesichtsausdruck unter spitzem Helm; ich nahm an, dass seine autoritäre Regentschaft eine Zeit von Konservatismus und Konformität war. Ich hatte eine vage Vorstellung von den Gründen für den Ersten Weltkrieg, aber die Literatur dieser Epoche? Keinen blassen Schimmer.

Diese Lücke war an sich schon faszinierend. Und tatsächlich fanden sich die überraschenden Innovationen dieser Ära überall. Wie viele andere Berlinbesucher bewunderte ich den im Stadtzentrum gelegenen Komplex der Hackeschen Höfe, 1906 von August Endell gestaltet. Neugierig auf mehr, stieß ich auf ein Buch (Die Schönheit der großen Stadt), das der Architekt um dieselbe Zeit schrieb, einen anregenden Essay, der meine Empfindungen in Bezug auf persönliche Verbindungen zu Orten und Geschichte so perfekt erfasste, dass er sich wie eine Mitschrift meiner eigenen Gedanken las. Ein Text aus der Vergangenheit beschrieb meine Gegenwart und sollte mir sogar den Weg in die Zukunft weisen, auch wenn ich das damals noch nicht wusste.

Das historische Örtchen Rixdorf, inzwischen Teil von Berlin. Das historische Örtchen Rixdorf, inzwischen Teil von Berlin. | © James J. Conway Ich las weiter – über Endells gute Freundin, die ‚Skandalgräfin‘ Franziska zu Reventlow, und den Rest ihres Münchner Kreises (ja, München war im frühen 20. Jahrhundert ein Zentrum der Avantgarde – wer hätte das gedacht?). Alles, was wir mit der Weimarer Republik verbinden, die künstlerische Verwegenheit, die unkonventionellen Lebensstile und die Pläne für eine bessere Welt – alles schon da.

Ich machte mich daran, so viel über die (Gegen-)Kultur dieser Epoche zu erfahren, wie ich nur konnte. Ich pflegte regelmäßig mit Stapeln von Büchern aus der Staatsbibliothek – der wunderschönen modernistischen Bibliothek aus Der Himmel über Berlin – zurückzukommen, ergatterte in Antiquariaten Originalausgaben und sammelte sogar Postkarten aus dieser Zeit. Ich machte mich auf die Suche nach den Träumern und den Rebellen und wurde mit radikalen Werken aus der Roman- und Sachliteratur belohnt, zeitgenössischen Texten, nur, dass sie eben über hundert Jahre alt waren. Und wieder und wieder fragte ich mich: Wie hatte ich dieses erstaunliche, fortschrittliche Vermächtnis übersehen? Warum schien es sogar in Deutschland selbst mehr oder weniger vergessen zu sein? Und (die Erleuchtung naht …) warum war so wenig davon ins Englische übersetzt worden?

Und da war sie! Meine kreative Mission.

SEX, TOD UND TASCHENBÜCHER

So begann 2017 für mich eine neue Phase literarischer Übersetzungen, um diese Reichtümer auch der englischsprachigen Welt nahezubringen. Dazu gründete ich, unter sorgsamer Ignorierung meines vollständigen Mangels an Erfahrung im Verlagswesen, einen (sehr) kleinen Verlag namens Rixdorf Editions. Neben Endell und Reventlow erschienen bei Rixdorf auch Übersetzungen von Magnus Hirschfelds außerordentlicher Beschreibung von queerem Leben im frühen 20. Jahrhundert (Berlins Drittes Geschlecht), experimentelle Prosa von Anna Croissant-Rust (Der Tod) und ein visionärer feministischer Roman von Ilse Frapan (Wir Frauen haben kein Vaterland). Dabei stellen sich mir dieselben Herausforderungen wie jedem anderen unabhängigen Verleger. Allein das Bemerktwerden ist schwierig. Dennoch haben diese vernachlässigten Schätze in Großbritannien und den USA langsam Verbreitung sowie positive Rezensionen und eine kleine, aber wachsende Leserschaft gefunden.

Kurzgeschichten von Franziska zu Reventlow; erste Ausgaben auf Deutsch und Englisch, zwischen ihnen liegen 100 Jahre. Kurzgeschichten von Franziska zu Reventlow; erste Ausgaben auf Deutsch und Englisch, zwischen ihnen liegen 100 Jahre. | © James J. Conway Um eines klarzustellen – das Wilhelminische Deutschland ist keine Epoche, in der ich leben möchte. Vielmehr respektiere ich es als die nicht anerkannte Quelle von vielem, das wir für modern halten, von Werken, die unsere gegenwärtige Befindlichkeit beschreiben. Manchmal auch auf unbequeme Art; meine nächste Übersetzung ist ein Buch von 1894 mit dem Titel Der Antisemitismus, in dem der österreichische Autor Hermann Bahr in Interviews mit Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens jener Zeit ein Thema untersucht, das – tragischerweise – auch heute noch aktuell ist.

Ich habe in den freien Geistern des frühen modernen Deutschland und in ihrer Ablehnung von formelhaftem Denken endlose Inspiration gefunden. Das Mindeste, was ich tun kann, ist, ihr Vermächtnis weiterzugeben.