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Bicultural Urbanite Brianna
Vom Hacker zum Hipster: Coworking in Berlin

Colonia Nova Büro in Berlin-Neukölln
© Brianna Summers

Während die ersten Coworking Spaces zwar vorwiegend in den USA entstanden sind, war Berlin auch an der Entwicklung dieses globalen Trends beteiligt. Die deutsche Hauptstadt beherbergt heute unzählige Gemeinschaftsbüros, von kreativen Clubhäusern bis hin zu super professionellen Franchise-Unternehmen.

Von Brianna Summers

Versteckt in einer Seitenstraße im zentralen Berliner Stadtteil Mitte, liegt „die älteste abgestürzte Raumstation der Erde“. C-base wurde 1995 von einem gemeinnützigen Verein als Raum für Hacker gegründet. Der Eingang draußen sieht sehr bescheiden aus. Im Inneren öffnet sich ein neonbeleuchteter Tunnel zu einer Art Science-Fiction-Filmkulisse mit futuristischer Beleuchtung und allen möglichen technischen Utensilien, die an Decken und Wänden kleben. C-base ist ein Treffpunkt für Computerprogrammierer und digitale Künstler, ein Veranstaltungsort und eines der frühesten Beispiele für das, was wir heute als Coworking bezeichnen.

Ein paar Jahre später errichteten einige Kreative auf der anderen Seite des Teichs den ersten von mehreren flexiblen Arbeitsbereichen („Work Clubs“) in New York City. Im Jahr 2002 folgte ein österreichisches „Unternehmerzentrum“ namens Schraubenfabrik. Dann stieg die Westküste in einen Gemeinschaftsraum ein, der als „Heimat des Wohlbefindens“ galt (ein frühes Zeichen für das spätere New Age-Flair des Trends).

Londons erster „Hub“ wurde 2005 eröffnet, ungefähr zur gleichen Zeit wie das Berliner Café St. Oberholz, welches dank kostenlosen WLANs und Laptop-Freundlichkeit zum Coworking-Space wurde. Ich kann mich daran erinnern, wie ich 2007 auf einen Kaffee vorbeigekommen bin, und mich ‚underdressed’ und ‚under-MacBooked’ gefühlt habe. Proto-Hipster hockten in einer seltsamen, koffeinlastigen Bibliotheksatmosphäre auf Barstühlen und waren fleißig am tippen. Diese Szene zeigt sich seitdem so oft in der ganzen Stadt, dass sie heute völlig unauffällig ist, genauso wie Handys, die an Bändern um den Hals getragen werden oder Menschen, die Hashtags in der Sprache verwenden. c-base Verein in Berlin Wo alles begann: c-base in Berlin | © Raimond Spekking / CC BY-SA 3.0

VON BASIC BIS ZU BOUTIQUE

Berlins jüngster Zustrom junger Geschäftsleute macht die Stadt zu einem erstklassigen Markt für Coworking Spaces. Freiberufler gibt es zuhauf und ich habe auch etliche Remote-Arbeiter kennengelernt: einen finnischen Grafikdesigner, der immer noch für ein Unternehmen in Helsinki arbeitet und einen amerikanischen Programmierer, der in Neukölln lebt, aber im Silicon Valley seinen Lohn verdient.

Viele Berliner Räumlichkeiten bieten einen bezahlbaren Gemeinschaftsraum, in dem man seine Arbeit erledigen und vielleicht auch Gleichgesinnte treffen kann. Die Geschäftswelt hat jedoch auch zu „Boutique“ Coworking Spaces geführt, ein exklusives Paradies, das eine einzigartige Mischung aus Wellness, Innovation und Networking verspricht. Solche Einrichtungen haben Leitbilder, Vergünstigungen, Privilegien und saftige Preisschilder. So bietet die Factory Berlin ein „kollaboratives Ökosystem“, in dem sich „Innovatoren und Weltveränderer […] gegenseitig unterstützen etwas Neues zu erschaffen, Ideen miteinander zu teilen und Eingefahrenes zu disrupten“.

Heavy Hitters co-existieren mit kleinen Unternehmen wie Berlinworxx und dem Wonder Coworking für Frauen. Es gibt auch solche Ur-Berliner Orte wie Lause in Kreuzberg, wo 170 Menschen leben und arbeiten. Auf dem selbst beschriebenen „Testgelände für neue Sozialmodelle und soziales Unternehmertum“ befinden sich ein Grafikdesignstudio, ein Fotostudio, ein Klavierbauer und -stimmer, Dokumentarfilmer, ein feministisches Filmkollektiv, ein gemeinnütziger Projektraum, Illustratoren und Autoren, Redakteure, Übersetzer und viele mehr.

​Leider droht es Lause jetzt, in die Vergangenheit abgeschoben zu werden. Die Bewohner kämpfen gegen den Verkauf ihres Gebäudes an private Investoren, die daraus Wohnungen machen wollen.

Das WeWork Bürogebäude in New York Das WeWork Bürogebäude in New York | © Ajay Suresh (Bild wurde bearbeitet)

GABELN TEILEN

Ich selbst arbeitete schon seit zwei Jahren als Freiberufler von zu Hause aus, bis mir dann die Decke auf den Kopf fiel, und ich mich den Selbstständigen, Studenten und Remote-Arbeitern anschloss, die in bezahlbaren Gemeinschaftsräumen Ad-hoc-Gemeinschaften bildeten. Mein erstes Gemeinschaftsbüro befand sich im obersten Stockwerk eines Fertigbetonmonolithen. Es hatte keine Ähnlichkeit mit den polierten Holz- / Edison Birnen- / Dach-Yoga-Szenarien, die normalerweise unter dem Begriff „Coworking Space“ zusammengefasst werden. Es gab keine Motivationsgespräche oder „Kamingespräche“, keine bunten Sitzsäcke und kein echtes Gemeinschaftsgefühl. Tatsächlich war ich oft die einzige Person dort.

Morgens wurde ich auf der Arbeit als erstes von einem düsteren Zementtreppenhaus begrüßt, das mir das Gefühl gab, als ob ich die Treppen eines massiven öffentlichen Toilettenblockes erklimmen würde. Unser Büro war schlicht und von Leuchtstoffröhren beleuchtet, obwohl wir zum Glück einen Blick auf den blauen Himmel genießen konnten, der über die benachbarten Stadthäuser schweifte.

Aber auch die Aussicht konnte nicht vom Zustand der Küche ablenken. Befleckte Möbel standen auf klebrigem, abblätterndem Linoleum, der Geschirrspüler verstopfte regelmäßig und es gab einen chronischen Mangel an Gabeln. (Wenn ich jemals eine Abhandlung über meine Zeit dort schreibe, heißt sie Spaghetti mit einem Löffel essen).

Das Rauchen war anfangs in der Küche erlaubt, was dem gesamten Stockwerk das typische After-Party-Aroma verlieh, hervorgerufen von feuchten Zigarettenkippen in Bierflaschen. Aber - es war billig und drei gute Freunde teilten sich den Raum mit mir, von denen ich zwei dort kennengelernt hatte. (Ich glaube, es war unser ständiger Kampf, Gabeln zu finden, der uns so eng verbunden hat.) Der Aufzug im Colonia Nova Kreativhaus in Berlin Berliner Art: Es gibt kein Entsafter im Aufzug unseres Neuköllner Gebäudes | © Brianna Summers

EIN GLÜCKLICHER MITTELWEG

Nach bescheidenen Anfängen ist die Coworking-Szene in den 2010er Jahren weltweit wirklich gewachsen. Internationale Franchise-Unternehmen wie WeWork, Mindspace und Impact Hub sind auf dem Vormarsch und haben alle ihre Standorte in Berlin. Die deutsche Online-Statistik-Website Statista veröffentlichte, dass Ende 2019 weltweit über 22.000 Arbeitsplätze von rund zwei Millionen Mitarbeitern genutzt wurden.

Und meine Coworking-Erfahrung hat sich ebenfalls entwickelt. Als unser graues ostdeutsches Gebäude verkauft wurde und alle Mieter rausgeschmissen wurden, kann ich nicht gerade sagen, dass es mir leid tat zu gehen. Ich teile mir jetzt ein Raum in einem Coworking-Komplex in Neukölln, in dem Elemente der Hipster-Design-Ästhetik (Sukkulenten, Dachgarten) mit der Farbanmutung meines vorherigen Büros kombiniert sind.

Klar, manchmal besuchen uns Start-ups um ihre „Empowerment“- oder „Disruption“-Workshops in unserem Loft zu halten, aber meine Kollegen sind alle unglaublich bodenständig. Ich glaube, ich habe einen glücklichen Mittelweg zwischen deprimierendem Elend und agiler Wichtigtuerei gefunden.

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