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Gastbloggerin Siobhan
Die Essenz von uns allen

Mauro Peter und Siobhan Stagg singen in "Die Zauberflöte"
Tamino (Mauro Peter) und Pamina (Siobhan Stagg) in Mozarts "Die Zauberflöte" am Royal Opera House, London | © ROH Tristram Kenton

Die gefeierte australische Sopranistin Siobhan Stagg war gerade auf Konzertreise in Sydney, als der weltweite Lockdown begann. Sie flog wieder nach Hause nach Berlin und sah zu, wie ihr Auftrittskalender wie ein Kartenhaus vor ihren Augen zusammenfiel. Sie hat gelernt sich auszuklinken und entdeckte die theatralischen Talente von Mutter Natur.

Von Siobhan Stagg

Wenn du dir selbst einen Gefallen tun möchtest, öffne deinen YouTube-Browser, geb Furie terribili ein und genieß ein zweiminütiges musikalisches Feuerwerk. In meinem LBC — meinem "Leben vor Corona" — war diese Energiespritze mein tägliches Brot. Ich reiste um die Welt und sang in den größten Konzertsälen, mit genialen Kollegen und endloser Poesie und Musik, die es zu erforschen galt. Italienische Adjektive wie Legato und Staccato waren Teil meines Alltags, als wenn es das Natürlichste auf der Welt sei. Menschen weinten, applaudierten und warfen Blumen auf die Bühne, als Dank dafür, dass ich Musik in ihr Leben gebracht habe.

Plötzlich betrat Coronavirus die Bühne und alle öffentlichen Versammlungen wurden auf unbestimmte Zeit abgesagt und dem gesamten Kunstsektor wurde der Stempel „nicht essenziell" aufgedrückt, was für Tausende von Kunstschaffenden knifflige, existenzielle Fragen aufwarf. Wenn das, was wir tun, für die Gesellschaft nicht essentiell ist, wo bleiben wir dann?

Siobhan Stagg singt zu Hause Singen mit einem Löffel: Mein "All by Myself"-Parodieprojekt | © Siobhan Stagg Künstler schütteten schnell Online-Quarantäne-Inhalte aus, um in der Flut von abgesagten Aufführungen sichtbar zu bleiben. Neben Videos von der Deutschen Oper Berlin und dem Royal Opera House, enthielt meine Ausgabe ein Cover von Eva Cassidys Songbird, als Hommage an die Frontarbeiter, und eine Lockdown-Parodie von All By Myself, bei der ich einen Esslöffel als Mikrofon benutzte. Likes, Kommentare und Shares gab es zuhauf. Sie haben meine Stimmung zwar für einige Momente gehoben, aber letztendlich fühlte ich mich immer noch leer und allein.

Good vibrations

 
Ich glaube die wahre Quelle der Magie jedoch ist es, Musik in der Gegenwart anderer zu erleben.  Egal, auf welcher Seite des Podiums ihr sitzt, es gibt nichts Besseres, als von den Vibrationen von Mahlers Symphony No. 2 'Auferstehung' durchflutet zu werden — mit einem 200-stimmigen Chor, über 100 Musikern im Orchester und 2000 Menschen im Saal — alle konzentrieren sich auf genau die gleiche Kadenz, zum genau gleichen Zeitpunkt. Es ist ein Paradox intensiver Intimität, die durch die öffentliche Gemeinschaft noch verstärkt wird. Solche Momente sind vielleicht nicht unbedingt überlebensnotwendig, aber sie sind essentiell; sie sind mit Essenz erfüllt.
 
Seitdem die drei Opernhäuser in Berlin geschlossen wurden, ist der Himmel über meinem Balkon zum schönsten Theater geworden. Ohne ein Ticket kaufen zu müssen, führt er Abend für Abend eine andere Show auf. Schade, dass ich eine weltweite Pandemie brauchte, um seine Talente zu bemerken... wie er Wolken in Figuren verwandelt, wie dunkel diese aussehen können, wenn sie aus einer mit Wassertropfen beschwerten Wolke entstanden sind, der darauffolgende lächelnde Regenbogen und, wie dann der Himmel bei Sonnenuntergang seine exquisite Farbpalette zur Schau stellt.
 
Ein Abendspaziergang durch den Schlosspark Charlottenburg ist zu meiner täglichen Meditation geworden. Handys bleiben auf dem Küchentisch - während dieser seltenen Pause von der konstanten Bildschirmzeit, sind keine summenden Ablenkungen erlaubt. Ich nehme an, der See war schon immer so schön, aber die Intensität der Farben, die duftenden Blüten, die Entchen, die zu unbeholfenen Teenagern werden, habe ich bis jetzt kaum bemerkt. In LBC hatte es immer ein Zeitfenster gegeben zum Scrollen, dringende Post zu beantworten und auf nervende Voicemails einzugehen. Technologie fühlte sich so verlockend an, bis sie auf einmal das Einzige war, was uns noch blieb. Jetzt liegt die Neuheit in der Analogie. Sonnenuntergang über Schloss Charlottenburg in Berlin Sonnenuntergang über Schloss Charlottenburg in Berlin | © Siobhan Stagg

PS. Ich liebe dich (noch) ...

 
Als ich auf den Stufen des Schlossparks Charlottenburg stand fiel mir auf, dass auch diese Szene Elemente des Theaters hat. Mit dem See als Bühne, sind die Bäume an der Seite die Vorhänge des Theaters. In der Mitte der Bühne geben die Enten ein lebhaftes Vorspiel, jagen und rasen am Ufer entlang. Ohne Fanfare tritt der Protagonist auf: der Schwan. Mit dem geringsten Heben der Flügel verdoppelt er seine Größe und Majestät. „Ich bin hier", strahlt er aus. „Ich lenke dich von deinen Sorgen ab.“ Hinter uns die Zuschauer „oh“ und „ahhh“. Ein schwarzer Labrador dreht Pirouetten um seinen Besitzer und überkreuzt seine Leine mit der eines anderen Hundes, in einem spontanen Pas-de-deux.
 
Als Expat, den es wegen des pulsierenden kulturellen Angebots nach Berlin zog, habe ich durch den Lockdown gelernt, diese Stadt auf neue Weise zu lieben. Auch wenn es immer noch viel zu lieben gibt, hoffe ich, dass das Publikum auch wieder in die Theater und Konzertsäle strömen wird, sobald es wieder sicher ist.
 
Straßenkunst in Berlin Straßenkunst in Berlin | © Siobhan Stagg In der Zwischenzeit bemerke ich Kunst, wo immer ich auch hingehe. Gestern fand ich mich im alten Ostberlin, im Treptower Park, wieder und betrachtete die Größe des sowjetischen Kriegerdenkmals. Dabei fiel mir auf, dass eine Brigade hoher Pappelbäume das Gelände umgibt, es bogenförmig einfasst und den Himmel salutiert. In ihrem Bogen spiegelt eine Reihe von Trauerweiden den Anblick eines skulptierten Soldaten wider, der vor seinen gefallenen Kameraden kniet. Diese Anordnung von Bäumen ist vollkommen kunstvoll und doch so subtil ausgeführt, dass die meisten Besucher nicht weiter darüber nachdenken. Auf unserem Heimweg mit dem Fahrrad kommen wir an mehreren umwerfenden Beispielen von Straßenkunst, inmitten einer ansonsten schmuddeligen Umgebung vorbei, wie diese beiden Hände, eine dunkel und eine hell, in einer Geste des Friedens. Die Energie dieses Bildes überstrahlt den unansehnlichen Gebrauchtwagenhof, den es sowohl Galerie als auch Zuhause nennt.
 
Ich nehme an, das größte Kompliment an die Kunst ist, dass so viel von ihr, unbemerkt und ohne große Fanfare, an uns vorbeigeht. Kunst ist überall: in unseren Netflix-Süchten, unseren Spotify-Playlists, auf unserer Müslipackung und in dem immer so bescheidenen Himmel. Wer den Wert der Kunst nicht erkennt, muss sie einfach noch nicht zu sehen gelernt haben.
 
Je mehr ich darüber nachdenke, desto mehr bin ich davon überzeugt — Kunst ist nicht nur essentiell, sie ist die Essenz von uns allen.

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