Berlinale-Blogger 2017 Heißer Jazz und siedende Geschichte

Reda Ketab als Jazz-Gitarrist Django Reinhardt.
Reda Ketab als Jazz-Gitarrist Django Reinhardt. | © Roger Arpajou

„Django“, der Film über den berühmten Jazz-Gitarristen Django Reinhardt, eröffnete die Berlinale. Doch die Filmbiografie legt weniger Wert auf seine musikalischen Fähigkeiten – und konzentriert sich vielmehr darauf, sein Leben als Sohn einer Sinti-Familie während des Zweiten Weltkriegs zu zeigen.

Der Film Django beginnt, und die ersten Töne, die erklingen, sind – wenig überraschend – die einer Gitarre. Die gespielten Melodien klingen harmonisch, die Szene ist es nicht. Es ist das Jahr 1943. Eine Gruppe von Sinti hat sich in einem französischen Wald versammelt, unter ihnen Männer, die gemeinsam musizieren. Deutsche Soldaten dringen in das Lager ein und erschießen die Musiker.

Die Szene bildet den Auftakt der Filmbiografie über den berühmten Jazz-Gitarristen Django Reinhardt, die weniger Wert auf sein spielerisches Können legt als darauf, wie er es mit seinen Sinti-Wurzeln geschafft hat, den Zweiten Weltkrieg zu überleben. Django ist der Eröffnungsfilm der 67. Berlinale – das Festival ist sich seiner historischen Signifikanz bewusst.

Zum ersten Mal hinter der Kamera

Weitere melodische Riffs folgen, während Django die Erlebnisse Reinhardts (Reda Ketab) in diesen Zeiten zeigt: die Einladungen und späteren Forderungen, er solle nach Deutschland reisen, und dort für Einflussnehmer wie Goebbels spielen. Auf der anderen Seite die Verfolgung der Sinti und Roma, die ihn dazu veranlasst, gemeinsam mit seiner Frau (Beata Palya) und seiner Mutter (BimBam Merstein) in die Schweiz zu fliehen. 
 
Drehbuchautor Etienne Comar tritt für diese Adaption von Alexis Salatkos Roman zum ersten Mal als Regisseur hinter die Kamera. In seinem Drehbuch für Des hommes et des dieux zeigte er im Jahr 2010 eine Gruppe von Mönchen, die die Entscheidung trifft, anderen zu helfen, obwohl dies ihre eigenen Leben gefährdet. Django bringt seinen Protagonisten in eine ähnliche Situation. 

Zu Beginn des Films neigt Reinhardt dazu, die Situation um sich herum zu ignorieren. Er angelt und musiziert – abgeschieden von der Politik. Je mehr ihn sein Talent aber in den Fokus des Nazi-Regimes rückt, umso mehr ist er dazu gezwungen, sich mit der Realität um sich herum auseinanderzusetzen, sie zu begreifen und schließlich aktiv daran zu arbeiten, sie zu verändern.

Stenographie der Gräueltaten

Trotzdem hält sich Django nicht sonderlich mit Details auf – braucht er auch nicht. Da das Thema Zweiter Weltkrieg selten weit von der großen Leinwand entfernt ist, sind die Zuschauer mit den Gräueltaten, die diese Zeit geprägt haben, mehr als vertraut.

Die Szenen von geheimen Gesprächen und Planungen sowie die offenkundigen Einschüchterungen und Grausamkeiten funktionieren fast wie eine Stenographie der Gräueltaten, die hier ungesehen bleiben. Ein Schuss, der das Leben eines alten Mannes auslöscht, knappe Verhörmethoden, die auf diskriminierenden Annahmen beruhen, zerstörerische Flammen, die weltliche Besitztümer auffressen – diese flüchtigen Eindrücke, gekoppelt mit einem Bewusstsein der Geschichte, sagen vieles aus. 

Der Soundtrack des Films beruht auf Reinhardts lebendigem Spiel und einem Originalstück, das der Gitarrist nach dem Krieg komponierte und das danach zu großen Teilen verloren war. Comars Ansatz zeigt damit den starken Kontrast von Horror und Kunst.

Geschichte füllt Lücken

Das ist auch der Raum, den die Berlinale einnimmt, indem sie mit einer Darstellung von Reinhardts Überleben und dem seiner Musik eröffnet. Wenige Minuten vom Berlinale-Palast entfernt, in dem Django seine Welt-Uraufführung hatte, sind Erinnerungen an die Vergangenheit sichtbar, die der Film wiedergibt. 

Und das Dokumentationszentrum „Topografie des Terrors“ füllt die Lücken des Films mit Details. Die grandiose Feier des kontemporären Films und das unerschütterliche Wissen um qualvolle vergangene Ereignisse existieren nebeneinander, und es ist nicht zu leugnen, dass eines das andere prägt.