Berlinale-Blogger 2017 Fühlen heißt glauben in „Call Me by Your Name“

Call Me By Your Name
Call Me By Your Name | © Sony Pictures Classics

Das größte Kompliment, das man „Call me by your name“ machen kann, ist zugleich das offensichtlichste: In den 130 Spielminuten beobachten und verstehen die Zuschauer nicht nur, wie sich ein siebzehnjähriger Junge in den charmanten neuen Assistenten seines Vaters verknallt; sie fühlen sich genau so, als wären sie in derselben Situation. Eine Liebesgeschichte zu erzählen, selbst eine, die nur so vor Ungewissheit brodelt - ist zugleich eine bekannte wie einfache Aufgabe. Aber die Gefühle nur so von der Leinwand strahlen zu lassen, jeden der Zuschauer anzustecken und in einer tiefgehenden Weise zu berühren, das ist deutlich seltener und schwieriger.
 

In Luca Guadagninos sommerlicher, liebesfokussierter Geschichte über das Erwachsenwerden, scheint die Begierde genauso hell wie die honigsüßen Strahlen der Sonne. Als sich der intellektuell reife, sexuell neugierige Elio (Timothée Chalamet) in den schönen, älteren Oliver (Armie Hammer) verliebt, ist Begierde seine maßgebliche Motivation. Der Jugendliche und der Mitte Zwanzigjährige teilen sich benachbarte Zimmer, haben Spaß zusammen und machen Fahrradtouren, unternehmen Badeausflüge, um der brennenden Hitze zu entfliehen, genießen ausgedehnte Mahlzeiten und folgen dem Weg, den ihnen ihre Gefühle vorgeben. Es ist 1983, sie sind in Italien auf einem Landsitz mit einem Obstgarten, die Tage sind lang und das Wetter ist schweißtreibend - und ihre Verbindung ist unmittelbar, genauso wie die der Zuschauer mit ihrer Geschichte.

 

Vorlage für den Film ist der gleichnamige, 2009 erschienene, Roman des Autors André Aciman.  Das Drehbuch stammt von Guadagnino, seinem regelmäßigen Kollaborateur und Call me by your name Lektor Walter Fasano sowie dem Regisseur James Ivory. Innerhalb der Handlung  passiert wenig, aber darum geht es auch nicht: In erster Linie geht es um das Gefühl der Sehnsucht. Als Elio versucht mit seiner Leidenschaft für Oliver zurechtzukommen, lenkt er sein Verlangen zunächst auf ein einheimisches Mädchen (Esther Garrel). Oliver arbeitet für Elios Vater (Michael Stuhlbarg) und scheint dabei nur seine Zeit totzuschlagen. So gehen beide unterschiedlich mit ihren inneren Konflikten um, ahnen aber zugleich was unumgänglich sein wird.
 
Mit seinen beiden jüngsten fiktionalen Projekten, seiner Filmografie – I Am Love und  A Bigger Splash, kann Guadagnino eine starke Erfolgsbilanz vorweisen. Es gelingt ihm Begierde, Sehnsucht und die dazugehörigen Verwicklungen auf überzeugende Weise zu vermitteln – auch sein neuestes Werk steht dem in nichts nach. Call me by your name trieft in jeder Szene förmlich vor Versuchung, drückt Dinge aus, die die Charaktere nicht immer sagen können und stellt sicher, dass der Zuschauer mit auf die Reise geht. Man spürt die leichte Berührung an der Schulter noch lange nachdem die Hand wieder verschwunden ist, verweilt an den in der Hitze gleißenden Oberkörpern, und pausiert um etwas länger an den verstohlenen Blicken haften zu bleiben. All dies sorgt für die unerlässliche, sinnliche Stimmung.
 
„Call Me By Your Name „Call Me By Your Name" Q&A bei der Berlinale 2017 | © Sarah Ward
Während dieser sonnendurchflutete Film mehr als drei Jahrzehnte zurückreist, ist es nicht die Nostalgie, die die Verbindung des Zuschauers mit dem Material anregt. Es ist viel mehr Guadagninos Perspektive, die die Lebendigkeit und Dringlichkeit der zentralen Geschichte wiedergibt. Call me by your name ist eine gefühlvolle und ehrliche Darstellung vom Wünschen, Suchen und Finden dieses ersten Erblühens einer jugendlichen Liebe, die aus dem Rahmen fällt, wenngleich das Erreichen dieser Unmittelbarkeit und dieses Einfühlungsvermögens ein Ergebnis vieler helfender Hände ist. Hammer spielt so gut wie noch nie zuvor und Stuhlbarg profitiert von einer unvergesslichen und gefühlvollen späten Szene. Aber es ist der atemberaubende junge Chalament, der wirklich jeden Blick transportiert, jede Stimmung, jeden Wunsch und jedes Bedürfnis, weit über Elio hinaus und hinein ins betrachten, fühlen und glauben der Herzen und Köpfe der Zuschauer.