Berlinale-Blogger 2017 Auf der Berlinale ist alles möglich

On Body and Soul
On Body and Soul | © Berlinale

Auf einem Filmfestival kann alles passieren. Zum Beispiel in einer magisch realistischen Verfilmung in der sich zwei verwandte Seelen in einem Schlachthaus treffen und in ihren Träumen eine Verbindung finden. Und in der Art von Schicksalswendungen, die man in einem Film erwarten würde, kann ein Außenseiter größere Favoriten in den Schatten stellen und sich als unerwarteter Sieger herausstellen. Am Ende der Berlinale 2017 bewies Ildikó Enyedis mit dem Goldenen Bären ausgezeichneter Film On Body and Soul das beides möglich sein kann.

Gewiss, wenn es eine Sache gibt, die Berlin jeden Februar abliefert, dann sind es Überraschungen. Dennoch, wenn ein Besuch der deutschen Hauptstadt den Versuch beinhaltet, sich durch mehr als 400 Filme durchzuarbeiten, kann das Umarmen des Unbekannten und das Gefühl der Entdeckung, das damit einhergeht, eine Stille inmitten des Trubels herstellen. Keine Vorführung während des zehntägigen Events glich der anderen. Und es war jedes Mal einzigartig in einem verdunkelten Kinosaal neben einen der 334.471 Kinobesucher zu sitzen. Das noch frostigere Wetter als gewöhnlich war nur der Anfang unerwarteter Entwicklungen auf der Berlinale – nicht das ein paar Plusgerade einen Unterschied für eine Australierin, die gerade aus der Sommerhitze der Südhalbkugel angereist war, gemacht hätten.

Tatsächlich traten selbst die vorhersagbaren Gewinner nicht so ein, wie erwartet. Aki Kaurismäkis Die andere Seite der Hoffnung war einer der am sehnlichst erwarteten Filme des Programms der Berlinale und im Wettbewerb selbst. Und dennoch setzte er noch einen drauf mit seinem trockenen Humor, seiner Herzlichkeit und Empathie, die sich nicht einfach an einen vorhersehbaren Narrativ hielt. Aufregung begleitete Einen schönen Tag noch, den ersten chinesischen Animationsfilm, der um den Hauptpreis des Festivals kämpfte. Allerdings gibt es einen Unterschied zwischen der Vorfreude darauf etwas anderes zu sehen und die brutale Philosophie des Films mit seinem ironischen Bezug zum modernen China aus erster Hand zu erleben. Jeder, der sich auch nur ein bisschen für Filme interessiert, wusste, dass sich Logan auf seinen messerschwingenden Helden konzentrieren würde, obwohl nicht vorhergesagt werden konnte, wie tief einen seine Überlegungen Trost in einer gefühllosen Welt zu finden, berühren würden. Und während der aufwändig produzierte Call Me By Your Name vom Sundance gehypt am Potsdamer Platz ankam, gibt es nichts Vergleichbares als selbst seiner  Wirkung zu verfallen.

Die andere Seite der Hoffnung Die andere Seite der Hoffnung | Malla Hukkanen © Sputnik Oy Dann kommen die anderen Glanzstücke, die in jedem Filmfestival-Programm, das mit filmischen Schätzen überfüllt ist, auf den ersten Blick im Verborgenen bleiben, für alle die, die bereit sind, sich diese anzuschauen. Ciao Ciao trifft durch die Beschreibung jugendlicher Malaise eine gesellschaftliche Aussage, während Dayveon die Gewaltspirale offenbarte, die einen Jugendlichen in einer „Banden-Nachbarschaft“ umgibt. Sommer 1993 beschreibt die Ankunft einer Sechsjährigen in einer neuen Familie und erforscht ein jüngeres Alter. In Newton, erweisen sich die Versuche den Demokratisierungsprozess aufrecht zu erhalten als Vorlage für warme Filmaufnahmen und finstere Comedy, wovon beides am Ende in Erinnerung bleibt. Das polnische Krimi-Märchen Spoor bietet eine vergleichbare Art von Humor, verbunden mit einem launisch, grüblerischen Ton und Bildmaterial mit anhaltenden Wirkungen, genauso wie seine herumspukenden Tiere.

Verstärkt durch die Starpower von Charlie Hunnam und Robert Pattinson hat Die versunkene Stadt Z den klassischen Ansatz eines wahren Abenteuers - mit packendem und nachdenklichem Ergebnis. Dies liegt vor allem an der großen Erfahrung des Regisseurs James Gray. Am anderen Ende der Skala durchquert die erstmalige britische Verfilmung God’s Own Country die Landschaft, während das Auftreffen und die Gefühle in der ländlichen Umgebung der Romanze noch ergreifender sind und das Gefühl der Intimität noch steigern. Beim Aufzeichnen der Höhen und Tiefen einer über mehrere Jahre andauernden schwierigen Liebesgeschichte begünstigt der Beitrag einer neuen rumänischen Generation, Ana, mon amour, das Letztere, was zu einem komplizierten Ende führt.

Die versunkene Stadt Z Die versunkene Stadt Z | © 2016 LCOZ HOLDINGS, LLC / Aidan Monaghan Wie immer bei einem Filmfestival könnte die Liste schier endlos weitergeführt werden. Der vielleicht am wenigsten überraschende Aspekt des Besuchs der Berlinale ist weder die Effizienz mit welcher alles abläuft, selbst wenn 1600 Menschen morgens um neun Uhr in den Berlinale Palast strömen; noch die Seufzer auslösende Unvermeidbarkeit erduldeter Störungen durch die Bildschirme der Smartphones; oder das Erblicken von Menschenmengen die tagtäglich lautstark einen flüchtigen Blick auf die Berühmtheit, die das Festival besucht, einfordern; nicht einmal das früher oder später einsetzende Anpassen an das kalte Klima und das damit einhergehende Tragen von Schichten. Stattdessen ist es das Wiederentfachen eines scheinbar unstillbaren Durstes, der einen dazu anhält mehr und mehr anzuschauen, trotz der Sehnsucht nach Tageslicht, Gemüse, an einem anderen Ort sitzen zu wollen als in einem der sehr bequemen Kinosessel des Festivals und die allgegenwärtigen Plakate zum Film John Wick: Kapitel 2, die in der gesamten Stadt hängen, zu betrachten. Jeder Cineast teilt dieses Gefühl und es gibt keinen besseren Ort die Liebe zum Medium Film zu fördern als auf dem weltweit größten Publikumsfilmfestival.